Die Zukunft ist grenzenlos: Steirischer Herbst 2016

Perera Elsewhere

Der Steirische Herbst widmet sich 2016 einer Zukunftsvision Europas, die kulturelle Kartografien, ökonomische Fixierungen und reale Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse zu anderen Teilen der Welt hinter sich lässt. In Theater, Kunst, Performance und Musik wird das Diktum »Wir schaffen das« mit Inhalt gefüllt.

An diesem Wochenende sollten es alle mitbekommen haben: Der Herbst ist da. In der österreichischen Steiermark ist das aber durchaus kein Grund für Trübsal ob des schlechten Wetters, sondern eher einer zur Freude, denn in Graz und um Graz herum bedeutet es prall gefüllte Wochen mit Kunst, Kultur und Musik. Das Festival für darstellende Künste, Steirischer Herbst, lädt ab dem 23. September ein zum Blick über geografische und kulturelle Tellerränder.

Wie schon bei vielen Festivals in jüngster Zeit, die über ein reines Musikprogramm hinausreichen, spiegeln sich auch beim Steirischen Herbst die Entwicklungen der Überforderung und Zersplitterung Europas. Ganz bewusst wird hier aber der verunsicherten Gegenwart eine optimistische Zukunftsvision entgegengestellt: »Wir schaffen das. Über die Verschiebung kultureller Kartografien.« lautet das Leitmotiv, das die Idee eines Europas jenseits eines rein ökonomischen Zusammenhangs in fruchtbarem Dialog mit der restlichen Welt in das Festivalprogramm hineintragen will.

Im Theaterbereich bildet sich das beispielsweise in Milo Raus Empire ab: Der Schweizer Autor und Regisseur mit Hang zur hyperrealen Inszenierung lässt darin durch vier Performerinnen und Performer, die entweder auf der Flucht nach Europa kamen oder an dessen Randgebieten beheimatet sind, anhand ihrer eigenen Geschichten von Flucht und Heimat die Frage nach europäischer Tradition und Migration neu stellen. In der Südsteiermark, als Grenzregion zuletzt Teil der Balkanroute geworden, widmet sich das Dokumentartheaterduo Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger Geschichte und Gegenwart der »Europaschutzzone«. Apichatpong Weerasethakul, der bisher mit grandiosen Filmen auf sich aufmerksam machte, wird dagegen in Fever Room, seiner ersten Theaterproduktion, die Wahrnehmungsverhältnisse des Publikums auf den Kopf stellen.

Die zentrale Ausstellung des Steirischen Herbsts trägt den Titel Body Luggage und wird von der indischen Kunsthistorikerin Zasha Colah kuratiert. Sie zeigt und untersucht die Migration von Gesten, Körpersprache und Wissenstransfer durch Kulturen und Zeiten hindurch.

Das Musikprogramm trägt in diesem Jahr den Namen »Club Panamur« und wird von Norman Palm kuratiert. Hier spiegelt sich der Ansatz, weit über den europäischen Tellerrand hinaus zu schauen, in einem wilden, weltumspannenden Künstlermix wider. So wird Moddi seine Interpretationen von weltweit zensierten Protestsongs darbieten, die Flamingods präsentieren ihren durch die asiatische und afrikanische Klang- und Instrumentenwelt geprägten Psychedelic-Pop. Sasha Perera alias Perera Elsewhere, die für die Titelstory der aktuellen SPEX N° 370 ihre Kollegin M.I.A. interviewte, haut dem Publikum ihren Zukunftsentwurf von Popmusik um die Ohren, Aïsha Devi ihrerseits den ihren des Rave. Auf Curaçao liegen die Wurzeln des bombastischen Sounds von Kuenta i Tambu, in Tokio die des kühlen Industrials der Group A. Bei der »Noite Príncípe« stellt das Lissabonner Label Príncípe Discos den Sound der Vorstädte der portugiesischen Hauptstadt vor: Bei Nidia Minaj, DJ Firmeza und DJ Nigga Fox vermischen sich die Rhythmen der portugiesischen Ex-Kolonialstaaten in Afrika und der Karibik mit europäischen Clubsounds zu einem der aktuell spannendsten Soundphänomene: dem Batida.

Das Musikprotokoll wiederum widmet sich der Verschiebung kultureller Landkarten auf dem Wege der musikalischen Performance. Kulturelle Zuordnungen in Zeit und Raum werden verschoben, Hörgewohnheiten hinterfragt, und das mit so illustren Gästen wie Blixa Bargeld oder dem Alten Meister der Avantgarde, Alvin Lucier.

Das volle Programm des Festivals sowie Infos zu den Tickets finden sich hier.

Steirischer Herbst 2016
23.09. – 16.10. AT-Graz und weitere Orte

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