Crossing The Klassik-Bridge

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Das Borusan Müzik Evi in Istanbul von außen
Foto — 
Borusan Sanat

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»Ich konnte die Magie dieser Stadt nicht entschlüsseln. Ich habe nur die Oberfläche angekratzt«, sagt Alexander Hacke in etwas ungelenkem Tonfall am Ende von Fatih Akins Musikdoku Crossing The Bridge. »Doch eines ist sicher: Ich habe mich in die Musik Istanbuls verliebt.« Ähnlich erging es wohl dem Berliner Radialsystem V und dem Borusan Music House in Istanbul. Vom ersten Augenblick an fühlte man sich seelenverwandt und macht sich nun daran, in gleich mehrfacher Hinsicht Brücken zu überqueren. Von Stadt zu Stadt, von Klassik zu Neuer Musik und weiter zu Elektronik. Ihre Premiere feierte die Zusammenarbeit der türkischen und deutschen Kulturinstitutionen am 24. November mit einem vom Radialsystem kuratierten Konzertabend in Istanbul; das Gegenstück findet an diesem Freitag, 30. November, in Berlin statt, wenn das Borusan Music House den jungen Stipendiaten Burak Özdemir entsendet, der mit Barockensemble und DJ auftritt. 

   In alten Strukturen Neues schaffen – das passt nicht nur architektonisch auf die beiden Häuser, die vorhandene ehrwürdige Bausubstanz neu geformt haben, sondern auch inhaltlich. Das Borusan Müzik Evi, so der türkische Name, ist von außen schickes Bürgerpalais, innen wird slickes Veranstaltungsdesign geboten. Das Gebäude befindet sich direkt an der großen Einkaufsstraße İstiklal Caddesi in Beyoğlu, im Herzen Istanbuls, und präsentiert auf sechs Etagen – plus, nicht zu vergessen, einer Dachterrasse mit Panoramablick auf den Bosporus – hauptsächlich Neue Musik, Elektronik und Jazz-Avantgarde. Den recht intimem Rahmen der Veranstaltungen – die Säle sind klein, Begegnungen auf den Treppen zwischen den Etagen nicht zu vermeiden – weiß besonders ein aufgeschlossenes, relativ junges Publikum zu schätzen, wenn auch nicht unbedingt der typische Istanbuler Jugendliche. »Rund um die 30 (Jahre), viele Expats«, lautet die knappe Beschreibung von Yağız Zaimoğlu, dem Direktor des Hauses.

   Dabei haben die 30-jährigen Expats auch noch Glück gehabt. Das Borusan Müzik Evi war eigentlich für nur klassische Musik vorgesehen, es sollte der kammermusikalische Ableger des großen Orchesters werden, das vom selben privaten Geldgeber, dem Industriekonzern Borusan Holding und seiner Stiftung Borusan Culture And Arts, finanziert wird. Aber die Orchester-Dauerabonnenten und üblichen Verdächtigen kamen einfach nicht. Für den Eröffnungsabend Anfang 2010 mit namhaften Solisten wurden ganze 20 Tickets verkauft. So ergab sich die neue Ausrichtung mit anspruchsvollem zeitgenössischen Programm aus einem Misserfolg. Knapp drei Jahre später gibt es laut Zaimoğlu »mainly experimental things« in den genannten Bereichen, am liebsten mit Schnittmenge dazwischen. Dabei weiß man um die Gefahren so angestrengter wie müder Klassik-Elektronik-Crossovers, versuchen will man es trotzdem. Wenn‘s klappt, ist es ja umso schöner. Zaimoğlu spricht sich allerdings explizit gegen billige Folklore-auf-Neue-Musik-Pappaktionen aus. »I‘m a romantic of modernity«, sagt er entschieden, »I‘m denying postmodernism.«

   Am 24. November war es nun an den Gästen aus Deutschland, das Borusan Music Haus zu bespielen, also die »alte Substanz neu zu füllen«, wie es Folkert Uhde, der Leiter des Radialsystem V – Space For Arts And Ideas (so der offizielle Langtitel), generell als Mission seiner Institution und seiner neuen Partner ausgibt. Uhde kuratierte das Programm der Premiere in Istanbul: »New Sounds Of Berlin« war der Abend überschrieben, ein Zugeständnis an die Exportschlagerqualitäten des Labels »Berlin«, das auch in Istanbul hipp und trendy ist. Um einen repräsentativen Querschnitt sollte es dabei nicht gehen, weder im Bereich Klassik noch im Bereich Pop – und auch nicht dazwischen. Wer im Music House mit Bassdrums gerechnet hat, kam trotzdem auf seine Kosten (Ticketpreis übrigens: umgerechnet 9 Euro), zumindest teilweise, und vor allem beim abschließenden DJ-Set von Johannes Malfatti. Erste Geige spielte aber das Solistenensemble Kaleidoskop mit parallel auf zwei Etagen präsentierten Werken von Mozart, Bach und Schönberg. Dazu gab es audiovisuelle Kompositionen von Ellen Fellmann, gegengeschnitten mit einem Satz aus Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur. 

   Laut Folkert Uhde fungierte »wirklich nur die Vielfalt« für ihn als Leitgedanke des Programms, und dass man mit Barock genauso umgehen könne wie mit einer eben erst entstandenen Komposition. So verläuft die Begegnung von Barock (Nadja Zwiener an der Violine) und Elektronik (Johannes Malfatti an Samplern und Controllern) in der Tat überaus harmonisch und erlebt ihre Höhepunkte im Schmeichelkitsch der guten Sorte und einer humorvollen Wobbelbassattacke in Dur. Dafür gibt es nicht gerade euphorischen, aber bestimmten Applaus vom internationalen Publikum und als Zugabe türkische Würstchen, Kartoffelsalat und auf der Dachterrasse einen von Wind und Regen leicht getrübter Ausblick auf Istanbul bei Nacht.

   Am morgigen Freitag, dem 30. November, sind nun für den zweiten Teil der Premiere Gäste aus der Türkei im Radialsystem an der Reihe. Der junge türkische Fagottist und Stipendiat der Borusan Culture And Arts Stiftung Burak Özdemir präsentiert in Berlin seine Vision von Vivaldi: Özdemirs The New Four Seasons erleben an diesem Abend ihre Weltpremiere, außerdem hat er elektroakustische Werke mit dem Kammerensemble Musica Sequenza im Programm und spielt in einer eigens für diesen Abend entstandenen Kollaboration mit der türkisch-deutschen DJ Ipek Ipekcioglu, die im Radialsystem schon mehrmals zu Gast war.

   Der Draht zu den Seelenverwandten nach Istanbul läuft zufälligerweise auch wieder heiß: Am selben Abend treten im Borusan Müzik Evi im Rahmen der »Nova Muzak Series« Blixa Bargeld und Alva Noto auf.

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Arnulf Ballhorn im Borusan Müzik Evi
Das Solistenensemble Kaleidoskop im Borusan Müzik Evi
Arnulf Ballhorn sowie das Solistenensemble Kaleidoskop im Borusan Müzik Evi
Foto — Radialsystem V / Folkert Uhde

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