Colleen

Marin Marais wurde 1656 in Paris geboren und starb ebendort 72 Jahre später. Cécile Schott alias Colleen hat dem Komponisten viel, zumindest die
Haupt-Tonquelle ihres neuen Albums »Les Ondes Silencieuses« zu verdanken: Wäre Marais’ Schaffen nicht so außergewöhnlich berichtenswert gewesen, wohl nie hätte sie von seinem Leib- und Mageninstrument, der Viola da Gamba – zu deutsch: Gambe (Gamba: italienisch für Bein) – erfahren. 1991 verfilmte der französische Regisseur Alain Corneau »Tous les matins du monde«, einen Roman von Pascal Quignard, und zeigte Marais’ bewegtes Leben mit Gérard Depardieu und dessen Sohn Guillaume in den Hauptrollen als alter bzw. junger Marais. Hier sah und hörte die  15-jährige Schott zum ersten Mal die Beingeige spielen. Eine Gambe hat mehr Saiten als eine Geige oder Bratsche, Bünde auf dem Griffbrett wie eine Gitarre, eine Birnenform und wird zumeist zwischen den Knien klemmend gespielt. Marais war also, auch am Hofe von Louis XIV., einer der bedeutendsten Gambisten und Komponisten des Hoch- und Spätbarocks in Frankreich. Aufnahmen seiner Werke für Gambe, die sich auf verschiedene Veröffentlichungen kleiner, auf barocke und sogenannte Alte Musik spezialisierter Labels verteilen, seien jedem frankophilen Musikhörer, der sich weder mit der derben Hooligan-Disco des Ed-Banger-Labels noch mit Airs lauwarmem Spätwerk anfreunden kann, empfohlen. Genauso wie Colleens aktuelles Album eine absolute Empfehlung wert ist: Vor zwei  Jahren ließ sich Cécile Schott aus Fichte und Ahorn eine Gambe bauen und akquirierte sogleich ein zweites Instrument, das in der Popmusik so gut wie nie eingesetzt wird: das Spinett, der kleinere, für den Hausgebrauch geeignete Bruder des Cembalos. Mit beiden Instrumenten, die auf ihre Weise unzeitgemäß, Jahrhunderte alt, dünn und fragil klingen, musiziert Schott auf »Les Ondes Silencieuses«, und das Ergebnis ist nicht von dieser Welt. Schotts drittes Album sucht nach extrem persönlichem und zugespitztem Ausdruck – zarte, flatternde Melodien schlängeln sich durch die neun spartanischen, fast kühlen Kompositionen, umgarnt von kurzen Klarinetten-Motiven und dem mal unheilvoll, mal verführerisch tönenden Schwingen von Kristallgläsern. Klar und licht sind die Stücke und in ihren Kleinststrukturen enorm komplex, dynamisch versiert und variiert, mit forschen Tempoveränderungen während des Spielens arbeitend und so improvisiert wirkend, ausgekleidet. In welcher Zeit befinden wir uns? Wo sind wir hier? Nicht im Jahre 2007, soviel steht fest. Auch nicht im Barock des Marin Marais, der weniger frei mit seinen Mitteln umging und die kompositorischen Zwänge seiner Zeit befolgte. Möglicherweise befinden wir uns also in Colleens Welt, die auf dem Cover mit feinen, aber bestimmten Strichen des italienischen Illustrators Iker Spozio gezeichnet wurde: eine Welt in schwarz-weiß, in der Pusteblumen blühen, Schmetterlinge durch die Luft fliegen – und zwischen den Bäumen auf einer Lichtung sitzt eine junge Frau, die in Gedanken versunken Gambe spielt.

LABEL: Leaf

VERTRIEB: Hausmusik

VÖ: 31.05.2007

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