Crystal Castles

Ihre Musik wird als Neuerfindung von Punk, sogar als »Electro Punk Sensation« gefeiert – dabei greifen die beiden Kanadier Ethan Kath und Alice Glass als Crystal Castles mit (Digital) Hardcore und 8-Bit-Sounds auf durchaus bekannte Stile zurück. Das nicht nur im übertragenden Sinne: kurz nach Veröffentlichung ihres Debüts wurden Plagiatsvorwürfe geäußert. Simon Schneller sieht sich unabhängig davon mit einer erschreckend authentischen Band konfrontiert.

Crystal Castles

»Wir geben nicht viel darauf, was die Leute sagen. Atari Teenage Riot haben auf den Samples von Gitarrenbands basiert. Ich denke nicht, dass wir auch nur annähernd so klingen, wie sie!« (Ethan Kath, Crystal Castles)

(Foto: © Richmond Lam / Pias)

»The fate of the world is safe in Crystal Castle!«, hieß es Mitte der Achtziger in einem Werbeclip für die »Masters of the Universe«-Actionfigur »She-Ra«, dem weiblichen Gegenpart zu »He-Man«. Ethan Kath fand in der heilen Kinderkitschwelt der »Princess of Power« und ihrem rosa Plastikschlösschen eine Projektionsfläche für seine Band: Crystal Castles, so nannte der 8-Bit-Tüftler Kath sein Projekt fortan, sollte eine Art Paralleluniversum sein, das völlig abgekoppelt von der Außenwelt existiert und in dem allein die eigenen Regeln gelten.

    Dieser Reinraum absoluter künstlerischer Freiheit, den sich Ethan Kath für Crystal Castles zurecht gezimmert hat, ist – so hat es den Anschein – mitunter auch ein rechtsfreier Raum, in dem auf unrühmliche Art und Weise die Gesetze der Außenwelt ausgeblendet werden.

    Dass im Reich von Crystal Castles wohl nicht alles mit rechten Dingen zugeht, darüber wurde erstmals Anfang des Jahres diskutiert. Das kanadische Duo um den lichtscheuen Mischpult-Rocker Kath sowie die extrovertierte Sängerin und furiose Performerin Alice Glass, wurden in einer NME-Cover-Story im April als neue »Electro Punk Sensation« gefeiert – endlich hatte die Generation MySpace ihre eigene Version von Punk. Kurz vor dem Hype war bekannt geworden, dass die Band sich seit 2006 für T-Shirts sowie das Cover der 7“-Single »Alice Practice« ungefragt bei einer Madonna-Illustration des britischen Fetisch-Künstlers Trevor Brown bedient hatte. Nach zwei Jahren, in denen es zwischen Brown – er hatte bald Wind von der Sache bekommen – und Crystal Castles ein endloses Geplänkel um die Nutzungsrechte des Bildes gab, strich Brown im März 2008 genervt die Segel. In seinem Blog schreibt er am 26. März in Richtung Crystal Castles: »You won! You stole my art – paid me nothing – I hope you are really happy now.«

Crystal Castles – Crystal Castles (Last Gang Records / Pias / RTD)

    Der T-Shirt-Vorfall war der Beginn weiterer Vorwürfe: Dass es Crystal Castles mit den Urheberrechten anderer nicht so ernst nehmen, hat sich nun auch auf ihre Musik ausgeweitet. Das Duo habe sich ohne Erlaubnis aus den Soundarchiven der »8Bitpeoples« bedient, so der Vorwurf der sogenannten ›Chip Music Artists‹. Von deren Konsole-erzeugten Songs – meist mittels »Creative Commons«-Lizenzen für nicht-kommerzielle Zwecke zur freien Verfügung gestellt – scheinen Crystal Castles offensichtlich Gebrauch gemacht zu haben. So wiesen die »8Bitpeoples« via Klangbildanalyse nach, dass Beats des Tracks »Love And Caring« von Crystal Castles’ Debüt dem Stück »Sunday« des Users ›Covox‹ entnommen wurden. Kath will indessen alle Sounds des selbstbetitelten Albums selbst, in erster Linie per »Circuit Bending« – also per Klangerzeugung durch die Modifikation alter Schaltplatinen – erzeugt haben. Gegenüber Pitchfork Media gestand Kath schließlich ein, Samples der »8Bitpeople« verwendet zu haben – aber ausschließlich in frühen Demos, die nie veröffentlicht werden sollten.

     Als Ethan Kath vor einigen Wochen Telefoninterviews gab, war von diesen konkreten Plagiatsvorwürfen noch nichts bekannt. Viele warfen der Band aber vor, Crystal Castles versuchten unter einem neuen Namen alte Ware an die Leute zu bringen: »Digital Hardcore« – der Clash von Hardcore Punk und elektronischer Musik, das hätten Atari Teenage Riot doch schon vor 15 Jahren gemacht! Andere grummelten, Crystal Castles Klänge würden sie verdächtig an die Sounds von Video-Spielen wie »Mega Man« oder »Final Fantasy« erinnern. Dazu möchte ein hörbar genervter Kath ein für alle Mal klar stellen: »Ich habe nie behauptet, dass das was wir machen, neu ist!« Mit leicht arrogantem Unterton ergänzt er: »Da steckt ganz viel von meinen Einflüssen drin und die sind: Noise- und Punk-Bands, New Order, The Stooges, Sonic Youth. Punkt! Wenn jemand denkt, es hört sich nach Atari Teenage Riot an oder sei nicht originell, ist es sein Bier. Wir geben nicht viel darauf, was die Leute sagen. Überhaupt: Atari Teenage Riot haben auf den Samples von Gitarrenbands basiert. Ich denke nicht, dass wir auch nur annähernd so klingen, wie sie!«

WAS SIND »CREATIVE COMMONS«?

Mittels dieser Open Source-Lizenzen kann jeder Rechteinhaber von medialen Inhalten entscheiden, welche Form des Urheberrechts andere Nutzer beachten müssen — von der nichtkommerziellen Verbreitung samt Urhebernennung bis zur Möglichkeit des ›Remixes‹ eines Werks kann man als Nutzer wählen.

Markus Beckedahl und John Weitzmann von Creative Commons Deutschland erklären in obigem Video die Rahmenbedingungen sowie die sechs verschiedenen Lizenzformen.

VIDEO: Was sind Creative Commons?

    Unstrittig ist: Mit der Musik anderer fing alles an. Als Ethan Kath 2004 Crystal Castles ins Leben rief, hatte er noch keine eigenen Sounds zur Verfügung – also sampelte er erst einmal alles mögliche an »obskurem Zeug«  (beispielsweise Madonna), um daraus Songs zu basteln. »Im ersten Jahr der Band bestand alles zu hundert Prozent aus Samples und Remixen anderer Bands«, sagt Kath. Zwei Jahre später – er hatte mittlerweile viel Übung im Umgang mit fremden Material – machte Kath Crystal Castles durch Remixes für Bloc Party, Klaxons, Liars, Uffie und andere angesagte Acts bekannt – und wollte nun doch viel lieber selbst eine Band sein: »Das Remixen war für mich nur eine Möglichkeit, mal was an den Start zu kriegen. Ich wollte mit Crystal Castles nie nur andere Bands remixen«, meint der Mann aus Toronto, der, so versichert er ganze drei Mal im Laufe des Interviews, seit 2005 angefangen hat, »nur noch meine eigenen Sounds zu machen«. Aus dem Schatten des Remixers sollte also der Songwriter treten. Deshalb hatte er sich vor drei Jahren die Dienste der damals noch 15-jährigen Alice Glass als Sängerin gesichert, die seine digitalen Song-Konstrukte endlich zum Leben erwecken sollte. Er hat sie als seine Frontfrau auserwählt, so erzählt Kath voller Begeisterung, weil diese »junge Poetin« Worte in den Mund nehmen würde, wie er sie »noch nie zuvor jemanden hat singen hören«. Aus seinem Mund klingt das irgendwie komisch.

    Und doch: Die bis an die Schmerzgrenze übersteuerte Leidenschaft von Stücken wie »Alice Practice« oder »Xxzxcuzx Me«, der nicht zu bändigende Welthass und heilige Zorn, der diese Songs durchdringt – das alles ist allein ein Spiegelbild des Inneren und kein Zerrbild des Äußeren. Man muss Alice Glass nur einmal live erlebt haben, wenn sie sich auf dem Boden wälzt, bis ihr die Knie bluten, wie sie vollkommen austickt und sich beinahe mit dem Mikrofonkabel erwürgt: das alles ist erschreckend authentisch, fast schon pathologisch und sollte ganz bestimmt nicht als geklaute Pose abgetan werden. Die persönliche Handschrift von Crystal Castles ist an vielen Stellen ihres Debüts unverkennbar: Ob am melancholischen Mäandern der Bits, Beats und Vocal-Pieces in »Air War«, »1991« oder »Vanished«, die diese eigentümliche hermetische Klangwelt erschaffen. Oder am nervösen Zucken der Synthiemelodien von »Untrust Us« oder »Good Time«, die zwischen dark und funky oszillieren und hin- und hergerissen sind zwischen Dancefloor und Dark Room. Das alles sind Trademarks von Crystal Castles, die ihre Musik – trotz aller Plagiatsvorwürfe – einzigartig erscheinen lässt. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet ist sie es auch!

»Crystal Castles« von Crystal Castles ist bereits erschienen (Pias / Last Gang Records / RTD). Am 14. August spielen Crystal Castles eine Live-Show im Kölner Club »Bogen 2« (im Rahmen des c/o Pop Festivals), Ende September folgen drei Konzerte in Dortmund, Berlin und Hamburg. Alle Termine finden sich hier.

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