„Die Steiermark hasse ich am allerwenigsten“ – Elfriede Jelinek und andere beim Steirischen Herbst / Rückblende

Foto: Wolf Siveri

Where Are We Now? Das Festival Steirischer Herbst in Graz feiert 50 Jahre und stellt die großen Fragen der Zeit.

Das zentrale Produktionskonglomerat des Steirischen Herbstes, die Super-8-Verfilmung des Elfriede-Jelinek-Romans Die Kinder der Toten, wird erst am zweiten Wochenende vorgestellt. Und doch hängen sie bereits zur Eröffnung in der Weltgeschichte herum, Bundestagswahl in Deutschland, Wahlkampf in Österreich mit einer bei um die 30 Prozent erwarteten FPÖ. Menschen sind wieder da, Menschen, die festhalten – oder schlimmer noch – etwas wieder bringen an Ideen und Vorstellungen, das längst tot und weggekehrt schien in die Läufe der Zeit: Scholle, Nation, Rasse.

das ausgiebige nackte Swingtanzen hat so etwas Nett-Bescheuertes.

Vor 50 Jahren gab es schon einmal eine große Rückwärtsbewegung, gerade auch in der Steiermark. In einer Festrede, die aber so gar nichts Festredenhaftes hatte, beschreibt der Komponist Georg Friedrich Haas das Klima, in dem die Idee eines Festivals für neue Künste entstand. Er kommt zu sprechen auf die Generation seiner Eltern und Großeltern, die auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges stramm nationalsozialistische Ideen vertraten – „halböffentlich“.

Bestimmte Dinge durften unter Verbot so nicht mehr gesagt wurden: „Aber gegen entartete Kunst durften sie hetzen, so viel sie wollten – solange sie nur diesen Begriff vermieden und statt dessen zum Beispiel von ‚Scharlatanerie‘ oder der ‚Zerstörung des Menschenbildes‘ sprachen.“ Lesenswert ist Haas‘ Rede zudem wegen eines Exkurses über Dunkelheit, Schmerz und (Selbst-)Zerstörung in der Nachkriegszeit Österreichs; die Brutalität der Sprache des Dramatikers Werner Schwab, die Blut-Exerzitien des Herrmann Nitsch, die Bitterkeit der Elfriede Jelinek.

Foto: Wolf Siveri

Über der Eröffnung am Freitagabend liegt diese Rede, weil man sich ertappt wähnt, das genau solche Leute wieder da sind und Kunst ja helfen kann, aber Kunst sich eben auch nicht strategisch einsetzen lässt gegen Politik. Mette Ingvartsen zeigt in in ihrer Eröffnungsperformance To Come (Extended) (Foto ganz oben) quälend lange das Mechanische am Sex zu Zeiten des Internet-Pornos. Wenn alle Tänzerinnen und Tänzer blaue Leiberl tragen und sich immer wieder zu Gruppensex-Variationen aufstellen, danach nackt auf der Bühne stehen und choreografiert stöhnen. Doch diese Diskurse sind ja doch schon eher durchgesprochen, allein das ausgiebige nackte Swingtanzen hat so etwas Nett-Bescheuertes. Ultrabescheuert gut nach wie vor die Idee der Hamburger Die Vögel, Techno mit Tuba und Trompete zu machen – und Party: der Kongress tanzt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here