Deerhunter Monomania

Deerhunter Monomania
DEERHUNTER
MONOMANIA
4AD / BEGGARS / INDIGO – 03.05.2013

Deerhunter ist eine dieser Bands, die ihren Sound gerne neu erfinden, ihre eigenständige Sprache aber doch stets beibehalten. Anders gesagt: Man kriegt Bradford Cox, Sänger und Songschreiber der Band, nicht aus Bradford Cox. Auf Monomania versucht er sich trotzdem an einer Art Autoexorzismus. Das Album klingt im Vergleich zum Vorgänger vor allem: dreckig. Monomania ist eine Übung im kunstvollen Übersteuern, es hört sich jedenfalls so an, als ob die 10-Watt-Verstärker bei den Aufnahmen bis zum Anschlag aufgedreht waren. Die Kids nennen es Lo-Fi. Überall fiept es und verzerrt, Gitarren sowieso, und gesanglich erhebt sich aus dem croonenden Cox – das gab es so bisher noch nicht – ein schreiender Frontmann. Mitunter klingt er wie Julian Casablancas, aber auch wie John Maus und Ariel Pink. Wie gesagt versucht sich Cox, ganz Eskapist, im musikalischen Transzendieren seiner selbst.
   Aber die lautstarke Übersteuerung ist nur Schein. Die Songs bleiben introspektiv, das Laute ist reine Oberfläche. Es geht mal wieder hinab ins Reich der Nacht und der Träume, der Drogen und der eigenen Vergangenheit. »For a month I was punk, I remember all that junk / For a year I was queer, I had conquered all my fears«, heißt es beispielsweise in »Punk (La Vie Antérieure)«. Die Methode des stream of consciousness, der spontanen Dichtung, behält Cox hörbar bei.
   Und noch immer dominieren die arg verträumten Gitarrenmelodien, nur sind sie dieses Mal fuzziger als sonst. Noise-unerfahren ist die Band natürlich nicht. Auf Weird Era Cont. aus dem Jahr 2008 pulsierte monoton schwingender Gitarrenkrach von hypnotischer Qualität, ohne ein Abklatsch von My Bloody Valentine zu sein. Und zuletzt, auf dem ausgezeichneten Album Halcyon Digest, beschäftigte sich Cox mit dem Hang der Menschen, zu romantisieren und sich selbst zu belügen, wenn es um die Erinnerung geht. Da klang die Band auf einmal eingängig, weniger weird, Pop war plötzlich einfach Pop und nicht mehr dekonstruierter Pop.
   Was nun das Album Monomania zusammenhält, ist nicht die Lo-Fi-Qualität der Sounds, sondern die Liebe zu traumwandlerischen Melodien. Nicht zuletzt will diese Musik zum Tagträumen einladen. Über den Songs liegt eine dünne Haschischwolke, noch von letzter Nacht, und jetzt, immer noch leicht benebelt, spürt man dem gestrigen Drogentrip nach. Der »Blue Agent«, der gleichzeitig auch der »Dream Captain« ist, nimmt »Sleepwalking«-Personen und »Nitebike«-Reitende mit auf den »Neon Junkyard«. So fühlt sich das jedenfalls an. Und ich glaube, so ist das auch gedacht.

VIDEO: Deerhunter »Monomania«

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