Detroit – Filmfeature zum Kinostart

Gewalt im Algiers Motel: Anthony Mackie in einer Szene aus Detroit
Gewalt im Algiers Motel: Anthony Mackie in einer Szene aus Detroit

Die Kanonisierung von black history im US-Mainstream-Kino geht weiter. Kathryn Bigelow erzählt in ihrem neuen Film von einem Blutbad während der Detroit Riots im Jahr 1967 – und damit von Polizeigewalt bis zum heutigen Tag.

Detroit brennt. Ausgangssperre. Draußen patrouilliert die Nationalgarde. Drinnen, in einem Motelzimmer, irrlichtert das Saxofon John Coltranes halbtonhysterisch durch die Skalen. Larry legt den Finger an den Mund: „Let Trane speak!“ Sein Kopf kippt beim Lauschen weg, zart und schwelgerisch wie der einer Hofdame in der Zauberflöte. Carl nimmt die Nadel von der Platte. Trane ist tot.

Die Jungs streiten über Musikgeschichte und damit über eine Geschichte, die endlich die ihre ist: schwarz wie das Vinyl auf dem Plattenteller. Die zwei weißen Mädchen im Raum machen Augen. Es ist das Jahr 1967. Das Wort Motown geistert durch die backsteinernen Ghettos wie ein Heilsversprechen. Larry ist selbst Sänger. Beweist nicht die Musik, dass man es als Schwarzer schaffen kann? Carl wird wütend, zieht eine Spielzeugpistole und erklärt Larry das Einmaleins aus weißer Willkür und schwarzer Ohnmacht. Stunden später steht Larry tatsächlich an der Wand des Motelflurs. Hinter ihm schreiende Polizisten. Daneben liegt Carl, tot, in seinem eigenen Blut.

Gewalt auf den Straßen: die Detroit Riots von 1967 in Kathryn Bigelows Film
Gewalt in den Straßen: die Detroit Riots von 1967 in Kathryn Bigelows Film

Der Film Detroit erzählt nach wahren Begebenheiten von einer Razzia im Algiers Motel während der Detroit Riots gegen die Segregation. Wegen eines vermeintlichen Heckenschützen wird ein Motelgebäude gestürmt. Als keine Waffe zu finden ist, brechen bei den Polizisten alle Dämme. Dabei ist Einsatzleiter Krauss, vom Milchbubengesicht Will Poulter gespielt, kein folteraffiner Sadist. Sein Rassismus ist sublimer. Er lässt seine Opfer beten, referiert über Anstand, und je offensichtlicher die Unschuld der Beteiligten ist, desto größer wird sein Sendungsbewusstsein. In ihm verschmelzen die Obsessionen eines Messdieners, John Waynes und des Marlboro-Mannes zu einer paranoiden Hybris des American Dream.

In den Kontexten des Irak-Krieges (Hurtlocker) und der Bin-Laden-Jagd (Zero Dark Thirty) hatte Regisseurin Kathryn Bigelow diesen US-Messianismus schon zweimal angeschnitten. In Detroit verhandelt sie ihn nun als dezidiertes Thema der eigenen Geschichte und exerziert dieses mit der Wucht des Quasi-Dokumentarischen bis an den Rand des Erträglichen. Das bedeutet für das Publikum, dass es nach den Demütigungen und Gewaltszenen im Motel auch die Farce des anschließenden Gerichtsprozesses zu ertragen hat, ihm wie den Protagonisten ein zweites Martyrium nicht erspart bleibt.

Dabei sind die Parallelen zu den Rassenunruhen in Virginia diesen Sommer so offenkundig und frappant – dieselbe Polizeiwillkür, dieselben rhetorischen Finten der Institutionen –, dass man komplett konsterniert im Kino zurückbleibt. Erst mitten im Abspann klingt eine Katharsis an. Der Song „It Ain’t Fair“ läuft da zu den Einblendungen. In diesem call and response zwischen Sänger Bilal und The Roots, zwischen Soul und Rap, Klage und Wut entdeckt man endlich eine Dialektik der Hoffnung.

Detroit
USA 2017
Regie: Kathryn Bigelow
Mit John Boyega, Will Poulter, Algee Smith, Hannah Murray, Anthony Mackie u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 377 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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