Diverse / Knarf Rellöm Trinity

Tribute-Sampler gewidmet bekommt man im Normalfall erst bei Erreichung der Größenordnung Leonard Cohens, Antonio Carlos Jobims, Neil Youngs oder Che Guevaras. Dementsprechend sind Die Goldenen Zitronen ja wirklich weit gekommen. Tribute-Sampler kranken oft an vielerlei – meist schon daran, dass im Normalfall die Songs im Original dann doch besser bleiben und damit das ganze Projekt eher leicht ranschmeißerisch als wirklich notwendig wirkt. Manche Tribute-Sampler versuchen zudem, ein möglichst großes Spektrum an Verehrern zur Huldigung eines bestimmten Popgiganten zusammenzutrommeln, was dann dem ähnelt, was man im Allgemeinen ›lieblos zusammengestellter Sampler‹ zu nennen pflegt. Die vorliegende Zitronen-Hommage nun ist dagegen mit viel Liebe bewerkstelligt worden. Und man spürt die Idee dahinter, auch wenn zumindest mir ein großer Teil der musikalischen Darbietungen von Künstlern, die mir vorher gar nichts sagten – etwa Peters, Till Stellmacher oder Dyse – jetzt nicht so viel gibt.

    Die Idee lautet: ein punkiges, aber auf keinen Fall borniertes Ostlabel – mit dem unschlagbaren Namen Majorlabel – ehrt eine Band, die als ehemalige sogenannte Fun-Punk-Combo in der DDR riesig eingeschlagen sein muss und deren ganze, auch politische und vor allem Wiedervereinigungs-kritische Haltung wohl prägend für die eigene Labelarbeit war und ist. Schließlich ist das Majorlabel bekannt für liebevolle Wiederveröffentlichungen vergessener Ostpunk-Klassiker und für so manche Perle von Hamburgs Szeneriesen Jens Rachut verantwortlich: der bringt hier Hörspiele und das letzte Album seines Kommando Sonne-Nmilch auf Vinyl heraus.

    Die Besten aus dem Osten, Altbewährte aus dem Westen, diese Mischung hat sich nun auch an das Werk der Zitronen herangewanzt. Die Verehrungswürdigen hätten sich ausgerollte rote Teppiche bestimmt verboten, wenn sie bei dem Projekt etwas zu sagen gehabt hätten – und sie bekommen auch eher gebrauchte Fußabstreifer. Auf der Platte klingt es nie irgendwie von der Musik her zitronig, sondern eher vom Prinzip: jeder Song wird umgestellt, Respekt durch Respektlosigkeit erwiesen, man hat sich was einfallen lassen. Sei es beim unvergleichlichen Death-Metal-Gekloppe der unvergleichlichen Japanische Kampfhörspiele in »Diese Menschen sind halbwegs ehrlich« bis hin zu Pelzig, die in »Meine kleine Welt« plötzlich mit einem bayrischen Slang daher kommen.

Knarf Rellöm Trinity    Auch eine Art Tribute-Platte ist das formschöne Produkt zum Anfassen »Internet Vinyl« von Knarf Rellöm Trinity, das es natürlich auch zeitgemäß und weil der Titel ja auch was zu sagen hat, als Nullen und Einsen zum Runterladen gibt, damit daheim mehr Platz für Topfpflanzen bleibt. Knarf führt übrigens auch in die Zitronen-Platte ein und hat auf seinem eigenen Vier-Stücke-Teil mit Hilfe von Hans Nieswandt, Benjamin Wild und seiner Trinity ein paar House-Schieber erstellt, die nochmals wie in »Kleine Deutsche« Nein zu Deutschland, dafür aber an anderer Stelle Hallo zu Neil Young sagen. Und zu den Plattenläden, womit wir schon beim Tribute wären. Der digitale Tonträger, so Knarf, ist Realpolitik, die Plattenläden sollen aber bitteschön trotzdem nicht sterben. Diese werden in den beigelegten Linernotes immerhin als »Privatuniversitäten« geadelt, in denen so mancher mehr für seine Bildung getan habe als in dem ganzen verdammten Internet. Dieses macht, wie wir seit der Spiegel-Titelstory vor kurzem wissen, sowieso doof.

LABEL: Majorlabel / Audiolith

VERTRIEB: Broken Silence / Digital

VÖ: 04.07.2008

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