EMA, digitales Dauerfeuer

Foto: Tariq Bold

EMA hat 4.500 Twitter-Follower, 12.000 Facebook-Fans und noch keine 20.000 Platten verkauft. Viel ist das nur, wenn man die Menschen hinter diesen Zahlen als Bedrohung der eigenen Privatsphäre begreift. Ihr ebenso schonungsloses wie selbstfixiertes Debütalbum machte Erika M. Anderson erst zur Hoffnung der schmerzerprobten Rockmusik – und dann ein bisschen paranoid. Der Nachfolger The Future’s Void scheint auch deshalb die persönliche Perspektive zu opfern und seine zehn Finger in Wunden zu legen, an denen die Künstlerin nicht alleine leidet. Bis man merkt, wo es wirklich brennt.

EMA hat ein TMI-Problem. Ihre Jugend als Goth-Kid und Außenseiterin, die abrasierten Haare und das Nine-Inch-Nails-T-Shirt, selbst ihr Faible für den zu kurz geratenen Metalstar Glenn Danzig: alles lückenlos belegt. Im Mai 2011 erschien dann ihr Solodebüt Past Life Martyred Saints und informierte auch noch darüber, wer sich früher was wohin geritzt hat, wie die Pillen am besten wirken und welche Abschlussballkönigin sich als erstes ins Knie ficken kann.

Nichts schien zu weit zu gehen für Erika M. Anderson aus Portland. Zu ihren schwer verdaulichen Geschichten spielte sie Noise- und Folkrock mit Querverweisen auf Industrial und In Utero, zusammengenommen war es einigermaßen unerträglich und natürlich gerade deshalb geil. Am Bild der Künstlerin, die keine Geheimnisse vor dem Aufnahmegerät hat, gibt es auch drei Jahre später nichts zu rütteln, wenn Anderson nun ihre zweite Platte veröffentlicht. Wer bisher aber dachte, dass EMA prinzipiell gar nichts peinlich sei, wird sich wundern über The Future’s Void.

»Ich schäme mich ein bisschen dafür, das Album zu veröffentlichen«, sagt Anderson Mitte Februar im Berliner Büro ihres Labels. Noch Monate nach Vollendung der Platte scheint sie unter ihren Themen zu leiden. Im Gespräch rauft sie sich die Haare und rutscht auf ihrem Stuhl herum. The Future’s Void enthält zehn Songs, von denen sich die meisten mit dem Internet, seinen Möglichkeiten zur Überwachung und den Reaktionen der Überwachten beschäftigen. Ausgangspunkt dafür war nicht Edward Snowden – als der sein NSA-Wissen verbreitete, war das Album bereits fertig –, sondern Andersons eigener Erfahrungsschatz.

Past Life Martyred Saints verhalf ihr zu größerer Online-Präsenz; keine Klicks und Likes in Millionenhöhe, aber doch genügend Aufsehen, um auch ein paar Trolle anzulocken. »EMA sollte lieber bei McDonald’s arbeiten statt zu singen«, schrieb jemand bei YouTube unter eines ihres Videos. Anderson las das und alles andere, sie betrachtete immer wieder die immer gleichen Pressefotos von sich selbst und fand es zum Kotzen. »Ich hätte mich über die Aufmerksamkeit freuen sollen, aber ich fühlte mich unwohl damit. Sie machte mich traurig und wütend.«

Anderson schrieb also darüber und schämte sich dafür. Nach den persönlichen Grenzerfahrungsgeschichten von Past Life Martyred Saints, einer Art äußerem inneren Indierock-Monolog, sollte der Nachfolger nicht davon gezeichnet sein, was Technologie und Online-Streitkultur mit ihren Gedanken machten. Das Thema wollte aber nicht verschwinden, und jetzt handelt »3Jane« als Herzstück auf The Future’s Void davon, sich nicht öffentlich offenbaren zu wollen, dem Druck zu widerstehen und auch mal ein Geheimnis für sich zu behalten. »I don’t want to put myself out / And turn it into a refrain«, singt Anderson im Refrain des Songs, denn sie weiß: »It’s all just a big advertising campaign«. Nur zu verdienen gibt es dabei nichts. »Twitter-Follower sind ja nicht wie Dollarscheine. Man kann sie nicht zur Bank bringen und einzahlen.«

Die Suche nach Authentischem, die Bereitschaft zur Verweigerung und die Hoffnung auf Verlangsamung, die EMA mit »3Jane« formuliert, wirken 2014 ebenso aufrichtig wie altmodisch: Rückbesinnungen auf eine Neunzigerjahre-Jugend, die auch den harschen Umgang mit Computerkrach und die Grunge-Pop-Untertöne von The Future’s Void erklären. Anderson wurde 1982 in Sioux Falls, South Dakota geboren. Im Biologieunterricht kreuzigte sie den Frosch, den sie sezieren sollte, nachmittags spielte sie als erste Rockbandfrontfrau der Stadt in Gruppen wie Man Hater und Swamp Pussy. Schon hier entwickelte sich Andersons Vorliebe für Liveshows zwischen Performance Art und Exorzismus, die sie nach der Highschool in die Noisepunk-Szenen von Los Angeles und San Francisco mitbrachte. Als Sängerin und Gitarristin der Band Gowns veröffentlichte sie zwei EPs und 2007 das freiförmige Psychfolk-Album Red State. Mit ihrem Synthie- und Viola-Spieler Ezra Buchla war sie zusammen, das Ende der Beziehung besiegelte dann 2010 auch das Ende des Projekts. Anderson ging nach Portland und fing als EMA von vorn an.

Im Keller ihres Hauses hat sie sich ein Tonstudio mit allerlei Synthesizern vollgestellt; hauptsächlich ältere Modelle, aus denen sie kaum zweimal das gleiche Geräusch herausbekommt. Man stellt sich den Raum gleich als fensterlose Folterkammer vor, er ist aber vor allem praktisch gedacht. Zwischen der Idee und dem ersten Take liegen bei EMA in der Regel nur ein paar Minuten, geradegebogen wird danach nicht mehr viel. Schon die Vorstellung, in einem richtigen Studio aufzunehmen, behagt Anderson nicht: »Dann müsste ich ja einen Teil der Kontrolle abgeben.« Lieber sind ihr Unmittelbarkeit und Selbsterkenntnis, ganz schlimm wäre ein EMA- Stück, das nicht erlebt, sondern aufgeführt klingt. »Songwriting ist tatsächlich eine Art Selbstfindung«, sagt Anderson und meint das mit Betonung auf »Findung«. »Ich denke mir die Worte und Melodien nicht aus, sie sind von vornherein da. Der Trick ist eher, alles aus dem Weg zu räumen, was den Blick auf sie verdeckt.«

Dafür gibt es ganz einfache Methoden: ein Nickerchen, einen Spaziergang, einmal kalt abduschen. Selbstbestrafung und -herabwürdigung gehören nicht dazu, auch wenn The Future’s Void wieder danach klingt. Anderson kennt noch immer keinen Schongang, sie bestreitet das Album als Machtkampf mit der verwendeten Technologie. Das Rauschen und Kreischen der Maschinensteht dem Rauschen und Kreischen der Sängerin gegenüber, alles qualmt und riecht durchgeschmort. »Wir stellen uns Technologie immer als etwas Sauberes und Binäres vor, als wäre sie vakuum-verpackt«, sagt Anderson und weiß es besser. Auf The Future’s Void ist die Technik unberechenbar und anfällig für Fehler. Das Album könnte einem jederzeit um die Ohren fliegen.

Für ihre Texte leitet Anderson daraus ein Misstrauen ab, das sie sehr schön als »nostalgische Paranoia« bezeichnet. Mit der Vorabsingle »Satellites« sucht sie nach Parallelen zwischen der flächendeckenden Überwachung, wie sie in sowjetischen Satellitenstaaten üblich war, und heutiger Online-Bespitzelung. Die vermeintlich einfacheren Zeiten, in denen Berliner Mauer und Eiserner Vorhang noch klare Trennlinien zogen, erscheinen im digitalen Überwältigungsdauerfeuer des Stücks beinahe romantisch – früher glaubte man wenigstens zu wissen, wem man trauen konnte und wem nicht.

Ein gefährlicher Gedanke, findet Anderson, die mit »Satellites« keine Geschichtsverharmlosung betreiben will. »Ich betrachte nur die Gemeinsamkeiten. Schon in den Achtzigern beruhte das Ausspio- nieren der Bevölkerung auf dem gleichen Prinzip wie heute: Chancen- gleichheit und Sicherheit wurden im Austausch für Überwachung angeboten. Als Songwriterin interessiert mich, wie sich Menschen verändern, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden.«

Man landet dann schnell bei NSA, GHCQ und anderen Buchstabenkürzeln, die für graue Bürokomplexe mit weitläufigen Parkplätzen stehen. Anderson empört sich gleich doppelt über Snowdens Enthüllungen. Nicht nur ihren Browserverlauf hätte sie gern zurück, auch The Future’s Void wirkt plötzlich tagesaktueller, als es gedacht war – wie ein Album, das Antworten auf Fragen geben muss, die noch gar nicht gestellt wurden. »Bisher kann sich niemand ein Bild von den Konsequenzen machen«, glaubt Anderson. »Staatliche Überwachung ist eine Sache. Was aber ist mit den ganzen Banken und Werbeagenturen, die genauso viel über uns wissen wie die Regierung?« Noch eine Frage, die zwangsläufig mitschwingt, wenn man im Frühjahr 2014 eine Platte wie The Future’s Void hört.

Für reine Science-Fiction-Dystopie klingt das Album zu geerdet, sein Verfolgungswahn zu echt. Die neuen EMA-Songs handeln zwar vom Internet, Anderson schreibt aber doch wieder über sich selbst. »Die Aufmerksamkeit, die mein Debütalbum erfuhr, hat mich ein bisschen verrückt gemacht«, sagt sie. »Es gibt Leute, die wissen, wie ich aussehe. Leute, die meine Motive hinterfragen. Ich fühle mich deshalb weniger frei als vor drei Jahren.«

SPEX präsentiert EMA live
21.05. Hamburg – Uebel & Gefährlich
22.05. Köln – Blue Shell
23.05. Berlin – Prince Charles
Außerdem:
28.05. Zürich – Bogen