El Perro Del Mar – Mutti managt die Krise

Foto: Felix Odell

Sarah Assbring hat einen Sohn geboren, jetzt ist sie hoffnungsschwanger. Unter dem Namen El Perro Del Mar kultivierte die Schwedin 13 Jahre lang eine zünftige Be-bop-a-lula-Depression. Nun beendet ihr sechstes Album Kokoro den persönlichen Blues, während aller Welt zum Heulen zumute ist – das komplette Feature aus SPEX N° 370.

Kindheitstrauma: Blockflöte. »Gehört das in deutschen Grundschulen etwa auch zum Pflichtprogramm?«, fragt Sarah Assbring am Stockholmer Ende der Leitung und hat wieder was gelernt. »Ich dachte, das wäre so ein Schwedending.« Eigentlich wollten wir über Neuanfänge reden, über Verantwortung, sagen wir’s doch: über das Muttisein. Hängengeblieben sind wir in einer früheren Härtephase. »Etliche Freunde kämpfen jetzt noch mit den Erinnerungen an den zwangsverordneten Blasunterricht und verdammen das Teufelsinstrument bis in alle Ewigkeit«, sagt Assbring. Sie hingegen ist Fan des second try und bezeichnet Flöten heute sogar als »zärtliche Wesen«, von denen sie nicht genug bekommen kann. Ihre Geschichte als Whistleblower auf dem zweiten Bildungsweg war wie die ihres musikalischen Werdegangs insgesamt bislang immer auch eine der Überwindung kleiner Teenager-Ängste und großer teenage angst. Heute ist Assbring 38 Jahre alt, Mutter eines dreijährigen Sohnes und kurz davor, ihre 14 Discogs-Seiten um das sechste Album des Depression-pop-Projekts El Perro Del Mar zu erweitern. Der Pfeifenstock ist darauf immer noch das Schlüsselinstrument. Das verhandelte Trauma hat globalere Ausmaße.

»Ist es nicht absurd, dass das Wissen um die dunkelsten Kapitel der Geschichte uns nicht daran hindert, die gleichen Fehler wieder zu machen?«

Kokoro könnte auch Muttis Antwort auf die Krise heißen. Tatsächlich bedeutet es »Herz« (das Gefühl, nicht die Blutpumpe), ist japanisch und damit schon Teil des Schlamassels, bevor eine Bambuslängsflöte gleicher Herkunft uns im Song »Breadandbutter« was von »we all start from the bottom« zwitschert: cultural appropriation! Die vorliegende Interpretation des spanischen sea dog mit Göteborger Wurzeln und Rechercheerfahrung im Instrumente-aus-aller-Welt-Zimmer des Stockholmer Musikmuseums wird als borderless album vermarktet und wirft Fragen auf. Zum Beispiel die, ob Assbring tatsächlich Eindrücke in Indien, China, Indonesien und all den anderen Ländern gesammelt hat, die sie als Nährboden für Kokoro angibt. Dass ihre Antwort »nein« lautet, muss man kritisieren. Man muss sie aber auch ausreden lassen: »Ich setze mich als Musikerin permanent mit den Gefahren kultureller Vereinnahmung auseinander. Aber man kann sich aus angeblichen Gründen der political correctness und der Angst vor dem Vorwurf, sich als privilegierte Person über die Kultur von Minderheiten zu stellen, auch nicht komplett von der Musik anderer Kulturen isolieren.«

Stattdessen also: »Bildungsreise im Kopf«, wie Assbring ihre zweijährige Auseinandersetzung mit Sufismus und Gamelan, Meditationsinstrumenten zenbuddhistischer Mönche und Sechziger-Folk-Importware wie dem Dulcimer nennt. Das Ergebnis liegt tatsächlich eine Weltumrundung entfernt von El Perro Del Mars bisherigem Shoobidoo-wapa. Ihrer Marke Schönheit des Scheißlebens bleiben die Songs trotzdem treu. Kleiner Unterschied: Mama managt jetzt auch die Krise der anderen. Stellvertretend für die Menschheit am Arsch verkündet eine chinesische Wölbbrettzither auf Kokoro den staatenübergreifenden Ausnahmezustand. Denn im Jahr der Trumps und Johnsons ist auch Nationalpopulismus kein Schwedending mehr. »Dass eine offenkundig rechte Partei in meiner Heimat auf dem besten Weg zur Mehrheit ist, steht mittlerweile symptomatisch für das Klima im Rest der westlichen Welt«, meint Assbring, bemüht, jeden Anflug von Resignation in der Stimme zu unterdrücken, der den Tonfall ihrer Bekennerlieder zur Innerlichkeit die letzten 13 Jahre bestimmte. »Gott, wenn es jemals an der Zeit war, die Grenzenlosigkeit von Musik herauszustellen, dann jetzt. Ist es nicht absurd, dass das Wissen um die dunkelsten Kapitel der Geschichte uns nicht daran hindert, die gleichen Fehler wieder zu machen?«

Sarah Assbring selbst hat es 25 Jahre persönlicher Kämpfe gekostet, um zu verstehen, dass es nur einen Weg gibt, mit Fehlern produktiv umzugehen: den nach draußen (also nicht das Brexit-Draußen). »Für mich war der Gedanke einer künstlerischen Karriere immer quälend, weil ich mir sicher war, dass es dafür einer anderen Persönlichkeit bedarf.« Mit einer anderen meint Assbring eine extrovertierte. Lange Zeit wollte sie weder fotografiert werden noch live spielen. Der aufmerksamkeitsheischende Titel ihres ersten Albums, für das sie aus mangelndem Vertrauen in die Menschheit alle Instrumente selbst einspielte, scheint gemessen daran absurd. Als Look! It’s El Perro Del Mar! 2005 erschien, befand sie sich »in der wohl verletzlichsten Phase« ihres Lebens. Mit Karriere meint sie also zunächst einmal den Mut, nach 24 Monaten selbstverordneter musikalischer Abstinenz anzuerkennen, »dass es da irgendeine höhere Kraft gab, die wollte, dass ich Songs schreibe«. Darüber hinaus war es tatsächlich ein Schwedending (Staatsknete), das Assbring in die Lage versetzte, ein Album aufzunehmen, das ihr eine 8,1 auf der Pitchfork-Skala bescherte – und das Selbstvertrauen, aus dem quälenden Gedanken einen Job und aus den dunkelsten Kapiteln ihrer eigenen Geschichte drei weitere Platten zu machen.

Wenn sie heute davon spricht, nicht mehr länger vom Ende der Welt singen zu können, denkt Assbring dabei nicht nur an »The Beat Of A Dying World«, das key piece ihres vier Jahre zurückliegenden letzten Albums Pale Fire. Sondern vor allem an den Grund für ihre neuerliche Zuversicht: »Ich möchte nicht, dass ein Kind, das auf diesem Planeten aufwachsen muss, dystopische Gedanken mit auf den Weg bekommt.« Plötzlich steckt Assbring doch bis zum Hals drin – in der Verantwortung. Sich mittels Shangri-Las-Reminiszenznummern, Psalmpop und zaghaften Discoausreißern aus dem Diesseits davonzustehlen, hatte sich als Überlebensstrategie bewährt, solange nur ein Herz in ihrer Brust schlug. Dann kam der ultimative Moment der Erdung, der im Zusammenspiel mit der politischen Gemengelage in die totale Konfrontation mit der Gegenwart mündete.

»Wer keinen Sinn im Leben sieht, sucht seine Erfüllung im neuen iPhone.«

Kokoro ist das Album voll lodernder Protestsongs, das die 8,1-Kritiker Schwedens verlässlichster Porträtistin schrulliger Romantik selbst nach dem England-riots-Flammlied »What Do You Expect« von 2011 nicht zugetraut hatten. Es ist aber vor allem ein Tanzalbum und damit Teil eines Trends musikalischer 180°-Wenden, den die englische Künstlerin Anohni Anfang des Jahres mit Hudson-Mohawke-Fanfaren einläutete. Auch wenn Sarah Assbring deren Debüt Hopelessness möglicherweise unter dem Label »hyperkommerzielle Fitnessstudiomusik« verbuchen würde, das sie für das Gros aktueller Dance Music gebraucht, überführt sie das Paradoxon von globaler Endzeit- und persönlicher Aufbruchsstimmung in eine ähnliche Dichotomie aus musikalischer Zuversicht und übermusikalischer Heilsbekundung. »Wer keinen Sinn im Leben sieht, sucht seine Erfüllung im neuen iPhone«, sagt Assbring und nimmt schlussendlich Kunst als »Augenöffner und ultimativen Überbringer von Bildung« in die Pflicht, wo Politik bewusst versagt. »Möglicherweise müssen die Menschen in einer universell verständlichen Sprache davon abgehalten werden, ihre berechtigte Wut auf die falschen Ziele zu richten.« Die Flöte hat uns gewarnt.

Dieser Text ist wie viele weitere Features in der Printausgabe SPEX N° 370 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

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