Das Weiße Pferd Münchner Freiheit

Das dritte Das Weiße Pferd-Album ist ein Lo-Fi-Irrsinnsgarten voller großer Popmomente.

Pop war einmal ein unendlicher Spaß. Zeitgeistig, relevant, irrwitzig. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts tauchten dann diese fiesen Popkulturpessimisten auf und begannen zu nörgeln: Pop hätte sein gesellschaftsveränderndes Potenzial verloren, hätte sich selbst eingemottet und ins Museum der Deluxe-Wiederveröffentlichungen zurückgezogen. Pop sei nicht mehr die Zukunft, Pop sei Retro. Nicht mehr Protest, sondern Selbstzitat. Gott sei Dank gibt es Das Weiße Pferd. Die Münchner Band darf von nun an als finales Argument in Diskussionen mit fortschrittsskeptischen Nostalgikern herhalten. Musealisierung des Pop? Warum nicht? Und Protest? Gerne, aber bitte nicht so bierernst.

Auf ihrem dritten Album Münchner Freiheit zeigt die Band, wie das alles zusammengeht: das Zitat, die Politik und der Spaß. Und der beginnt mit einem Protestsong: »Was kann ein armer Kerl schon tun / Außer von der Münchner Freiheit zu singen?« Sänger Pico Be überführt den »Street Fighting Man« der Rolling Stones aus London Town nach München. Was darauf folgt, ist ein Rundgang durch das Museum der Gegenkultur. »Spielverderber« fiedelt dylanesk, bei »Teutsche Matchos« verwandelt sich Pico Be in einen atemlosen David Byrne, nur um ein paar Songs später wie ein von David Bowie produzierter Lou Reed aus der Transformer-Ära zu raunen. Die Band folgt jedem dieser musikalischen Hakenschläge mühelos. Es kracht und scheppert und düdelt an allen Enden, und irgendwo in diesem Lo-Fi-Irrsinnsgarten verstecken sich mindestens ein halbes Dutzend großer Popmomente.

Das Weiße Pferd führen ihre Hörer durch ein Spiegellabyrinth. Man begegnet vertrauten Gesichtern, stolpert verzückt und leicht verwirrt durch die Gänge. Hier ein James-Brown-Zitat, da ein paar Ohrfeigen für den überintellektuellen Godard-Fan, und um die nächste Ecke duften die Hühner am Spieß in der heißen Glut. Auch die Gesellschaftskritik kommt nicht zu kurz. Es geht um München, diese »verschlafene Stadt«, in der es »keine coolen Plätze mehr gibt«. Es geht um Rassismus, Chauvinismus und deutsche Klischees, inspiriert von einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Diese bietet Pico Be auf seinem Blog als Sekundärliteratur zu seinen Texten an. Das zeugt von Bewusstsein für die eigene Genealogie, einem Gespür für die Probleme der Zeit und einer gehörigen Portion Humor. Mehr kann man von Pop nicht erwarten. Und wenn wir ehrlich sind, hat Mick Jagger 1968 auch nur mit dem Arsch gewackelt.

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