Enemy von Denis Villeneuve

In Enemy muss sich Jake Gyllenhaal Spinnen und einem Doppelgänger erwehren – ein zäher Kampf, auch für das Publikum.

Keine Frage: Enemy wird im Frühsommer das Grusel-Highlight aller Arachnophobiker. Denis Villeneuves Film dürfte bei Menschen, die sich vor Spinnen fürchten, für Gänsehautschauer und ein veritables Schockfinale sorgen. Achtung: In einigen Einstellungen sind achtbeinige, behaarte Riesenwesen zu sehen! Und es gibt ebenfalls gute Nachrichten für all jene, die panische Angst haben vor Feinstaubbelastung. Auch sie wird im Kino milder Horror überkommen: Die Leinwand ist von Anfang bis Ende und bis zum kompletten Überdruss wahlweise wüstensandsturm- oder pissgelb eingefiltert. Da fehlt nur noch das Trostpflaster für alle, die nicht in die beiden genannten Zielgruppen fallen: Vom Vor- bis zum Abspann dauert die Geduldsübung namens Enemy nicht länger als stoppuhrgemessene 90 Minuten. Mehr konnte Regisseur Villeneuve (Prisoners) seiner spinnfadendünnen Doppelgängergeschichte nicht abtrotzen.

Enemy will offensichtlich mit seinen Stilwerten punkten, die zweifellos vorhanden sind. Siehe: Musik (Daniel Bensi und Saunder Jurriaans), Kamera (Nicolas Bolduc), Feinstaub, Spinne. Die Handlung bietet nur einen Rahmen für diffus Atmosphärisches, das Stimmungsbarometer tendiert dabei von drückend zu vollkommen lethargisch. Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal gerät in eine Verwechslungsgeschichte mit einem Doppelgänger, der ihm bis auf’s Haar gleicht. Je näher sich die beiden kommen, umso mehr verlieren sie die Kontrolle über ihr Leben und ihr Selbst. Gyllenhaal ist zugleich der Geschichtslehrer Adam und der B-Schauspieler Anthony, ihm zur Seite steht jeweils eine blonde Freundin (Mélanie Laurent) beziehungsweise Frau (Sarah Gadon), die Letztere hochschwanger.

Villeneuve lässt sich Zeit bei der Entfaltung dieser Konstellation, die in einem Identitäts- und Partnertausch der zwei Gyllenhaal-Ichs gipfelt, einem Motiv, das in der Blödelkomödie bestens etabliert ist. Enemy verwandelt es in eine philosophische Meditation auf den Individualismus, die man in ihrem Kern und als zeitdiagnostischen Kommentar immer noch humorvoll finden könnte: Die Erkenntnis, dass ein anderer Mensch dir zu ähnlich ist, wächst sich zu einer unaufhaltsamen existenziellen Krise aus. Die Verwechslungsklamotte als Psychothriller also – man verrät nicht zu viel mit der Feststellung, dass die Geschichte nicht für alle Beteiligten gut ausgeht.

Den Stoff für die spanisch-kanadische Koproduktion lieferte dabei der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago. Der Film ist angelehnt an dessen Roman Der Doppelgänger aus dem Jahr 2002. Bei Saramago ging es vordergründig um den eben skizzierten Identitätskonflikt, auf einer weiteren und grundlegenderen Ebene aber um den Versuch, den Modus des Erzählens selbst zu reflektieren, aufzubrechen, zu dekonstruieren. Villeneuve streicht, in einer Drehbuchadaption von Javier Gullón, alles Selbstreferenzielle rigoros, er transferiert das Geschehen nach Toronto und lässt zu lyrischen Klarinettenklängen Riesenspinnen über die Skyline marschieren. So bleibt auf der Leinwand nur das Verwirrspiel um die Doppelgänger und ihre Geliebten, in Szene gesetzt als Stilübung in Gelbfilterschattierungen.

Ein Aspekt der Literaturvorlage immerhin ist überzeugend umgesetzt: Die äußerst zähe Entwicklung der Geschichte ist bereits bei Saramago angelegt und wird dort deutlich herausgestellt. Diese Werktreue entwickelt auch im Film nachhaltige Wirkung, eine ziemlich sedierende allerdings. Ein dramatischer Höhepunkt wird im letzten Drittel gesetzt: Gyllenhaal steht als das Schauspieler-Ich Anthony vor dem Spiegel und schreit sich an: »Hast du meine Frau gefickt?!« Es hört sich an wie ein völlig verzerrtes Echo auf Arthur Rimbauds Diktum: »Ich ist ein anderer.«

Die bemerkenswerteste Szene des Films aber ist eine andere. Man sieht, wie Geschichtslehrer Adam seine Studenten über die Gesetzmäßigkeiten der Diktatur aufklärt. Er erzählt von Hegel, zitiert Marx: Alles in der Weltgeschichte ereigne sich zwei Mal, »das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce«. Könnte es sein, dass dieses Zitat der einzige selbstreflexive Lichtblick in diesem feinstaubvernebelten Psychotrauerspiel ist?

ENEMY
SPANIEN, CANADA 2013
REGIE: DENIS VILLENEUVE
MIT JAKE GYLLENHAAL, MÉLANIE LAURENT, SARAH GADON, ISABELLA ROSSELLINI U. A.
START: 22. Mai 2014