Wiesbaden am Bosporus: Die Geschichte hinter Elektro-Dschungel

1988, als sich die dreieinhalbjährige Schlosser-, Schneider- oder Elektronikerausbildung der meisten Bandmitglieder ihrem Ende entgegen neigt, gehen Elektro-Dschungel mit knapp dreißig Swatch-tragenden Musikern und Helfern auf Deutschlandtour. Von Stuttgart aus geht es nach Berlin – „durch die Zone“, wie Nacke sich schmunzelnd erinnert. Dort spielt die Band zwei Tage in Folge in einem großen Zelt in Kreuzberg. Am ersten Tag ziehen sie knapp 100 Menschen an. Die sorgen dann dafür, dass das Zelt am zweiten Tag aus allen Nähten platzt und die junge Band auf der Busfahrt zum nächsten Gig von der großen Welteroberung und dem Rockstarleben träumt. Mit genau sieben Besuchern holt sie ihr folgender Auftritt in Hamburg wieder auf den Boden zurück: „In Bielefeld war dafür aber wieder full house“, sagt Nacke trotzig. Azkali fügt hinzu: „Zwischen diesen sieben und knapp 400 Leuten haben wir alles mitgemacht.“

Mit dem Ende ihrer Ausbildung lebt sich die Band auseinander. Die Auszubildenden beginnen ihre Arbeit in Betrieben, andere gehen wie Ağören studieren: „Es gab dann oft Situationen, wo ich um vier Uhr in der Pflichtveranstaltung in Wiesbaden war und um fünf beim Konzert in Mainz sein musste.“  Doch der kommerzielle Höhepunkt sollte erst zwei Jahre später kommen – zu einer Zeit, als die meisten Musiker schon lange mit Elektro Dschungel abgeschlossen haben.

1989 sucht Udo Lindenberg, der gerade einen Herzinfarkt überstanden hat, nach einem passenden Abschluss für ein unerhört erfolgreiches Jahrzehnt. Also begeistert er sich für Deutschland als multikulturellen Ort und nimmt das Album Bunte Republik Deutschland auf, das pünktlich zur Wiedervereinigung erscheint. Elektro-Dschungel scheinen wie geschaffen für Lindenbergs culture-clash-Konzept. Er lädt die Band ein, ihn 1990 auf zwei Stopps seiner Tour zu unterstützen – selbstverständlich ohne Entlohnung, schließlich sei es Ehre genug, mit dem großen Popstar auf Tour zu gehen, hieß es. Sie handeln aus, dass zumindest für Essen gesorgt wäre und jeder jemanden mitbringen könne.

Als die nun knapp 20 Leute hinter der Bühne einer großen Arena nicht einmal Wasser vorfinden, bekommen die ersten ein schlechtes Gefühl, das sich bestätigen würde: Drei Songs sollen Elektro-Dschungel in einer Pause Lindenbergs spielen – natürlich inklusive spektakulärer Bühnenshow, Tänzerinnen und Feuerspuckern. Bei der Hälfte des zweiten Songs angelangt wird ihnen plötzlich der Ton weggedreht und Udos Roadies schieben die frustrierte Band trotz Protesten von der Bühne. So bildet sich also ein wütender, kostümierter Mob vor Lindenbergs Garderobe, der dort bleibt, bis der Sänger irgendwann endlich fertig ist und sich ihrer Kritik stellt. Auftritt hin oder her, zumindest das versprochene Essen solle doch nicht zu viel verlangt sein. „Der wusste natürlich nicht mal den Namen von der Gruppe“, sagt Nacke. „Am Ende hat sich der Lindenberg auch bei uns entschuldigt und hat seinem Kompanion gesagt, er soll uns dann einen Schein aus seinem Geldbündel geben“, so Nacke weiter. „Wir haben also unsere Elektro-Saz genommen, sind in eine türkische Gaststätte und haben da den Abend Party gefeiert.“

Auch wenn Lindenberg sich beim zweiten Auftritt rehabilitiert, steht die Geschichte symptomatisch für den Werdegang und die Relevanz von Elektro-Dschungel. Den großen kommerziellen Erfolg verpassten die Wiesbadener knapp. Aber wer braucht schon die große Bühne, wenn man auch einen Imbiss in eine Fete verwandeln kann? Auf die Frage, was den ehemaligen Bandmitgliedern rückblickend am wichtigsten ist, wird Temel Azakli, der im Gespräch bisher vor allem scherzte, plötzlich ernst: „Dieses Projekt zeigt doch gerade heute am schönsten, dass man mit verschiedenen Nationalitäten zusammen leben kann, wenn nicht jeder auf seinen Standpunkt pocht. Wenn jeder sagt: Ich bewege mich ein bisschen, du bewegst dich ein bisschen, dann könnte es doch alles so schön funktionieren.“ Beweisstück 1: Kebab- und andere Träume.

 

Die Neuauflage von Kebab- und andere Träume von Elektro-Dschungel ist über das Label Edition Dschungel erschienen, einer Kooperation zwischen dem Frankfurter Plattenladen Tactile Music und den Blogs What Is Wrong With Grooving und Sounds And Noises . In Zukunft möchte das Label unveröffentlichte Stücke von Elektro-Dschungel und anderen Bands um Winfried Nacke herausbringen.

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