Editorial SPEX N°344

Pop-Journalismus ist tot!   Zumindest wird das seit ungefähr zehn Jahren immer wieder behauptet, liebe Leserinnen und Leser. Aber stimmt es auch? Der Vorwurf lautet: Insbesondere das Schreiben über Musik und hier vor allem in Periodika wie SPEX sei durch das Internet und die zunehmend Pop-sensibilisierten Feuilletons der großen Tageszeitungen obsolet geworden. Einmal mehr wurde diese Behauptung erhoben, nachdem vor einigen Wochen das Buch SPEX 33 1/3 Jahre Pop erschienen war, eine historische Betrachtung dessen, was SPEX war und ist. Im Stile eines Greatest-Hits-Albums, so die Kritik einiger Kollegen, besiegele das Buch quasi eine abgeschlossene Epoche.
SPEX N°344: James Blake   Ein Irrtum: Natürlich muss die klassische Gatekeeper-Funktion des Musikjournalisten alter Prägung heute anders interpretiert werden. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass Print vielleicht sogar wichtiger geworden ist als je zuvor. Und zwar nicht als Gegenspieler der digitalen Verbreitung von Inhalten – die Dichotomie Print / Internet ist ein schreckliches Missverständnis –, sondern als deren sinnvolle Ergänzung und Vertiefung. Nie zuvor sind so viele Informationen über uns hereingeprasselt wie heute. Der popkulturell interessierte Mensch braucht also zuverlässige Instanzen, an die er die Auswahl delegieren kann. Aus dieser Verknappung mit dem gebotenen Abstand Reichhaltigkeit und Tiefe zu generieren, Verknüpfungen und Zusammenhänge aufzuzeigen und Hintergründe zu beleuchten kann immer noch kein Medium so gut wie Print. So belegt auch die vorliegende Ausgabe, mit unter anderem James Blake, Charles Bradley, The Knife, Phoenix und Alt-J, dass in SPEX weitergehende Aspekte zur Musik besprochen werden, dass Kritik geübt wird, die in der Wer-postet-was-als-Erster-Netzlogik bisweilen zu kurz kommt – und dass diese Kritik in einen größeren, die Musik übergreifenden Kontext gesetzt wird. Aus jedem dieser Texte spricht nicht zuletzt auch das Leben – die haptischen Vorteile eines Print-Magazins liegen auf der Hand. Und aus all diesen Gründen lesen immer noch viele Leute diese Zeitschrift. Zuletzt sind es wieder deutlich mehr geworden, was uns besonders freut.
Um die Stärken von Print noch stärker herauszuarbeiten, haben wir SPEX bekanntlich zuletzt einer Remedur unterzogen. Die Reaktionen waren überwiegend positiv bis euphorisch, für Kritik undAnregungen möchten wir uns bedanken. Auch in dieser Ausgabe arbeiten wir weiter an der Verbesserung der Zeitschrift, unter anderem im Modeteil: Nun, da der Frühling vor der Tür steht, scheinen sich auch die ersten Fashion-Trends abzuzeichnen. Sowohl Charles Bradley als auch James Blake tragen wieder Weste, also ein generationsübergreifend funktionierendes, unkaputtbares Kleidungsstück. Während Soul-Crooner Bradley auf eine eher klassische Kombination aus Kunstleder und -Pelz setzt, ist Blake offenbar in den peruanischen Anden fündig geworden. Das wäre also ein vortrefflicher Anlass gewesen, um eine Modestrecke in der Art zu drucken, wie wir sie künftig im Sinn haben. Die über die letzten Jahre etablierte Modestrecke wird nämlich nur noch dann auftauchen, wenn es inhaltlich Sinn ergibt und eine Anbindung an den redaktionellen Teil gewährleistet ist. In anderen Ausgaben – wie der vorliegenden – verzichten wir auf Modestrecken. Eine weitere Änderung gibt es im Plattenteil: Ab sofort wird der bereits etablierte Holger Klein die Direct-Cuts-Kolumne exklusiv übernehmen, wir bedanken uns bei Kleins bisherigem Mitstreiter Gerd Janson und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.
Ebenfalls bedanken möchten wir uns bei den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern der abgelaufenen Monsters of SPEX-Tour. Insbesondere die Konzerte in Hamburg und Berlin waren ein voller Erfolg, das Wagnis, auf weitgehend unbekannte Bands zu setzen, an denen unser Herz hängt, hat sich ausgezahlt.

Viel Spaß mit dieser Ausgabe!

Torsten Groß