Den Eulen im Wald nicht nahe kommen

Er gilt nicht nur als Pionier der elektronischen Musik, er war auch dieser Pionier. Karlheinz Stockhausen ist – wie erst am Freitag bekannt wurde – am vergangenen Mittwoch, 05.12.2007 im Alter von 79 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Seit den fünfziger Jahren war Stockhausen als Komponist tätig, mit seinen zahlreichen Werken der experimentellen und elektronischen Musik bereitete er den Weg für zahllose moderne Künstler wie Can, Amon Düül und Aphex Twin. Das Interview führten Markus und Ralf Krämer im August 2002.

KarlheinzStockhausenHerr Stockhausen, noch heute stößt Ihre Musik gelegentlich auf Unverständnis. Können Sie einen Ratschlag zur Rezeption geben?
    Ja, ich kann einen Rat geben: In den Schulen sollten die Kinder frühzeitig zur Musik der Gegenwart geführt werden. Man sollte es den Kindern bewusst machen, dass es dringend notwendig ist, zuzuhören und mitzubekommen was heute entsteht – und nicht nur etwas über Musik zu erfahren, die früher entstanden ist. Wenn Kinder das rechtzeitig erleben, dann fängt das eine oder andere auch Feuer, dann will es mehr wissen, und dann fängt es an, sich selbst auszubilden. Anders sehe ich keinen Weg. In der jetzigen Gesellschaft, in Deutschland vor allen Dingen, sind solche Hoffnungen allerdings ein frommer Wunsch.

Das hieße ja, dass, wer bereits erwachsen  ist und beispielsweise in seinem Leben nur Mozart gehört hat – der hätte es schwer, Ihrer Musik zu begegnen?
    So sieht es aus. Ich erlebe es aber auch anders: Besonders alte Leute werden wach, einige Alte, die so auf die achtzig zugehen – da kenne ich zahlreiche, die ungewöhnlich neugierig werden und im Alter entdecken, dass sie eigentlich zu etwas anderem geboren sind, als zu dem, was das Leben ihnen abverlangt hat. Und dann fangen sie an, sich auch für meine Musik zu interessieren. Die schreiben mir dann, wünschen Bücher, CDs, bestellen sogar Partituren, Manuskriptreproduktionen und so etwas – ganz merkwürdig.

Sind die klangverliebt?

    Ich glaube, die sind einsam, und aus der Einsamkeit heraus kommt ein geistiger Wunsch, ein geistiges Bedürfnis, wenn sie durch Zufall Kontakt bekommen mit einer gewissen Musik, sei es durch das Radio, sei es durch Bekannte.

Wie halten Sie selbst es mit der Musik anderer? Gibt es für Sie so etwas wie Unterhaltungsmusik, beim Abwaschen etwa oder beim Autofahren?
    Ich höre ziemlich oft – sagen wir ein, zwei Mal die Woche – CDs, die mir von jungen DJs und Musikern aus ganz verschiedenen Stilrichtungen geschickt werden, also Rap-, Techno- oder Rock-Musikern, vor allem diese Art von Musikern, zumeist jüngere, sehr junge zum Teil. Sie schicken mir ihre Partituren und CDs und wollen hören, was ich dazu sage. Also höre ich mir das an und schreibe ihnen dann zurück.


VIDEO: Karlheinz Stockhausen – Helicopter String Quartet
Gibt es da auch Sachen, die Sie aus Eigeninteresse weiterverfolgen?
    Ja, es gibt einen jungen Mann, Sonnenfeld, aus Cottbus. Dort arbeiten mehrere DJs, die in ihrer eigenen Welt leben. Er ist extra zu mir gekommen und hat mir vorgespielt. Ich fand ihn so ernsthaft in seiner Arbeit und gleichzeitig so offen, dass ich versuche ihm zu helfen. Er suchte nach einer Notation für die Manipulationen, die er ausführt, um mit einer oder zwei Schallplatten simultan zu ›scratchen‹. Ich versuchte ihm bewusst zu machen, dass es bereits eintausend Jahre her ist, seit Mönche begonnen haben, Bewegungen aufzuzeichnen; also Cheironomie zu schreiben, was zur gregorianischen Notation geführt hat. Meine Frage war: Warum musst du denn wieder bei Null anfangen und schreiben wollen, wie sich deine Finger oder deine Hände bewegen, statt den Klang zu beschreiben? Ich betrachte ihn wie einen jüngeren Freund und möchte ihm Wege zeigen, wie er voran machen und nicht Zeit verlieren soll mit Dingen, die längst historisch geleistet worden sind. Bloß, weil er es nicht weiß, und seine Freunde wissen das offenbar auch nicht. Sie sind Anfänger ohne übliche Musik- und ohne Instrumentalausbildung, aber sie sind begabte musikantische Männer. Und das interessiert mich.

Wenn Sie seine Musik hören, und Sie ihm Ratschläge geben, dass er weiter voranmachen und nicht wiederholen soll, was es schon gab, welche Parameter  haben Sie da? Hören Sie die Musik – und automatisch, wie ein Computer, die Deckungen zur Musikgeschichte?
    Nein, er hat mir ja vorgespielt, und zu allem, was so Automatismen in seinen Händen beim Bewegen sind, sagte ich ihm, er solle doch mal etwas Unregelmäßigeres spielen, oder er solle sich nicht die Platten in Los Angeles für 18 Mark kaufen, sondern sich selber das Klangmaterial machen. Da sagte er, es sei doch viel zu teuer, eine Schellack-Platte zu pressen. Mittlerweile habe ich aber Briefe erhalten, er und seine Freunde hätten sich jetzt doch – weiß der Himmel, wie sie das wieder gemacht haben – ein paar Platten pressen lassen können, privat, und selbst ihr Klangmaterial produziert, statt immer nur dieses vorgeformte Material zu verwenden. Eigentlich sind es immer dieselben Sequenzen, also ein Fetzen Sprache, ein Schrei, ein Autokreischen und ich weiß nicht was sonst noch. Töne und Geräusche von irgendwelchen Gebrauchsgegenständen, ganz kurz aneinandergefügt, und DJ-Spieler wissen, wenn sie länger mit einer Platte umgehen, wo sie hingreifen sollen. Ich sagte: Mache dein eigenes Material, damit ein Werk entsteht, was viel origineller ist. Und das hat er gar nicht abgelehnt.

Aber bevor er auf Sie gehört hat: War diese DJ-Musik für Sie Unterhaltungsmusik, Tanzmusik?
    Nein, ich weiß doch, dass diese Musiker immer das Ziel haben, dass man zu all den Platten, wie schräg sie auch sind, tanzen können soll. Die penetrante Periodizität, die immer unterlegt wird, ist ein Element, das ich einfach ausklammere. Darauf nehme ich nicht Bezug. Man soll ruhig darauf tanzen oder tanzen lassen. Mich beginnt die Musik in dem Moment zu interessieren, wenn ich den Musiker experimentieren höre.

 

Sie haben sozusagen ein intuitives Gespür für Klischees?
    Ja. Ich versuche Klischees bewusst zu machen, aufzudecken. Ich versuche, im Bereich des Rhythmus’ Unregelmäßigkeit zu lehren, innerhalb von regelmäßigen Perioden synkopisch zu formen und in den Tonhöhen sowieso. Denn Tonhöhenbewusstsein haben die meisten DJs ja nicht: Sie nehmen, was kommt. Das ist gar nicht so schlecht, aber irgendwann müssen die das auch mal weiterentwickeln, so dass sie nicht immer dieselben Glissandi machen. Ich sagte: Mach doch nicht dauernd Glissandi nach unten, das macht einen traurig, klingt fürchterlich. Und dann erwiderte er: Ich weiß gar nicht, wie ich das machen soll. Ich schlug vor: Dreh’ doch auch mal in die andere Richtung, in verschiedenen Tempi. Dann ging ihm ein Licht auf. Es sind so elementare Sachen, welche vielen, die Samples verwenden, gar nicht bewusst sind – was man nämlich so alles mit einem Sample anstellen kann. Man muss einfach erfinderisch sein.

Sie hören Musik nie nebenbei?
    Ich bin kein allgemeiner Musikgenießer. Ich habe gar keine Zeit für so etwas.

Lassen Sie sich vom Radioprogramm wecken?
    Ich habe kein Radio, auch kein Fernsehgerät.

Haben Sie einen Wecker, der schön klingt, oder von was lassen Sie sich wecken?
    Von gar nichts. Ich werde immer ungefähr zur selben Zeit wach, gleichgültig, wie spät ich ins Bett gehe.

Praktisch.
    Das ist ein eingebauter Wecker.

Sie scheinen mit Ihrem »Licht«-Zyklus, ihrem größten Werk, das aus sieben eigenständigen Opern zu den einzelnen Wochentagen besteht, jetzt relativ pünktlich fertig zu werden. Das ist insofern bemerkenswert, als dass Sie vor über zwei Jahrzehnten vorausgesagt haben, wann Sie »Licht« beenden würden.

    Ja, ich bin bei der letzten Szene.

KarlheinzStockhausenÜberrascht es Sie, dass das so hingehauen hat?
    Man konnte es voraussehen. Nachdem der Gesamtplan 1978 so von mir gezeichnet worden war, wie er noch heute gilt, war klar, wie lange die Realisation brauchen würde. Ich hatte ja zahlreiche andere größere Werke vorher geschrieben. Daher konnte ich einschätzen, wieviel Zeit man zum Komponieren für einen Teil von »Licht« benötigen würde. Ich hatte durchschnittlich vier Jahre pro Teil veranschlagt, und genau so hat es jetzt auch geklappt.

Also liegt in der Zeitspanne keine konzeptionelle Überlegung, sondern einfach eine logistische, dass Sie einfach eine bestimmte Zeit brauchen, um die Komposition handwerklich zu bewältigen?
    Ja. Wenn man durchschnittlich eine Dauer von dreieinhalb bis vier Stunden pro Teil zu realisieren beabsichtigt, dann weiß ich, dass ich für einen Teil von »Licht« drei bis vier Jahre benötige.

Mit anderen Worten: Alle Ihre Werke seit 1978 sind somit Teile von »Licht«?
    Es gab in dieser Zeit fast nur »Licht«. Ich wollte den Zyklus der sieben Wochentage komponieren, und jetzt, wenn er fertig ist, möchte ich den Tag, die vierundzwanzig Stunden des Tages, also den nächsten Zeitzyklus, musikalisch formen. Das Jahr, die Woche, der Tag. Der wird auch einige Jahre beanspruchen. Es interessiert mich sehr, wie ich das machen werde.

Sie haben in einem Interview mit Astrid in’t Veld einmal gesagt, dass Sie, wenn Sie noch ein zweites Leben hätten, ein einziges Werk machen würden, von ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr bis zu Ihrem Tod.
    Jetzt kommt erst einmal der Tag. Und sollte es noch möglich sein, dann möchte ich auch noch die Stunde komponieren, also in den Zeitzyklen immer kleiner werden. Die Stunde und die Minute und auch die Sekunde. Ich habe ganz bestimmte Vorstellungen, wie man ein Werk aus Sekunden komponieren kann, wobei sich jeder mit einem Computer nach ganz bestimmten Kombinationsregeln Sekunden zusammensetzen kann, die ich vorgeformt habe, und so weiter. Das hat kein Ende. Man könnte bis in die einzelnen Schwingungen des Klanges gehen als Komposition. Mal sehen. In diesem Leben sieht man natürlich das biologische Ende meiner Person. Aber das heißt nicht, dass ich nicht in ganz anderen Dimension weiter planen kann.

Würden Sie noch ein Werk komponieren wollen, das vielleicht dreißig Jahre Ihres Lebens in Anspruch nimmt?
    Das ist ja egal, ich habe nicht das Gefühl, dass ich endgültig sterbe, wenn ich sterbe. Die Existenz in diesem Körper ist zeitlich sehr begrenzt, und ich möchte gerne das, was ich gelernt habe, weiterentwickeln.

Sie sagten einmal, dass das Alte, Vergangene nur noch dann einen Wert hat, wenn man in der Gegenwart etwas Neues oder Wichtiges für einen selbst darin erkennt. Gibt es Werke von Ihnen, die Sie heute am liebsten verleugnen würden?
    Nein, bis jetzt nicht. Es werden ja auch alle viel zu wenig gespielt. Ich habe zwar Aufnahmen von nahezu allen meinen Werken. Aber wenn ich einmal auf ein Werk zurückkomme, so geschehen gerade erst kürzlich mit »Carrƒ« von 1960, dann stelle ich zumeist völlig erstaunt fest, was ich noch nicht weiß. Und wie neu ich das höre! Das ist unglaublich.

Sie prophezeien, dass man sich wieder mehr auf die ursprüngliche Bedeutung von Musik konzentrieren wird – jenseits von Star- und Geniekult.
    Im September letzten Jahres hatte ich eine Aufführung meines Werkes »Hymnen« und stellte fest, dass in der Stadt kein einziges Plakat für mein Konzert geklebt worden war. Es war ein Konzert in der Neuen Nationalgalerie, einem imposanten Gebäude, das akustisch gar nicht so schlecht ist für die Wiedergabe meiner Elektronischen Musik. Da sagte mir der Veranstalter, dass er Werbung für eine solche Veranstaltung gar nicht bezahlen könne. Wissen Sie, was die Reklame für unseren neuen Dirigenten, wir haben ja einen neuen Dirigenten hier in Berlin…,

Herrn Rattle, ja.

    … gekostet hat? 200.000 Euros! Nur für die Reklame für dessen Vorstellung! Also da herrscht ein Geniekult – und das ist ja nicht nur in der Musik so, sondern noch mehr im Sport, im Film, im Fernsehen, der sich als ein letztes Zeichen einer sterbenden Kultur manifestiert. Wenn die Interpreten wichtiger werden, als das, was sie spielen, dann ist das nicht gut. Was ich hier erlebe an Interpretenkult, an Übertreibung der Bedeutung derjenigen, die eigentlich der Musik dienen sollten, hat der heilige Augustinus gedeutet: »Wenn ich mich eines Tages dabei beobachten sollte, dass die Art, wie ich etwas mache, wichtiger wird als das, was ich mache, dann muss ich mich einer großen Sünde bezichtigen.« Das ist wirklich wahr. Eine hohe Kultur zeigt sich in der Bescheidenheit derjenigen, die zur Entstehung der Künste begabt sind und sich selbst zurückhalten. Die Interpreten, die in den Vordergrund gestellt werden, tun dies zum großen Teil natürlich aus Reklamegründen für Firmen. Das größte Foto von diesem neuen Berliner Dirigenten ist etwa zwölf mal acht Meter groß. Auf dem Plakat steht ganz groß das Logo der Schallplattenfirma EMI. Ich schüttele nur den Kopf, wie es so weit kommen konnte! Dass ein intelligenter Mensch sich als Markenartikel anbieten läßt und verkauft! Das ist nicht gut. Ich hoffe, dass jüngere Menschen das begreifen. Sie müssen verstehen lernen, dass die Künste wichtiger sind als die Diener der Künste. Das muss kommen, ich sehe zwar noch nicht wann, aber kommen muss es. Momentan leben wir in einer kritischen Zeit.

Ist das woanders ebenso? Wird Ihr Werk woanders besser beworben?
    Ich bin Komponist seit nun exakt einundfünfzig Jahren. In dieser Zeit habe ich nur einmal in einem arabischen Land eine Aufführung meiner Werke erlebt, keinmal in China, keine in afrikanischen Ländern, ein paar in Südamerika, einige in Skandinavien; in Russland ein einziges Mal nach der Wende, aber sonst auch nicht. Der größte Bereich unseres Planeten ist für das, was ich komponiere, überhaupt nicht vorbereitet. Man soll sich da keine Illusionen machen.

Können Sie sich vorstellen, dass es in fünfzig, sechzig Jahren Liederabende mit Kompositionen von beispielsweise Björk geben wird – so wie man heute zum Schubert-Liederabend geht, oder dass eine Rockband Ihre Komposition »Kontakte« covern könnte?
    Aber die Björk ist ja nicht so gut wie Schubert.

Es gibt auch schlechtere Komponisten als Schubert, die heute noch aufgeführt werden.

    Alles ist möglich, also wird auch alles kommen. Alles, was Sie denken können, wird passieren. Das ist nun einmal so. Orchester werden selbstverständlich bleiben, aber nicht mehr so viele wie heutzutage. Man wird, wenn man schlau ist, nicht die Werke vergessen wollen, die für Orchester geschrieben sind, das wäre ja Unfug. Man sollte darüberhinaus die Möglichkeit bewahren, alles studieren zu können, in bester Qualität, versteht sich. Aber die Routinewiederholungen mit sehr wenigen Variationen, die zum Kulturleben der Städte gehören: Die müssen weg! Da muss etwas anderes kommen.

Was ist eigentlich aus dem Projekt geworden, das Sie und Björk einmal gemeinsam in London aufführen wollten?
    Daraus ist nichts geworden. Es gab eine Verabredung. Sie wollte unbedingt mit mir in London eine Veranstaltung organisieren. Ich sagte: Wunderbar, machen wir das, mir ist es auch egal, in welcher Reihenfolge wir auftreten. Und dann kam eine Nachricht von ihrem Manager, sie hätte eine Krise und wäre in einem Haus in Gibraltar: Irgend jemand hätte ihr eine Briefbombe geschickt, und darüber hätte sie unser Projekt irgendwie vergessen. Ich glaube aber, mittlerweile ist ihr das nicht mehr geheuer.

    Denn auch ihre Fans sind sehr wach. Ich habe in London im vorigen November vier ausverkaufte Konzerte im Barbican Center gegeben. Etwa die Hälfte des Publikums waren Technomusiker und Rockmusiker und ganz allgemein Popmusiker. Das war ein ganz neues, gemischtes Publikum, und das fand ich gut. Es ist interessant zu sehen, dass die Unterhaltungsmusiker in ihrem eigenen Bereich anspruchsvoller werden. Einige erwähnen sogar dauernd meine Werke. Die hätten übrigens hier in Berlin bei den Festwochen auftreten sollen, aber im letzten Moment haben die kalte Füße gekriegt und abgesagt. Warum, weiß ich nicht, aber ich kann mir schon vorstellen, was die Gründe waren: Aphex Twin zum Beispiel war in meiner Aufführung mit ein paar berühmten Freunden. Die ahnen, dass ihr Publikum nicht unverändert bleiben wird, wenn es meine Werke hören würde, denn es  ballert ganz schön bei meinen Stücken. (lach, lach, lach). Das kriegen die gar nicht hin. (lach, lach).


Ist nur ein Weg dahin, ein etwas weiterer vielleicht.

    Das kriegen die wirklich nicht hin – diese Raumwirkung und diese Fremdartigkeit der Klangwelten, diese Komplexität der Formen. Irgendwann wollen die auch heraus aus den stereotypen Mustern. Die waren sehr beeindruckt und sind es immer noch. Ich komponiere seit 1954 quadrophonisch, und dann wurde es mit »Sirius« achtspurig, das heißt horizontal, also acht Klangquellen um den Zuhörer herum. Seit 1991 komponierte ich oktophon, also wieder acht Spuren, aber vier unter der Decke in den vier Ecken, und vier unten auf dem Boden, also zwei Quadrate übereinander, so dass alle vertikalen und diagonalen Klangbewegungen möglich wurden. Die elektronische Musik »Hymnen« von 1965-67 ist vierspurig, ebenso »Kontakte«. Es folgte »Unsichtbare Chöre«, achtspurig, mit acht Lautsprecherquellen ringsherum.

Sehen Sie die DVD mit ihrer Überwindung der bloß stereophonen Wiedergabe in diesem Sinne als Durchbruch, was die Speicherung und Abspielbarkeit Ihrer Stücke anbetrifft?

    Also, die DVD ist eine Reduktion für den Hausgebrauch. Ich habe kürzlich in Köln eine gute Woche lang mein Werk »Carrƒ« aus dem Jahr 1960, eine Vierspuraufnahme mit vier Orchestern und vier Chören, neu bearbeitet, ganz fein geputzt, alle Spuren sauber gemacht und die Dynamik korrigiert. Ich habe sogar ein paar Fehler verbessern können durch Verdichten und Hinzufügen von Tönen, die fehlten. Die Überlegung, davon eine DVD zu machen, wäre schon wieder ein Rückgang, denn in einem größeren Saal braucht man eigentlich vier mal zwei Lautsprecher. In der Nationalgalerie hatte ich sogar acht mal zwei Lautsprecher eingerichtet, auch für eine Vierspurwiedergabe. Es ist ganz wunderbar, dass die vier Spuren eben nicht aus den vier Saalecken kommen, sondern von hoch oben, so dass sie etwa in fünf, sechs Metern Höhe ihr Klangzentrum haben. Dadurch, dass die Lautsprecher unten und oben installiert sind, erzielt man über einem wunderschöne Bewegungen. Dieses Experimentieren ist ja mein Leben. Es ist nicht meine Aufgabe, das zu kommerzialisieren.

Aber mit der DVD hätte man ja schon zwei Kanäle mehr als bei einer CD.
    Ich produziere aber nicht für CDs, ich produziere Achtspur! Die Elektronische Musik mit Tonszenen vom »Freitag« aus »Licht« ist zwanzigspurig – mit entsprechend vielen Lautsprechern. Ich führe das ja regelmäßig auf, und ich habe von Anfang an gesagt, spätestens seit 1956, dass eine zweispurige Aufnahme dasselbe ist wie ein Foto von einer Kathedrale. Man bekommt immer nur eine Perspektive. Wer meine Musik zu Hause hören möchte, muss nun einmal eine wahnsinnige Reduktion in Kauf nehmen.

 


VIDEO: Karlheinz Stockhausen – Kontakte
Sie wären dagegen, »Licht« auf DVD herauszubringen?
    Im Gegenteil! Studium ist dringend nötig! Ganz egal, wie. Selbst wenn jemand mono studiert, in Gottes Namen – also irgendwo muss man ja anfangen.

Aber als Ergötzung zu Hause?
    Das muss jeder mit seinem Geldbeutel ausmachen. Vor allem aber bin ich immer dafür, dass man alles zur Verfügung stellt, was das Studium ermöglicht. Ich sage sogar, dass der musikalische Analphabetismus allmählich verschwinden muss, damit die Leute auch die Partituren mitlesen können. Tatsächlich gibt es da ganz langsam, aber regelmäßig Fortschritte. Immer mehr Leute bestellen Partituren, und immer mehr Bestellungen kommen für Vierspurbänder oder Achtspurbänder; oftmals von Musikern, die sich mit Technikern zusammengetan haben und irgendwo Installationen mit meinen Werken machen – dieses Jahr beispielsweise in Italien, in der Schweiz, in Frankreich, in Belgien und Schweden. Also ich bemerke, dass es da einen richtigen Fortschritt gibt, wobei man nicht nur auf das Wohnzimmerformat oder den Abhörraum, den sich nur reichere Leute leisten können, zurückgreift, sondern in Sälen eine gute Installation einrichtet – und dann die Hörer die Augen zumachen und zuhören.

In Berlin gibt es eine große Zahl von Multiplex-Kinos, also von technisch relativ aufwendig gestalteten Kinosälen, und man fragt sich schon jetzt, was wohl passieren wird, wenn die eines Tages einmal leerstehen, weil es absehbar ist, dass viele von diesen Kinos pleite machen werden. Eigentlich wären ja dann mehrspurige Musikinstallationen eine neue Nutzungsmöglichkeit. Multiplexe als Auditorien moderner Musik, sozusagen.
    Ja, das wird kommen. Ich habe das schon in der Weltausstellung in Osaka 1970 sechs Monate lang praktiziert, jeden Tag vor vielen Leuten meine Musik aufgeführt. Es wird kommen, dass in jeder größeren Stadt ein modernes Musik-Auditorium installiert wird, in dem Rundumklänge, auch Lautsprecherinstallationen unterhalb der Zuhörer, möglich gemacht werden. Man müsste in einer Stadt wie Berlin ein Auditorium haben, wohin jeder, der Interesse hat, wie in ein Museum kommt und hört, und es liefe von morgens bis abends ein variiertes Programm.

KarlheinzStockhausenAm 16. September 2001 haben sie den Anschlag auf das WTC als »das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat« bezeichnet; ›Kunstwerk‹ als wertneutrales Endprodukt eines Schöpfungs- oder Destruktionsprozesses verstanden. Weil der Begriff ›Kunstwerk‹ aber per se positiv wahrgenommen wird, klingt das Zitat sehr radikal, und Sie gerieten in den Verdacht, mit den Terroristen zu sympathisieren. Es ist geradezu bedrückend, dass Ihr Name seitdem fast nur noch im Zusammenhang mit dem 11. September genannt wird.
    Das ist so, weil es nahezu unmöglich ist, dass irgend jemand versteht, was ich da gesagt habe. Der Inhalt meiner Aussage war ja: Der Anschlag war Luzifers Kunstwerk der Zerstörung. Die denken, dass ich spinne, weil ich Luzifer erwähne, aber in meinem Leben ist Luzifer spätestens seit dem Chorwerk »Atmen gibt das Leben« konkret definiert. Luzifer ist in »Licht« gegen die Kreation des Menschen, er schafft immer Situationen, bei denen Menschen getötet werden, Krieg droht. Es ist einfach eine direkte Folge der Überlieferung, dass Luzifer im Universum die Rebellion gegen Gott ausgerufen hat, und dass, wie es im »Donnerstag« aus »Licht« heißt, 607 bewohnte Welten mitgegangen sind. Luzifer ist gegen die Verehrung Michaels, des höchsten universellen Mitkreators neben Gottvater, den Luzifer angreift, ironisch und zynisch. Er will die Menschen nicht, er ist ein Idealist, er will den reinen Geist und nicht die schwere Materie, die sich auf diesem Planeten befindet. Luzifer hat – Gott weiß wie oft – gesagt, dass der Mensch eine Missgeburt ist zwischen Tier und Engeln. Am liebsten sähe er, dass der ganze Planet, so wie er jetzt ist, nicht existierte. Das ist Luzifer, der Zerstörer. Was da voriges Jahr in Amerika geschehen ist, das ist nicht einfach nur die Tat von ein paar Männern, die gehirngewaschen waren, sondern es existiert eine Schicht in der ganzen Menschheit, die luziferisch denkt, handelt. Die auch gegen die Weiterentwicklung des Menschen ist.

Das Problem war ja, dass man Sie bewusst missverstanden hat. Ich habe die Niederschrift der Pressekonferenz gelesen, und ich dachte, hätte man sich da noch ein bisschen, eine Viertelstunde länger Zeit genommen, dann hätte es vielleicht diese Missverständnisse nicht gegeben. Das löst sich ja am Ende in so einer Verwirrung auf, in einer allseitigen, man spürt da eine Anspannung und Dramatik, und Ihre Aussagen sind dann schließlich bewusst missverstanden und als Schlagzeile missbraucht worden…
    Ja, Sie brauchen ja nur in die Zeitungen zu sehen, die hier im Hotel herumliegen. Überall, wo Verbrechen, Verderbnis, der Tod vieler Menschen, Chaos, Naturkatastrophen besprochen werden, gibt es eine unglaubliche luziferische Lust der Medien, das zu multiplizieren. Die lieben das Unheil. Das ist offenbar für die Medien – Zeitungen insbesondere – ein ständiger Anreiz, Schlagzeilen zu machen.

Hat das Ihr Vertrauen in die Presse nicht noch mehr zerstört, als es vorher schon der Fall war?
    Nein, das hat sich nie geändert. Ich habe seit der ersten Besprechung eines meiner Werke ein unbegrenztes Misstrauen in das Wahrheitsbewusstsein von Journalisten.

Im Zuge der Affäre sind in Hamburg Stockhausen-Konzerte abgesagt worden, und Ihr Sohn Simon hat in einem sehr interessanten Gespräch mit Alfred Biolek erwähnt, dass vornehmlich von privaten Sponsoren organisierte Konzerte abgesagt worden sind, weil der Name Stockhausen durch die Affäre angeblich keine Werbewirkung mehr gehabt hätte.

    Ich hatte einen festen Vertrag für eine Uraufführung vom »Mittwoch« aus »Licht« in Bern. Die wollten 2003 ein großes Stockhausen-Festival veranstalten. Alles war durchgeplant, anderthalb Jahre lang, es gibt einen Schriftwechsel, für den braucht man einen Aktenordner. Der Veranstalter, Roman Brotbeck, hatte den Presserummel im letzten Moment zum Anlass genommen, um aus seinem Finanzproblem herauszukommen. Und er hat dann in der offiziellen Erklärung geschrieben, es geschähe eigentlich nicht, weil er an die Verdrehungen glaube, sondern weil Sponsoren sich zurückgezogen hätten, mit denen er fest gerechnet hatte. Das sind aber faule Ausreden. Er hatte einfach kein Geld. Das Geld hatte er verplant, und die Musiker sind nicht bezahlt worden. So etwas wird noch öfter geschehen.

Ein Themenwechsel zum Schluss. In Ihren »Texten zur Musik« finden sich Pläne, Bepflanzungspläne, mit Tausenden von Blumen und Sträuchern, die Sie pflanzen. Das ist sehr viel, wenn man sich das ansieht …
    Also ich bin, da ich seit 1965 ein eigenes Stück Land habe, immer dann, wenn ich zu Hause bin, ein Gärtner. Ich habe sehr viel kultiviert, gepflanzt und viel gelernt, was Pflanzen betrifft und ihre Notwendigkeiten. Ich pflanze immer wieder dazu, zum Teil auch mit der Hilfe anderer, und erneuere Pflanzen. Ich lebe mit den Pflanzen, mit Büschen und Bäumen.

Sie sind also ein leidenschaftlicher Gärtner?
    Leidenschaftlich ist übertrieben. Ich komponiere leidenschaftlich, auch wenn ich dabei niemals leide. Ich bin eher kühl.

Aber woher kommt dieser enorme Drang, so viel pflanzen zu wollen? Ist das ein schöpferischer Akt? Oder wollen Sie einfach Leben in die Welt setzen – denn die Pflanzen sind ja an sich schon fertig.

    Das … sieht einfach wunderbar aus! Und in manchen Ecken duftet es auch ganz schön. Ich muss sagen, dass ich ungeheuer viel lerne von der Art und Weise, wie verschieden Pflanzen geformt sind. Ich kann mir ihre Natur nicht anders vorstellen, als dass es höhere Geister gibt, die die Pflanzen erfunden haben. Diesen Gedanken spüre ich schon lange in mir. Wenn man sich die Evolution anschaut – von den ersten kleinen Pilzen bis hin zu wunderschönen Bäumen, Tausende Jahre später –, so glaube ich, dass es sich hierbei nicht um ein Zufallsspiel handelt. Wenn man eine einzelne Pflanze über eine längere Zeit beobachtet, wie sie beginnt als kleiner Knuddel, der nach nichts aussieht, und dann miterlebt, wenn man ihn in die Erde legt, Licht und Wasser möglich macht, wie nach und nach eine wunderschöne Blüte herauswächst, so staunt man über ein wahres Wunder der Erfindung; dann ist das ja ein Komponieren, das ich nicht verwirklichen kann. Ich kann keine einzige Pflanze machen. Ich spüre, dass ich als Musiker sehr begrenzt bin, da ich mich ausschließlich mit Formen von akustischen Wellen, mit Schallwellen befasse. Die Geister, die die verschiedenen Pflanzen erfunden haben, sind mir unglaublich überlegen, das spüre ich sehr deutlich, und bei der Formung von Tieren ist das auch so. Die kann man allerdings nicht so genau studieren wie die Pflanzen.

Die halten nicht still?

    Genau. Ich bewundere zwar immer die Eulen in unserem Wald, aber ich komme ihnen nicht nahe. Wir haben sehr viele Vögel, aber die sind immer ziemlich weit entfernt. Vor allem kann man Tiere ja nicht immer öffnen, um zu sehen, wie sie eigentlich innerlich geformt sind. Bei Pflanzen beobachte ich das hingegen sehr genau. Es gibt so viele Beispiele, dass man unerschöpflich viele Varianten in der Pflanzenwelt studieren kann. Die Schöpfung von Pflanzen ist ein wunderbares Bild für das Komponieren.

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