Wiesbaden am Bosporus: Die Geschichte hinter Elektro-Dschungel

Das möchten besagte Jungs natürlich nicht auf sich sitzen lassen, auch nicht dreißig Jahre später. An einem kalten Winterabend sitzen Temel Azakli, der für Kebab- und andere Träume Gesang und Percussion beisteuerte, Saz-Spieler Ali Rıza Ağören und Schlagzeuger Andy Doré in Nackes Wohnung vor einem Computer und amüsieren sich. Ağören hat seinen Sohn dabei, der sich für Rap interessiert und mit dem der unermüdliche Nacke in Zukunft zusammenarbeiten möchte. Er und der frühere Schlagzeuger Yusuf Cira hätten schon gemeinsam klassische türkische Volksmusik gespielt, erzählen sie, noch bevor sie Nackes AG beigetreten seien. „Da waren wir schon skeptisch, ob das klappt mit den anderen. Aber als dann auch Temel da war, wollten wir es Mal probieren“, sagt Ağören.

Was dann passiert, ist die wirkliche Magie hinter Elektro-Dschungel. Statt Coverversionen von Evergreens oder eben Orff durchzusetzen, verliebt Nacke sich in die türkische Musik, die seine Schüler auf Kassetten des deutsch-türkischen Labels Türküola mitbringen. Ihn begeistert der wilde Mix aus Folklore, Disco und Prog-Rock von Bands wie Derdiyoklar Ikilisi oder Akbaba Ikilisi. Also lässt er die Jugendlichen immer weiter Kassetten mitbringen, auch mit türkischer, marokkanischer oder algerischer Musik. Anfangs noch Oum Kalthoum auf Kisten und Tischen trommelnd, eignet sich die Band ein paar türkische Standards wie zum Beispiel „Eminem“ an.

Die lauwarme Rezeption des „orientalischen“ Teils ihres Repertoires bei ihrem ersten Auftritt verpasst der Truppe einen kurzen Dämpfer, allerdings wendet sich das Blatt gleich wieder, als sie knapp eine Woche später eine Wiesbadener Schule mit hohem Ausländeranteil zum Tanzen bringen. Die noch unbenannte Band packt der Ehrgeiz – und die Lust auf Symbiose: „Klar war der Anfang schwer, aber dann kamen mit der Zeit sehr viele Leute und es hat angefangen, richtig Spaß zu machen“, sagt Ağören. „Ich konnte halt das Wissen, das ich hatte, nutzen und musste mich nicht verbiegen.“

Das einzige Problem: Töne und Rhythmen in türkischer Musik unterscheiden sich mitunter stark von denen der „westlichen“ Variante. Die Türkische Saz so zu stimmen, dass die mit einer E-Gitarre harmoniert, war ein fast so großes Hindernis wie überhaupt eine Saz mit Tonabnehmern zu finden. „Es war schwer, unkonventionelle Stücke zu arrangieren und diese in klassische Skalen umzuwandeln“, sagt Nacke. „Was mir persönlich stark geholfen hat, waren die Aufenthalte mit den Musikern damals vor Ort“, so Nacke.

 

So trifft er zum Beispiel Safi Boutella, den Keyboarder des bekannten algerischen Sängers Cheb Khaled, in Strasbourg und lässt sich ein paar Akkorde zeigen: „Ich bin dann selbst auch öfter nach Istanbul gefahren und habe mich musikalisch schlau gemacht“, erzählt er. „Ich habe mich teils auch verdeckt mit Musikern wie Taskin Sabah oder Mahzuni Serif getroffen, kleine Interviews gemacht und mir ein paar Tricks zeigen lassen.“ Über das Label Türküola kontaktiert er etwa den erfolgreichen türkischen Künstler Ali Derdiyoklar, der damals schon in Deutschland wohnte. Am Ende spielte Derdiyoklar sogar die Saz für ein paar Stücke auf Kebab- Und Andere Träume ein.

1985 ist von Aufnahmen allerdings noch keine Rede, im Gegenteil. Das Projekt droht sogar zu scheitern: Ein wegen Jugendschutzgesetzen aus der Innenstadt vertriebener Bordellbesitzer klagt gegen die Jugendwerkstatt, die gleich neben seinem neuen Etablissement eröffnet wurde, offenbar aus Angst vor einem erneuten Umzug. Stattdessen muss Nackes Einrichtung umziehen, was den positiven Nebeneffekt hat, dass sich die bis dato 12 Quadratmeter Proberaum vervielfältigen. Die drei folgenden Monate voller Umbauarbeiten nach Feierabend bringen die Jugendlichen an die Grenzen ihrer Motivation. Doch dafür gibt es jetzt Platz für Mixer, Instrumente, Verstärker – Dinge, die Elektro-Dschungel bis dato kaum hatte.

Diesen jedoch zu füllen, stellt die Gruppe vor neue Aufgaben: „Man steht beim Jugendamt, um Fördermittel zu beantragen, und die sagen: Gehen Sie zum Kulturamt, weil es um Musik geht. Das Kulturamt sagt, es geht um Jugendliche, also muss man zum Jugendamt“, erzählt Nacke. Am Ende stellt ihm der Leiter der Jugendwerkstatt 3000 DM (1500€) zur Verfügung, vor allem aber regt sich in der Jugendwerkstatt eine neue Begeisterung für das Musikprojekt: Elektroniker aus dem Betrieb bauen Verstärker, sogar eine Gesangsanlage. Sie sind es auch, die für das Cover der Platte den Baum aus Kabelwust beisteuern werden.

Nackes Büro quillt über vor Auszubildenden, die unbedingt mitmachen möchten – ein Enthusiasmus, der sich auch in den folgenden Konzerten niederschlägt: Längst stehen nicht mehr nur die Musiker auf der Bühne, sondern auch ein Feuerspucker oder ein Zauberer mit einer magischen Kiste, aus der er die beiden Coversong-Schneiderinnen, mittlerweile zu Sängerinnen gereift, spektakulär kostümiert heraustanzen lässt. Hinter der Bühne mischen Jugendliche aus verschiedensten Ecken der Gesellschaft den Ton, bauen Bühnenbilder oder kochen Truppe und Publikum Essen. Der multikulturelle Feierabend-Zeitvertreib wird mehr und mehr zu einem professionellen, multimedialen Kunstprojekt.

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