Doofe Musik, das Festival

Auch dabei und möglicherweise tierisch fremdgesteuert: Guido Möbius (Foto: Martin Kurtenbach)
Auch dabei und möglicherweise tierisch fremdgesteuert: Guido Möbius (Foto: Martin Kurtenbach)

Hirn aus, Ohren auf! Oder so ähnlich … In Berlin widmet sich ein gleichnamiges Festival ab heute der Doofen Musik.

Sie ist überall und unentrinnbar, die doofe Musik. Doch auch beim – nach der Unmenschlichen und der Bösen Musik – dritten Teil der von Detlef Diederichsen und Holger Schulze kuratierten Veranstaltungs-Trilogie ungewöhnlicher Musikzugänge darf man sich vom gewählten Titel nicht in die Irre führen lassen – es geht nicht um »schlechte« Musik per sé. Das deutsche Wort »doof« entstammte ursprünglich dem Niederländischen und trug lediglich die Bedeutung »taub«; somit steht bei dem im Rahmen des Anthropozän-Projekts im HKW, Berlin, statt findende Festival die Betäubung durch Musik im Fokus, der stumpfe menschliche Eskapismus und seine Bedeutung in Gesellschaft und Kultur. 

Ist Polka doofer als Klassik? Die Arabeske betäubender als der Jazz? Und warum flüchten wir uns in formal stupiden Retorten-Schmalz? Solche und andere Fragen stellen sich beispielsweise der Disco-Chansonnier Justus Köhncke zusammen mit dem derzeit omnipräsenten Berliner Schauspieler, Entertainer und Lebemann Friedrich Liechtenstein, während sie sich vom klangvoll benannten Adriano Celentano Gebäckorchester unterstützen lassen. Der Könner des improvisierten Electronica, Mr Schneider TM, zeigt, welchen Effekt es hat, wenn man Mike Krügers Schlagerklassiker »Der Nippel« auseinander nimmt und nach eigenem Gusto wieder zusammen baut. Und GAS alias Wolfgang Voigt spielt Polka (wozu er sich am Freitag übrigens in einer Gesprächsrunde äußern wird).  

Auch auf der Leinwand soll doofe Musik genauer inspiziert werden, und so schlägt die seltene subkulturelle Stunde von Roy Black mit dem Biopic Du bist nicht allein – Die Roy Black Story samt dem bei Drehbeginn noch ohne Hollywood-Anerkennung sich grämenden Christoph Waltz in der Hauptrolle. Zu empfehlen ist überdies die Vorführung des sozialkritischen Cyberpunk-Kultstreifens Decoder, der lose auf William S. Burroughs The Job basiert (Burroughs hat auch eine kleine Nebenrolle übernommen) und Musik von FM Einheit, Genesis P. Orridge, Dave Ball und John Caffrey sein Eigen nennt. Die SPEX-Autorinnen Christiane Rösinger und Sonja Eismann kommentieren zudem am Samstag live die Übertragung des Eurovision Song Contests.

Zum Auftakt wird heute Abend jedoch die Flucht nach vorne angetreten und so steht die ewig leidige Kennmelodie eines magentafarbenen Telekommunikationsunternehmens im Mittelpunkt, die auf vielfache Weise von Künstlern wie Juliana Hodkinson, Patric Catani oder vom Kammerensemble Neue Musik reinterpretiert und -imaginiert wurde.

Das gesamte Programm findet sich hier. Ein Festivalpass kostet 20, eine Abendkarte 10 bzw. 8 €.