David Bowie und die Melancholie

Heute erscheint Who Can I Be Now?, der zweite Teil der umfangreichen David-Bowie-Serie von Parlophone Records. Für die CD- und Vinylbox wurde Bowies Schaffen von 1974-1976 neu gemastert und mit dem bislang unveröffentlichten Album The Gouster angereichert. Anlässlich der Veröffentlichung schauen wir mit Holger Hiller zurück auf Bowies Karriere und einen wichtigen Aspekt seines Spätwerks: Der Melancholie.

Nicht ahnend, dass David Bowie im Sterben lag, empfand ich »Blackstar«, den Titelsong und das Video seines letzten Albums, auf seltsame Art als ärgerlich. Vielleicht umso mehr, als Bowie in der Selbstfindungsphase meiner Jugend auf mich, wie auf alle in meiner Generation – ich bin 1956 geboren –, starken Einfluss ausgeübt hatte.

Worin bestand dieser Einfluss? Kurz gesagt: im Bruch mit der Rock-Identität der Sechzigerjahre. Bowie reagierte auf eine Alternativkultur, die in den Siebzigern bereits arg zerschlissen war. Sie war dem autoritär codierten Lebensstil der Fünfzigerjahre entgegengetreten und erwies sich nun selbst als fragwürdig romantisierend und letztlich konservativ eingebettet, bedroht von der Erstarrung eines falschen Zurück-zu-den-Wurzeln und der kitschigen Forderungen nach Befreiung in der Identität mit »sich selbst«.

Bowie ließ all das fallen. Und das war beeindruckend. Auch wenn er nie so Grenzen-niederreißend war, wie man ihn idealisierte, wurde er doch zur Leitfigur einer damals neuen Freiheit, indem er die festgefahrenen Vorstellungen von Persönlichkeit aufweichte. In Bowies Worten: »I just had to accept that I was a person who had a very short attention span, who would move from one thing to another quite rapidly when I got bored … I became comfortable with that, and I didn’t try and identify myself, or try and ask myself who I was.«

Bowie thematisiert seine eigene Begrenztheit, sein Zusammentreffen mit der eigenen Vergänglichkeit, mit seinem Tod.

Bowie machte Identität als solche zu einem Spielelement, das kombinierbar wurde und nicht mehr dem biederen Ernst von Tüchtigkeit und Echtheit zu dienen hatte – zumindest scheinbar. Denn dieser Kosmos war nicht ganz so groß, wie er sich im ersten Moment anfühlte. Aber zunächst konnte Bowie – und das ist sein großes Verdienst – diese Rolle tatsächlich im Sinne eines weitergehenden Wandels einsetzen und vorantreiben. So wurde er zum Bindeglied zwischen den Sechzigern und den Achtzigern, zwischen einer hinterherhinkenden Aufarbeitung der künstlerischen Moderne in der Popmusik und einer zweiten Phase mit und nach Punk, in der zunächst die Pop-Art Warhol’scher Prägung angeeignet wurde, bevor Popmusik sich gegen Ende der Moderne aufsplittete und, parallel zur Entwicklung in der Gegenwartskunst, teils in einen genderkritischen Identitätsdiskurs einfloss.

Warum befallen mich nun bei Bowies Spätwerk unangenehme Gefühle? Hängt es damit zusammen, dass Bowies Musik schon in den Achtzigern durch Erfolgsdrang und Verwertungsdruck uninspirierter wurde? Zum Teil. Zum anderen Teil damit, dass Bowie in seinem Alterswerk – nach einer Veröffentlichungspause von zehn Jahren – eine Rückkehr zu Gefühlen und Inhalten einer ehemals selbstgeschaffenen Pose versuchte: zu künstlerischen Höhepunkten wie jenen der Berliner Phase von Low und Heroes. Was kam dabei heraus? Melancholie. Das ist kein Zufall. Denn diese Melancholie war schon in seinem ersten Hit »Space Oddity« zu spüren, wo der Aufbruch in den Weltraum in die Zeilen mündet: »Planet Earth is blue / And there’s nothing I can do.«

Auf seinem vorletzten Album dann die eisumwehte Frage: »Where are we now?« »A man lost in time near KaDeWe / Just walking the dead.« Und jetzt, auf seinem Abschiedsstatement, singt Bowie die Zeilen »I’m a black star / I’m not a pop star«, kombiniert mit einer obskuren, okkult anmutenden Anspielungsorgie im Videoclip, bei der nie ganz klar wird, worauf sie sich bezieht. Ist Bowie sich auf diese Art treu geblieben (»I didn’t try and identify myself«)? Oder laufen die Verweise ins Nichts? Und was wäre dieses Nichts?

Der schwarze Stern, erklärt mir Wikipedia, ist ein theoretischer Stern, eine hypothetische Alternative zu einem Schwarzen Loch. Ist das also ein abschließendes Statement über sich selbst, eine hypothetische Alternative zu einem einsinkenden Zweifel? Der Ort, an dem das konventionelle Wissen über das Universum außer Kraft gesetzt wird, ist natürlich nicht auffindbar.

Die große Figur des Dandys hat ausgedient – das war David Bowie klar.

Bowie thematisiert seine eigene Begrenztheit, sein Zusammentreffen mit der eigenen Vergänglichkeit, mit seinem Tod. Warum verfällt er dabei so auffällig einer Spielart des Mystizismus? Man könnte es als starken Schachzug, als ein schönes, leeres und doch inspiriertes Goodbye! interpretieren. Oder auch als etwas, das auf dem Schachbrett der Pose ein hilfloseres Patt verdeckt, das so oft die Achillesferse des Pop war: Auch Bowie kehrt zurück zu dem, was er grenzgängerisch aufgebrochen hatte, und verwandelt es in etwas, das in der Melancholie überschaubar und geheimnisvoll bleibt oder: bleiben soll.

Bowie ist zwar zu clever, um sich einer Illusion hinzugeben. Das macht die Sache so ungeheuer ambivalent. Aber das große Manko seines künstlerischen Statements ist diese Rückbesinnung, die auf mehr als einer Ebene nostalgisch ist. Denn die große Figur des Dandys, wie sie von Oscar Wilde geschaffen wurde, hat ausgedient – und das war Bowie klar. Vielleicht besingt er sich deshalb als »Blackstar« und nicht als Popstar. Von dieser Figur hatte Bowie erlernt, eine aufrührerische Kraft zu entfalten. Aber er hat es, anders als Oscar Wilde ein Jahrhundert vor ihm, nie geschafft, die dieser Figur gesetzten Grenzen so offen anzusprechen, wie Wilde es im Essay The Soul Of Man Under Socialism von 1891 getan hatte. Bowie gelang es nicht, die Kritik auch zur Selbstkritik werden zu lassen. Auch sie war bei ihm nur als Pose zu haben, und so wurde alles zur Schwermut, samt Anspielungen auf Lars von Triers Melancholia wie schon auf Kubricks 2001: A Space Odyssey in »Space Oddity«.

Man kann sich auch hinter Melancholie verstecken. So sagte Bowie einst über sich selbst: »I find only freedom in the realms of eccentricity.« Bowie war nie seiner Zeit voraus, aber doch right on time. Dafür gebührt ihm Respekt.

Dieser Text ist wie viele weitere Features in der Printausgabe SPEX N° 367 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

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