Die Hohe Kunst der Tiefen Verneigung

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Ausschnitt Still — Submarine, Regie: Richard Ayoade, 2010. 94min.

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Auf den ersten Blick erscheint das Regiedebüt des britischen Schauspielers (The IT Crowd) und Musikvideoregisseurs (u.a. für die Arctic Monkeys) Richard Ayoade ein Coming-of-Age-Movie wie hundert andere zu sein: Submarine handelt von den Gefühlsverwirrungen des fünfzehnjährigen Oliver Tate, der sein eigenes pubertierendes Ich bei den Versuchen beobachtet, sich in das Ego eines Künstlers zu verwandeln. Währenddessen kämpft er um die Rettung der Ehe seiner Elten und verliert an Klassenkameradin Jordana sein Herz, dem er möglichst zügig auch seine Jungfräulichkeit hinterschicken möchte. Auch dass Alex Turner für den Soundtrack ein paar Songs schrieb, die zur EP gebündelt nun seine Solo-Debüt-EP ausmachen, dürfte vor allem Fans von Turners Band, den bereits erwähnten Arctic Monkeys, interessieren. Zur cineastischen Verzückung allerdings gereicht, mit welcher Stilsicherheit Ayoade die symbolhafte Sprache vor allem der früheren Filme Jean-Luc Godards in seine Erzählung integriert.

   Erinnern die zwischen schnoddriger Coolness und melancholischer Poesie gefassten Dialoge in Submarine noch eher vage nach Godards Außer Atem, so wird in Ayoades bisweilen fragmentarischer Dramaturgie, in seiner Bildästhetik bis hin zur Adaption der typisch bunten Zwischentitel und vor allem im Filmscore von Andrew Hewitt die Verneigung vor dem Pionier der Nouvelle Vague evident. Hewitts Tracks New Year's Eve und Oliver Tate's Funeral bedienen sich bei George Delerues Musik zu Godards Le Mépris so unbekümmert, wie Yasmin Paige in ihrer Jordanna-Rolle als teenage Wiedergängerin von Godards früherer Partnerin und Stammschauspielerin Anna Karina inszeniert wird.

   Im Bezug auf Godards Spätwerk begibt man sich in Submarine ebenfalls auf vertrautes Terrain, auch wenn hier die Parallelen eher zufälliger oder rein kalauernder Natur sein mögen. Zum einen spielt Submarine, wie schon seiner Romanvorlage von Joe Dunthorne, im walisischen Swansea, dem Geburtsort von Dylan Thomas; dessen Gedicht Do not go gentle into that good night 1993 geradezu leitmotivische Verwendung in Godards Weh mir! fand. Zum anderen erinnert allein der Titel Submarine an das Schicksal des zentralen Drehortes des jüngsten Godard-Werkes Film Socialisme, der Costa Concordia. Jenem Kreuzfahrtschiff wurde bekanntlich im Januar 2012 das unverhältnismäßige Ausüben einer Praxis zum Verhängnis, die in Seemannskreisen Verneigen gennant wird: das möglichst ufernahe, vom Hornsignal begleitete Passieren von Küsten, in Sichtweite der dort lebenden Menschen. Spex-Autor Klaus Theweleit hat für das Booklet der nun anstehenden DVD von Film Socialisme einen lesenswerten Essay verfasst – allerdings »bevor der Kahn abgesoffen ist«, wie er bemerkt. 


   Theweleit beschreibt unter anderem eine Familienszene aus Film Socialisme: »Man hat selten eine so zärtliche Szene im Kino gesehen, bei Godard nicht und woanders nicht, wie die Annäherung des kleinen Lucien an den Körper seiner Mutter; mit geschlossenen Augen nähert er sich ihr von hinten, wie ein kleiner Hund und beginnt, ihren Körper abzutasten, während sie an der Spüle steht und das Geschirr abwäscht. Langsam tastet er sich an ihr hoch. Um ihre Haare mit seinen Händen zu erreichen, muß er hochspringen; es reicht nicht, er ist zu klein…« So signifikant die Unterschiede zu den eher entkörperlichten Beziehungen in Submarine auch sein mögen, Theweleits Schlussfolgerung ist für Oliver Tates Verhältnis zu den Seinen nicht weniger gültig: »Hier wird leidenschaftlich geliebt.« Und dann fragt in diesem, Godards selbsterklärtem »letztem Film« ein Vater auch noch seine Kinder: »Warum liebt ihr mich nicht?« Theweleit widerspricht, und man kann diesen Widerspruch sinngemäß und aus dem Kontext gerissen auch auf das Verhältnis zwischen dem alten Godard und seinen jungen Epigonen anwenden: »Diese Kinder lieben ihren Vater absolut.« Verneigungen aus Eitelkeit hingegen, das wissen wir nicht erst seit der Costa Concordia, führen früher oder später direkt in die Katastrophe.

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Submarine, Regie: Richard Ayoade, 2010. 94min. — DVD 09.03.2012. Indigo
Film Socialisme
, Regie: Jean-Luc Godard, 2011. 112min. — DVD 31.03.2012 absolut Medien / Edition Suhrkamp

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