Wiesbaden am Bosporus: Die Geschichte hinter Elektro-Dschungel

„Jeder will natürlich eine Platte machen. Aber wie wir zu der Platte gekommen sind, weiß ich echt nicht mehr so genau“, sagt Azkali. Seine ehemaligen Bandmitglieder vorm Computer müssen lachen. 1987 ist es nämlich so weit: Das erste Album steht an. Auf der Suche nach einem Tonstudio kommt Elektro-Dschungel Nackes Netzwerk zu Gute. Sein ehemaliger Saxophonlehrer kann der Gruppe ein Studio besorgen – zum Freundschaftspreis, allerdings nur mit acht Spuren für Aufnahmen. „Alleine die Percussion brauchte fünf bis sechs Spuren. Also haben wir ständig ‚zurückgemischt‘, also mehrere Spuren zusammengelegt. Ich habe mir ständig aufgeschrieben, wo noch eine Lücke ist, wo man noch etwas drübermixen könnte“, sagte Nacke.

Das Ergebnis Kebab- und andere Träume mag unterteilt sein in eine West- und eine Ost-Seite, doch bringt auf jedem der neun Tracks deutsche, türkische und nordafrikanische Kultur näher aneinander, als das im zersplitterten Deutschland der Achtziger vorstellbar war. Deutsch-türkischer Pop folgt auf ein Cover von Deutsch Amerikanische Freundschaft folgt auf französischsprachigen Proto-Rap. Die omnipräsenten Percussion-Rhythmen, die Saz, die klirrenden New-Wave-Gitarren und das stoische Schlagzeugspiel, das fast ohne Details auskommt – vielleicht auch weil Schlagzeger Andy Doré erst zwei Tage vor den Aufnahmen wegen eines Armbruchs für Yusuf Cira einspringt. Wie konnte das alles so gut zusammen funktionieren?

Elektro-Dschungel spielen immer mehr Konzerte, auch über die Landesgrenzen Hessens und der Pfalz hinaus. Es folgen Auftritte im ZDF, im Lokalfernsehen, für das Mainzer Literaturbüro spielt die Band einen Song für das „Literaturtelefon“ ein, der dann wochenlang im Radio läuft. Nacke kennt einen Mitarbeiter der Uhrenfirma Swatch, der seinem Chef einen ihrer Fernsehauftritte zeigt. Dieser bittet die Band, auf der Weihnachtsfeier der internationalen Swatch Group aufzutreten. „Er hat mich förmlich angefleht“, stellt Nacke klar.

Es ist nicht das erste Mal, dass Nackes Kontaktfreudigkeit die Band weiterbringt: Zum Beispiel kennt er über mehrere Ecken Gabi Delgado von DAF und verschafft Elektro-Dschungel so die Erlaubnis, deren Stück Kebabträume zu covern. Oder er nimmt ein paar Mastertapes mit nach Jamaika, wo ein Schüler von Prince Jammy (seinerseits Schüler vom Dub-Meister King Tubby) aus dem Stück „Oriental Pop“ eine Dub-Version bastelt. Im Zuge dessen widmet der renommierte jamaikanische Journalist, Radiomoderator und Biograph Bob Marleys Dermot Hussey Elektro-Dschungel eine ganze Radiosendung.

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