Einstürzende Neubauten Perpetuum Mobile

Das Problem bei der Beurteilung von Künstlern, die die Ideologie ständiger Neuerfindung mit sich herum tragen, ist die Selbstverständlichkeit, mit der ihnen gegenübergetreten wird. Oft per se nichts anderem als respektablem Jubel oder gelangweilter Ratlosigkeit gegenüberstehend, sind sie in eine Tragödie verwickelt: es wird nicht mehr hingehört. Wovon popkulturelle Thronpächter wie Missy Elliott oder die hoffentlich langsam abtretende Madonna ein Gedicht schreiben können.

    Bei den Einstürzenden Neubauten, die die Gosse der Subkultur schon vor Jahren auskotzten und Strategien der Hochkulturalisierung schon früh so fraglich wie erfolgreich zu nutzen wussten, scheint irgendwie – abseits der Fanbase – alles gegessen zu sein. Dass sie bis heute neben Blumfeld die in SPEX sicherlich meistdiskutierte deutsche Band waren, der man auf den Spuren sein wollte und musste, weiß mittlerweile, abgesehen vom immer aufmerksamen Joachim Ody, fast kaum noch jemand. Die genialistische Pose des modernistischen Großmeisters hat Blixa Bargeld sicher unbeliebt gemacht. Dass aber für ihn neben zahlreichen anderen heute hochgehandelten Romantizismus- und Experimantalideologien im Bereich Elektronik (wie Schneephoto-Ambient und die Listening-Welle) und Rock (siehe Sigur Ros oder Godspeed You! Black Emperor) kein Platz mehr sein soll, ist so ignorant wie absurd (Als wäre auf der Akustikgitarre rumklampfen und Klagelieder singen die einzige Art, wie weiße Männer alt werden dürfen).

    Sicher ist »Perpetuum Mobile« kein Hammeralbum. Aber es forscht, so abgegriffen das klingt, konsequent weiter an den eigenen Schnittstellen, die sich dazu auf ein neues Prinzip eingelassen haben. Das Bedürfnis für Intervention eines Außens vorausgesetzt, ließen die Berliner ihren gesamten Schaffensprozess per Internet beobachten und von Fans kommentieren. So akzeptierte man sogar Hinweise auf Textfehler und nahm schon abgebrochene Songwritings wieder auf. Auch wenn das Kernthema Nomadentum/Transit manchmal unglücklich wie eine verspätete Deleuze-Lektüre wirkt und die ewigen Apokalypse-Metaphern als Symbol prozesshafter Veränderung noch keine poetischen Ekstasen bei mir entfacht haben: Ich höre dieses Album aufmerksam. Und ja, ich höre es gerne.

LABEL: Mute Records

VERTRIEB: EMI

VÖ: 06.02.2004

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