Wiesbaden am Bosporus: Die Geschichte hinter Elektro-Dschungel

Kebab- und andere Träume von Elektro-Dschungel ist Völkerverständigung auf Albumlänge. Das 1987 erschienene Album vereint türkische Folklore, Neue Deutsche Welle und französischen Rap. SPEX rollt die Geschichte des übersehenen Meisterwerks neu auf. Schließlich ist es heute relevanter denn je.

Fotos: Ottmar Schick

Einstieg Ursuppe: Eine Gruppe Menschen sitzt um ein Feuer herum. Ihre Gesichter sind bunt geschminkt, sie tragen Lendenschurze und Tücher, rechts bläst jemand einen Feuerball in die Luft – pure Steinzeitidylle, könnte man meinen. Doch das vermeintlich wärmende Feuer ist aus Holz, die Lianen Kabelsalat, der Boden schwarze Folie. Willkommen im Elektro-Dschungel.

Cover: DeePee (Infrarot)

Kebab- und andere Träume ist ein so ungewöhnliches Album wie sein Cover. Es ist das einzige, das Elektro-Dschungel je aufgenommen haben und wurde ausschließlich privat gepresst. Eine Rarität für Sammler obskurer Musik also, dem ein gewisser Ruf vorauseilt. Weil nachweislich nur knapp 2000 Exemplare im Umlauf sind, einerseits. Aber eben auch, weil das 1987 erschienene Album ein einzigartiges Stück deutscher Musikgeschichte ist.

Ausgerechnet in Wiesbaden fusionierten damals türkische, nordafrikanische und „westliche“ Musiktraditionen in den Händen junger Auszubildender, von denen die meisten vor und nach ihrem Engagement wenig mit Musik zu tun hatten. Kebab- und andere Träume ist eine wichtige Parabel für die Möglichkeiten eines melting pot, ein Paradebeispiel für die vielbesprochenen „Chancen von Integration“. Im Wiesbaden der Achtzigerjahre beginnt sie mit dem Sozialpädagogen Winfried Nacke.

1984 ist Nacke die Art Jugendarbeiter, den der Wiesbadener Nachwuchs braucht: Offen, neugierig und gerade frisch vom Studium in Jamaika zurückgekehrt, findet er eine Anstellung bei der eben gegründeten Wiesbadener Jugendwerkstatt. Diese bietet Jugendlichen – insbesondere denen aus schwierigen Verhältnissen – die Möglichkeit, Ausbildungsberufe zu erlernen und sich auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Dazu gibt es ein Freizeitangebot, in dem der musikaffine Pädagoge Nacke neben Sport und Kochen schnell auch Musik als gemeinsame Tätigkeit etabliert. Der Chef der Einrichtung habe dabei an die therapeutische Wirkung von Karl Orff gedacht, erzählt Nacke heute und lacht. Dass dabei nach Feierabend eine durchgeknallte Kombination aus türkischem Folk, Jazz, Funk und Neuer Deutscher Welle entstehen würde, habe damals niemand geglaubt.

Das erste Treffen verspricht in der Tat noch keine interkontinentale Big Band hervorzubringen: Zwei Mädchen, die gerade ihre Ausbildung zur Schneiderin begonnen haben, tauchen auf, um „Sag mir wo die Blumen sind“ von Marlene Dietrich und „Morning Has Broken“ von Cat Stevens auf der Akustikgitarre zu lernen. Nacke findet sich schon mit einem geringen Interesse seitens der Jugendlichen ab, ist dann aber umso überraschter, als in der darauf folgenden Woche ein paar türkische Jungs aus der Schlosserausbildung auftauchen. Er habe seine Rechnung ohne die Libido gemacht, sagt er heute augenzwinkernd.

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