Destroyer „Ken“ / Review

Dan Bejar weiß wieder, wo er seine Leute abholt: im Bett, in der Kneipe, beim Koksen. Und er weiß auch, womit: girls. Kurz: Diese Platte wird zünden.

Der Schmonzettenmann ist zurück und mit ihm sein vorletztes Album. „Die vielleicht größte Verarsche überhaupt“, schrieb ein Kollege in dieser Zeitschrift  damals über Kaputt. Dass er lügen würde, konnte er nicht wissen, denn erst jetzt ist sie da: die größte Verarsche überhaupt. Ken ist nicht Dan Bejars Rückbesinnung auf Kaputt und auch nicht dessen Verlängerung. Es ist Kaputt.

Zwischen dem Destroyer-Album für Destroyer-Hasser von damals und dem Breakup-Album für Destroyer-Lovers von heute liegen sieben Jahre und das, was jedem Sohn passiert, der nicht werden will wie sein Vater. Auf Poison Season wurde Bejar, was er am meisten hasst: ein Springsteen-Rocker-Mutant. Nun ist Bejar clever, also fiel ihm das auf, und er ist vielseitig, also switchte er auf Bryan-Ferry-Beschwörungskünstler und ließ das SEK Streichinstrumente die Drecksarbeit erledigen. Poison Season sollte entweder vorsätzlich die Erwartungen runterschrauben, damit das nächste Album so richtig zündet, oder es war in Wirklichkeit ein Auftragswerk für ein Disneymusical, das niemals Premiere feierte, weil alle Knallkonfettihersteller der Welt mit der Bestellung überfordert waren.

Jedenfalls ist nun Ken da und Bejar weiß wieder, wo er seine Leute abholt: im Bett, in der Kneipe, beim Koksen. Und er weiß auch, womit: girls. Nancy mit den blauen Augen ist zurück und stöckelt mit Sax und Style von einer Shakespeare-Referenz zur nächsten. Was gibt’s sonst noch Altes auf den neuen Boulevards? Dickens, 80s-Soft-Rock und abgestandenen Wein.

Was gibt’s sonst noch Altes auf den neuen Boulevards? Dickens, 80s-Soft-Rock und abgestandenen Wein.

Was es nicht mehr gibt: Den Lyriker Dan Bejar. Dessen Texte waren einmal so kryptisch und klug, dass Leute einen Destroyer-Lyrik-Generator erfanden. Jetzt aber wird aufgeräumt mit der Lebenslüge, dass sich Menschen mit zunehmendem Alter und fortschreitender Baudelaire-Lektüre immer komplizierter ausdrücken. Bejars Sätze werden immer simpler. Er ist Mitte 40 und spricht wie seine 20-jährige Tochter. Der alte Chartskniff, Songtexte bis auf ihre Titel herunterzukürzen, hatte schon auf Kaputt so prima geklappt, dass es als Destroyer-Durchbruchsalbum missverstanden wurde, obwohl Destroyer darauf kaum zu hören war. Nach gut zwei Jahrzehnten als bestgehütetes Popgeheimnis Kanadas wollte Bejar Anschluss um jeden Preis. In Interviews gab er zu Protokoll, dass seine Abwesenheit auf der Platte dabei überaus hilfreich gewesen sei.

Die beiden politischsten Botschaften, die Ken nun vermittelt: Niemals den Finger auf der Keyboardtaste vergessen, wenn man geht. Und Wahlkampf hat mit allem zu tun, nur nicht mit dem, der gewählt werden will. Folgerichtig lässt Bejar noch eine Sache weg, die Destroyer zu Destroyer machte: seinen Intellekt. Die Strategie maximalen Einlullens bei minimaler geistiger Anstrengung kulminiert in Windbeutelzeilen, die uns erspart geblieben wären, hätte ihr Verfasser sie sich selbst zu Herzen genommen: „Should’ve tried pretending that anything was there“ – oder eben gleich: „Stay lost / Never found“. Die Leute wollen verarscht werden, deshalb wird diese Platte zünden.

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