Der Hahn tropft – Rückblende: Múm plays »Menschen am Sonntag«

Foto: Filmstill Menschen am Sonntag / Deutsche Kinemathek

Mit ihrer Vertonung des Stummfilmklassikers Menschen am Sonntag bewies die isländische Band Múm an den Abenden des 13. und 14. Februar im ausverkauften Radialsystem V, wie haltbar Avantgarde ist.

Berlin, 1929. In der noch unzerstörten Stadt fahren Straßenbahnen neben Pferdekutschen, junge Leute verabreden sich im Eiscafé, gehen spazieren und streiten sich auch schon mal. Im Wechsel von Spielszenen und dokumentarischen Aufnahmen zeichnen Robert Siodmak, Edgar Ulmer und Billy Wilder ein liebevolles, leicht ironisches Bild des Lebens in der sommerlichen Hauptstadt. Menschen am Sonntag war bei seiner Uraufführung am 4. Februar 1930 zwar ein später Vertreter der Neuen Sachlichkeit im Film, gleichzeitig aber auch einer der ersten Independentfilme und für viele seiner Macher Sprungbrett nach Hollywood. Seinen Einfluss erkennt man zudem im poetischen Realismus in Frankreich und nach dem Zweiten Weltkrieg im italienischen Neorealismus.

Bisher meist mit typischem Stummfilm-Piano oder Marlene-Dietrich-Liedern untermalt, holt die Múm-Vertonung mit Klavier, Synthesizern und Percussions die erstaunlich restaurierte Fassung in die Gegenwart. Die halbimprovisierten Musikthemen sind perfekt auf die Szenenwechsel abgestimmt, die Dynamik der Bilder und die schnellen Schnitte werden dadurch akzentuiert, die collagenhaften Szenen gleichzeitig zusammengehalten. Klangliche Texturen vom geloopten Hintergrundgeräusch bis zum weißen Rauschen finden schließlich im Tropfen eines Wasserhahns oder in einer Zugfahrt ihre Entsprechung auf der Leinwand.

Über die gesamten 74 Minuten Spielzeit offenbart sich sowohl wie gut eingespielt die drei Musiker agieren als auch wie erfahren sie im Vertonen visueller Kunst sind. Letzteres stellten Múm bereits mit ihrem Soundtrack zu Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin unter Beweis.

Die 1997 in Reykjavík gegründete Band entwickelte sich in den letzten Jahren vom Quartett zum offenen Kollektiv und so präsentieren sich an diesen beiden Abenden die Gründer Gunnar Örn Tynes und Örvar Smárason zusammen mit dem routinierten Perkussionisten Samuli Kosminen bestens aufeinander abgestimmt. Durch eine fest definierte Palette von Instrumenten und Sounds entsteht ein konsistentes Klangbild, das stets im Dienst der Bilder steht und dem es zugleich eindrücklich gelingt, die Avantgarde von damals auch heute noch absolut anders-neuartig erscheinen zu lassen.

Die ausgelassene Wochenendstimmung des Films zeigt die damalige Entdeckung von Naherholungsgebieten und die damit einhergehende Entstehung der Freizeitindustrie – schließlich will auch das Schaufelrad-Tretboot auf dem Nikolassee bezahlt werden. Damit ist neben der progressiven Vertonung eben auch das Thema des Films noch immer aktuell. Denn vielen, die auch heute nur für das Wochenende leben, dürften die letzten Texttafeln nach wie vor aus der Seele sprechen: »Und dann wieder Montag, wieder Arbeit, wieder Alltag, wieder Woche. 4 Millionen Menschen warten auf den nächsten Sonntag.«

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