Efdemin »Chicago« / Pop-Briefing

Braun: Ein Album »Chicago« zu betiteln, zeugt angesichts der starken Chiffre, für welche die Stadt im Clubkontext steht, von Selbst- und Geschichtsbewusstsein. Zugleich ist klar, dass kein Retro-House zu erwarten ist, wenn Efdemin alias Phillip Sollmann derartig vorprescht. Zu vielschichtig klangen bis dato die Tracks des House- und Techno-Produzenten, der an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst Computermusik studierte. Mit Stücken wie »Bergwein« und »Acid Bells« reüssierte Sollmann 2006 zur Zeit der Renaissance von Afterhour-Kultur und Glücksbringer-Tunes. ›Verstrahlt‹ lautete das Schlüsselwort jener Tage, und auch auf »Chicago« klingt Efdemin wieder, als hätte er in seinem Leben bereits MDMA in ausreichenden Mengen eingenommen. Doch programmierte er die Tracks seines zweiten Albums mit wirkmächtiger Disziplin: Um das Abseitige zu beschwören, braucht er stets nur punktuell einen überraschenden, zündenden Sound. Die Gabe Efdemins besteht genau in diesem Unterwandern des Erwarteten mit kleinsten chirurgischen Eingriffen. Hat die Bassline Beulen, muss er sie nur mit seinem Gespür für Timing unterbrechen, damit sie hinterher umso sonderbarer wirkt. Deutlich auf »Chicago« zu hören: das für ihn so charakteristische Federn der Beats zu statischen Keyboard- und Orgelflächen.

    Lintzel: Das Lebenslaufzitat »an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst ausgebildet« könnte den Verdacht aufkommen lassen, Sollmann verstehe Techno als Fortsetzung von E-Musik mit anderen Mitteln. Das ist zum Glück nicht der Fall, denn er steckt immer noch knietief im Nachtbetrieb und hat außerdem ein überaus humorvolles Verhältnis zu den Codes des eigenen Genres. Das fängt schon an mit der Betitelung des ersten Tracks: »The Revenge of the Giant Cowbell« ist ein selbstreferenzielles Späßchen, das auf die ewige Wiederkehr der immergleichen Club-Signalsounds anspielt, aber auch auf den eigenen Hit »Acid Bells«. Anders als etwa sein Label-Kollege Pantha du Prince versucht Efdemin nicht, der ontologischen Stumpfheit von Techno und seiner geraden Bassdrum durch allerhand Überbau zu entfliehen. Hier ist Reduktion noch Trumpf, und wie beim Auflegen ist Sollmann auch auf Albumlänge ein großartiger Teaser, der das Spiel von Nähe und Distanz brillant beherrscht. Gleichwohl hat er sich für einige Erweiterungen des eigenen Sound-Inventars entschieden. Denn insgesamt geht es verspielter zu als noch auf dem unbetitelten Vorgängeralbum. Klar, metallische Kühle und furztrockene Bassdrums hören wir zwar immer noch, aber atmosphärisch franst das Format Techno/House hier aus in Richtung deepem Stolper-House und Jazz. Wobei Letzterer weder als daddelig-situatives Ornament noch als Gratis-Bedeutungsträger dient, sondern vielmehr ein Tool ist, mit dem sich historische Tiefenformationen freilegen lassen. Ähnlich wie Moodymann oder Theo Parrish macht sich Efdemin an den Wurzeln von House und Techno zu schaffen – und stößt dabei auf die schillernde afroamerikanische Musikgeschichte von Chicago.

    Braun: Im langen letzten Track »Wonderland (The Race for Space)« wird schließlich dem Jazz des Art Ensemble of Chicago mit seinem teils afrikanischen, teils klassischen Jazz-Instrumentarium Reverenz erwiesen: Chicago ist für Efdemin der Sehnsuchtsort, an dem US-amerikanische Musik im 20. Jahrhundert regelmäßig erneuert wurde – an dem der Blues elektrifiziert, der Jazz über den Black Atlantic verschifft, die ersten House-Beats im Club Warehouse gemixt wurden. Die Stadt als paradiesischer Garten der elektronischen Tanzmusik, in dem Genrefixierungen wie ›House‹ und ›Techno‹ nicht mehr Not tun.

    Lintzel: Und so könnte »Chicago« auch durchaus als Antwort auf Moodymanns geniale »Det.riot ’67«-EP gehört werden. Denn auf methodisch ganz ähnliche Weise wie Moodymann es 2008 auf ihr mit Detroit gemacht hat, schürft Efdemin hier in der musikalischen Stadtgeschichte Chicagos – und manifestiert dies durch den Einbau diverser Sprach-Interludes und Alltagsgeräusche.

 

LABEL: Dial Records | VERTRIEB: Kompakt | : 21.05.2010


STREAM: Efdemin – Live at Harry Klein, München, 04.12.2009

Efdemin DJ-Set:
12.05. Berlin –
Spex Live @ Berghain
mit Robyn, Villagers, Elektro Guzzi, Aeroplane, Trevor Jackson, Annie, u.v.a.

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