DJ Paypal »Sold Out« / Review

Mit dem Paypal’schen Wahnsinn verhält es sich wie mit Helge Schneiders Schaffen, das er sinngemäß einmal wie folgt kommentierte: Was ich mache, ist Unsinn, aber nicht sinnlos.

Im Hause Brainfeeder regiert der Wahnwitz. Vor sieben Jahren von Beat-Wizard Flying Lotus ins Leben gerufen, fungierte das Label in seiner Anfangsphase vor allem als Laboratorium für das Herumdoktern an HipHops musikalischem Herzstück, dem Sampling. Mittlerweile begleitet man allerdings auch den Großvater des Musikintellekts zur Dialyse: Mit dem im wahrsten Sinne des Wortes großen, nämlich knapp dreistündigen Album The Epic von Tenorsaxofonist Kamasi Washington gab es in diesem Jahr frisches Blut für den Jazz – und plötzlich fand sich Brainfeeder im Camp instrumentalen Virtuosentums wieder.

Man muss das wissen, um das Attentat zu verstehen, das DJ Paypal hier verübt. Mit einem Teklife-Shirt unter seine Cap geklemmt gibt der Vorsitzende der Mall-Music-Inc.-Gang den gesichtslosen Rächer der Drum-Machine – gekommen, um unser rhythmisches Nervensystem zu kitzeln. Sold Out ist Futter für die Füße. Denn DJ Paypals Fundament heißt Footwork, das Chicagoer Ghetto-House-Update, auf dem er einen großen Pool voll 808-Drum-Sounds erbaut. In dem werden im 140-BPM-schnellen Strudel mal hochgejagte Soul-Samples, die Erinnerungen an den Jay-Z-Produzenten Just Blaze wecken, mit triolischem Kickdrum-Gerumpel ertränkt (»Ahhhhhhh«) oder Latino-Funk im stoischen Gleichschritt unter die Oberfläche gezerrt, bis auch der letzte rhythmische Weltmusik-Appeal abgesoffen ist (»Slim Trak«). Und wenn sich in »Awakening« die Jazz-Bläser im Kreis drehen, bis der letzte hater dem Schleudertrauma erliegt, dann kann man gar nicht anders, als zur K-Pop-Adaption »Say Goodbye« einen Totentanz zu performen und manisch zu grinsen.

Dabei verhält es sich mit dem Paypal’schen Wahnsinn wie mit Helge Schneiders Schaffen, das er sinngemäß einmal wie folgt kommentierte: Was ich mache, ist Unsinn, aber nicht sinnlos. Immerhin gibt DJ Paypal nicht nur eine Lehrstunde im Schnipselspiel anno 2015, sondern nimmt mit dem fürs Artwork verantwortlichen Grafiker und Collagisten Sam Lubicz auch noch das imperialistische Gedankengut der amerikanischen Raupe Nimmersatt beim drive-by mit. Das Schlusswort darf also der Label-Chef haben: You’re Dead!

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