Eisenstein in Guanajuato – Filmfeature zum Kinostart

Trotz gewohnter Greenaway-Ästhetik genau am Puls der Zeit: im Film des walisischen Regisseurs um eine Episode aus dem Leben des Kinorevolutionärs Sergei Eisenstein fickt ab morgen die neue Welt die alte in den deutschen Kinos.

Peter Greenaway wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Vor 20 Jahren strahlten die Filme des walisischen Regisseurs mit ihrem beißenden Humor und dem Einsatz neuer technischer Spielereien postmoderne Frische aus. Heute hat sich dagegen hier und da bildungsbürgerlicher Mief festgesetzt. Umso mehr überrascht es, dass sich Eisenstein in Guanajuato trotz gewohnter Ästhetik genau am Puls der Zeit befindet – obwohl eine historische Persönlichkeit im Mittelpunkt steht.

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Die Handlung dreht sich um eine Episode aus dem Leben des Kinorevolutionärs Sergei Eisenstein. Der besuchte 1930 Mexiko, um einen Film zu drehen, der nie vollendet wurde. Allerdings interessiert sich Greenaway weniger für dieses Projekt als für den sozialen und politischen Druck, der an Eisenstein nagt, für seine Todessehnsucht, die er an jeder Ecke eines kulissenhaften Mexikos verspürt, und vor allem für sein sexuelles Erwachen.

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Greenaway kämpft schon lange dafür, dem nackten männlichen Körper im Kino ebenso viel Aufmerksamkeit zu schenken wie dem weiblichen. Sein vom ständigen Redefluss getriebener Held präsentiert sich dementsprechend freizügig, streckt den Wanst immer wieder demonstrativ heraus und das Gemächt in die Kamera. Subversiv ist der Film, weil er die Coming-out-Geschichte eines russischen Nationalheiligen erzählt, der während der besten Szene seine anale Jungfräulichkeit verliert. Das ist ein deutlicher Stinkefinger an Putins Regierung, die gerne verdrängt, dass viele große Persönlichkeiten des Landes schwul waren. Doch der assoziationsfreudige Greenaway interessiert sich für mehr als nur eine sexuelle Revolution: Wenn Eisenstein vom attraktiven einheimischen Fremdenführer Palomino von hinten genommen wird, fickt hier auch die neue Welt die alte – und steckt ihr als Zeichen des Triumphs am Schluss ein rotes Fähnchen in den Hintern.

Eisenstein in Guanajuato
B, FIN, MEX, NL 2015
Regie: Peter Greenaway
Mit Elmer Bäck, Luis Alberti u. a.

Dieser Text ist wie viele weitere Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 365 erschienen. Zum Magazin geht es versandkostenfrei hier.

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