Damon Albarn im Interview: »Ich realisierte da meine Entfremdung«

Damon Albarn   Damon Albarn   FOTO: Kim Jakobsen To
FOTO: Kim Jakobsen To​

Damon Albarn hat seinen FACT Mix veröffentlicht und mit SPEX im Interview über die Entstehung seines neuen Albums Everyday Robots gesprochen, aus dem es nun ganze drei neue Stücke zu hören gibt.

»Grundsätzlich verfalle ich bereits in Panik, wenn ich zwei E-Mails auf einmal bekomme. Ich nutze keine sozialen Medien, bewege mich selten im Internet – ich bin einfach nicht für diesen Kram gemacht«, erzählt Damon Albarn, angesprochen auf die für sein erstes Soloalbum namensgebenden Mitmenschen, welche von ihren Smartphones fremdbestimmt und vollends eingenommen erscheinen. Das Internet benutze er eher selten, weniger auch für Recherchen, eher für die Falsifikation seiner Erinnerungen. Letzterer bestimmen die Thematiken von Everyday Robots wie Albarn beim Studiobesuch in London für die neue SPEX-Ausgabe bestätigt. Für die Diversität seines Sounds, vor allem aber auch für sein Künstlerstreben an sich, war dabei ein Urlaub als Kind entscheidend:

Mit neun habe ich mit einem Freund meiner Eltern die Türkei besucht, wo ich extrem viel Zeit alleine verbracht habe. Ich weiß noch, wie ich stundenlang durch die Gegend gelaufen bin, mich in irgendwelchen Teehäusern wiederfand, die Märkte bestaunte. Das alles war wahnsinnig aufregend und exotisch für mich. Das war noch das alte Istanbul, wie es im Film Midnight Express dargestellt wird, enorm inspirierend und ganz anders als heute. In jedem Fall war das eine sehr prägende Zeit – aus der ich von jetzt auf gleich hinauskatapultiert wurde. Der große Umbruch meines Lebens bestand darin, als gewöhnliches Kind aus dem urbanen, multikulturellen Ost-London der Siebzigerjahre ins ländliche Essex zu ziehen. Durch die Arbeit an dieser Platte habe ich erst richtig realisiert, zu was für einer Entfremdung dieser Umzug bei mir geführt hat. Meine Eltern waren bereits umgezogen, während ich in der Türkei war. Ich wusste natürlich, dass die Sache geplant war. Aber ich kam zurück nach England und fand mich von einem Tag auf den anderen in diesem provinziellen spießigen Umfeld wieder, wo ich ein totaler Außenseiter war. Dadurch entwickelte sich in mir das Verlangen, mich in irgendeiner Weise auszudrücken. Vielleicht ist das die Essenz des Künstlerdaseins: diese Sehnsucht nach Ausdruck, weil man in seinem sonstigen Umfeld keine Entsprechung für seine Sehnsucht findet.

Ähnlich divers ist sein neuer Mix für FACT ausgefallen, in dem auch erstmals die beiden Everyday-Robots-Stücke »Electric Demo« und »You And Me« zwischen Erykah Badu, 2 Pac, Holly Golightly, Mulatu Astatke u. a. zu hören sind. Außerdem gibt es die neuen Single »Heavy Seas Of Love« mit einiger Verspätung nachfolgend endlich auch in Deutschland im Stream.

Das gesamte Interview, in dem Damon Albarn über weitere, prägende Erinnerungen, die Kinks, seinen FC Chelsea, den Arbeitsstand der Blur-Reunion und Babyelefanten spricht, ist aktuell in SPEX N°352 zu finden – am Kiosk und im neuen SPEX-Shop. Ende Juni, Anfang Juli spielt er zwei Konzerte in Deutschland.

Damon Albarn live
30.06. Berlin – Astra
​01.07. Hamburg – Grosse Freiheit 36


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