c/o pop 2007

Es ist und bleibt nunmal ein Festival! Das Musikprogramm der c/o pop 2007 – sicherlich auch bedingt durch den Wegfall des ›Monsters of Spex‹ – war in diesem Jahr vielfältiger und mit kleineren Namen aufgestellt. Die großen Publikumsmagneten M.I.A., Uffie, Sven Väth und Burger/Voigt waren die Ausnahme, daneben tummelte sich die Nische. Und doch konnte man der diesjährigen c/o pop eines so deutlich wie noch nie in ihrer erst vierjährigen Geschichte anmerken: Der Wille nach Meinungsführerschaft abseits des Musikprogramms ist enorm. Vom ›Long Tail‹ bis an die Spitze braucht es allerdings noch ein ganzes Stück.

copopWer Mitte August seine Zeit in Köln verbringt und musikalisch halbwegs aufgeschlossen, interessiert oder sogar neugierig ist, der kann über fünf Tage verteilt eine Unmenge neuer Musiken, Stile und Künstler für sich entdecken, für deren Erschließung andernorts erheblich mehr Zeit investiert werden müsste. c/o pop, das bedeutet auch immer eine Internationalisierung der Hörgewohnheiten, setzt das ›urbane Festival für elektronische Musik, Indie, Pop- und Clubkultur‹ – so die Tagline – doch immer wieder den Fokus auf europäische Labels bzw. globale Phänomene und deren Umsetzung in den zahlreichen Clubs und Locations der Stadt.

    Neben der reinen Präsentation waren auch stets die Begegnung, der Diskurs, der Austausch ein wichtiges Element der bisherigen drei Ausgaben. In Form der Fachmesse ›affair c/o pop‹ und dem Kongress ›conference c/o pop‹ traf sich die Branche: Im bescheidenen, man könnte es sogar ›intimen‹ Rahmen nennen. Wie schon im Vorjahr wurden dafür die Räumlichkeiten der ehemaligen königlichen Eisenbahndirektion – das heute zwischengenutzte RheinTriadem – in direkter Nähe von Dom, Hauptbahnhof und Rheinufer ausgewählt – und für keine Veranstaltung ihrer Art passt die Bezeichnung ›Residenz‹ so treffend wie hier. Dabei muss man sagen, dass wenige Kölner Räumlichkeiten einen entsprechenden Rahmen abseits des typischen Messeflairs geboten hätten, fanden neben der ›affair‹ mit rund siebzig Ausstellern und der ›confererence‹ mit zahlreichen Vorträgen und kleinen, ergebnisorientierten Workshops doch auch genügend Ausstellungen, Konzerte sowie DJ-Sets in der Festivalzentrale statt.

DJs    Womit man beim Kern der Sache ist: Als Begegnungsstätte erwies sich das RheinTriadem erneut als zu weitläufig und feingliedrig – von den von Veranstalterseite gemeldeten rund 1.000 akkreditierten Teilnehmern war an den ersten beiden ›affair‹/›conference‹-Tagen Donnerstag und Freitag wenig zu sehen. Dafür sorgte einerseits das straff strukturierte Workshop- und Panelprogramm, das viele Besucher schnell hinter verschlossenen Türen verschwinden ließ. Andererseits fiel die Selbstdarstellung in Form von kleinen Ausstellungsräumen der vielen Musik- und Modelabels, Partyreihen, Marketingfirmen und Web-Startups stellenweise ernüchternd aus: Abgesehen von einigen gut besuchten Räumlichkeiten blickte man bei der Mehrzahl der Aussteller auf hoffnungsvolle Augen, nun könne es doch mit dem geschäftlichen Teil losgehen. Zu oft war die Kommunikation Besucher – Türschwelle – Aussteller aber so zaghaft, dass in vielen Räumen die Gastgeber über lange Strecken alleine blieben. Was sicherlich nicht nur dem abweichenden Konzept der individuellen Showrooms geschuldet ist, sondern auch der mangelnden Kreativität der Aussteller: Flyer, ein Flip-Chart und ein Laptop reichen eben nicht unbedingt, um Besucher vom eigenen Geschäftskonzept zu überzeugen.

    Eine große Enttäuschung stellte indes der ›Time Square‹ – eine Art Leistungsshow / Präsentation junger Web-Startups dar. Die in Zusammenarbeit mit dem Magazin De:Bug ausgesuchten Unternehmen konnten darin innerhalb eines Impulsvortrags ihr Unternehmenskonzept darstellen. Gleich dreimal hörte man Vertrautes, man könnte es allerdings auch Überholtes nennen: Dooload.de, Youmix.de und Bloomstreet.net vermischen etablierte Plattformen wie MySpace mit Facebook/StudiVZ, also Social Networking mit Musik. Der Eindruck, jeder wolle ein Stück vom großen Kuchen abhaben und könne es gleichzeitig besser als die Großen drängt sich bei allen Plattformen auf. Selten waren Startup-Ideen so offensichtlich unoriginell wie in diesem Fall, wobei mit Bloomstreet.net wenigstens die Technologie mit der Programmiersprache AJAX (›Asynchronous JavaScript and XML‹) Eigen und ansprechend ausfällt. Das Angebot von VIP-booking.com, einem im Kerngeschäft auf Künstler-, Venue- und Managementvermittlung spezialisierten Unternehmen aus England, erschien im Rahmen des angekündigten Titels ›Web 2.0 meets Music‹ allerdings völlig Fehl am Platze, wenn man bedenkt, dass deren Angebot mit Web 2.0 erstens nichts zu tun hat und zweitens nicht kostenfrei nutzbar, sondern im Gegenteil nur per Jahresabonnement (zwischen 800 und 1.300 €) zugänglich ist. Im Rahmen einer Musikmesse geht das klar, im Rahmen einer Web 2.0-Präsentation definitiv nicht. Einzig BMAT (Barcelona Music & Audio Technologies) konnte mit einem innovativen Umgang mit Musik im Netz überzeugen.
    Dass die einzelnen Präsentationen gemessen an dem angekündigten Rahmen größtenteils schlecht besucht abgehalten wurden und es auch an der Moderation des Präsentationsraums mangelte sei da nur am Rande erwähnt.

Affair Bevor sich ein zu negatives Bild aufdrängt: Natürlich muss man ›affair‹ und ›conference‹ als Erfolg bezeichnen, entzog sich das Konzept doch einerseits den gängigen Strukturen, andererseits waren die größtenteils auf Firmenmanagement und Bewältigung der Absatzstagnation im Tonträgermarkt ausgelegten Workshops durchweg informativen, gleichsam unterhaltsamen und fortbildenden Charakters. Auch das Foyer und die Galerie luden immer wieder zu Treffen, Gesprächen und Diskussionen ein. Die interessanteste Debatte auf dem Podium des Foyers, die ›Blaue Stunde‹ am Freitag Abend – »Think different – Brauchen wir eine Kultur Flatrate?« –, blieb zwar inhaltlich offen, gab aber tendenziell die richtigen Impulse. Moderiert von Stephan Benn diskutierten Volker Grassmuck (Humboldt Universität Berlin), Marcus Schmickler (Pluramon) und Markus Beckedahl (Netzpolitik.org) verhalten bis energisch pro, Marc Chung (Freibank Musikverlag) entschieden gegen die Einführung einer ›Flatrate‹ zur Musik- bzw. Kulturdistribtion. Und trotz starker Polemik kam das Gespräch immer wieder ins Rollen. Schade nur, dass man damit – im Gegensatz zu Frankreich – immer noch meilenweit von einer entsprechenden Lösung entfernt ist.

    Auch der ›conference‹-Vor- und Nachmittag stand Freitags im Zeichen von Web 2.0. Im benachbarten RheinPalais tagte die Internetwirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Branchenverband eco zum Großteil im Anzug. Das Motto der Veranstaltung »Wag the Long Tail – Medienkonzepte für heute und morgen« deutete es bereits an: Hier will man auf die Nische eingehen. Auf dem Panel sprach die Vertreterin der EU-Kommission Barbara Gessler über »Europas digitales Kulturerbe«, blieb dabei zwar vage, deutete allerdings zwei interessante Entwicklungen an: Die EU-Kommission wolle im Oktober eine Konferenz bzw. Stellungnahme zur Digitalisierung europäischer Kulturgüter abgeben. Und sie betonte, dass Digital Rights Management »den Nutzern nicht im Weg stehen« dürfe. Dr. Susanne Stürmer kündigte als Vertreterin der UFA Film & TV-Produktion eine stärkere Investition in Web 2.0-Angebote (wie Video on Demand, soziale Plattformen, User-generated Content) an und bemerkte, dass »Nischenprodukte durchaus erfolgreicher als Spitzenprodukte« sein könnten, die UFA zukünftig den Nischenmarkt mit Internet-Angeboten stärker ansprechen wolle und somit auf Produkte einginge, die auf Märkten wie Fernsehen und Kino keine Chance hätten.

LongTail    Das interessanteste Panel »Algorithmus & Rhythmus« verlor sich hingegen in Firmenpräsentationen. Dabei waren mit Last.fm und The Hype Machine zwei der interessantesten Social-Music-Plattformen bzw. MP3-Blog-Aggregatoren vertreten. Auch der an das Analyse-Prinzip von Pandora.com anknüpfende Dienst BMAT (Barcelona Music & Audio Technologies) konnte interessante Ansätze zur Musik-Empfehlung vermitteln. Die Auftritte von Andrea Schafarczyk (Musikredaktion 1Live) und Jürgen Jaron (Magix AG) blieben hingegen farblos. Schafarczyk zeigte den Old-Media-Reflex, dass man sich zwar über Blogs und das Internet über Musik informiere und dem Hörer neue Musik präsentiere, dass allerdings »Content King bleibe«. Aha! Jaron hingegen präsentierte den von Magix soeben lancierten ›Mufin Music Finder‹. Eine Zusammenführung von Musik-Player-Software à la iTunes und Analysemethoden ähnlich derer Pandoras und BMATs. Eine Desktop-Applikation mit Web-Community. Man darf gespannt sein, ob das Netz darauf gewartet hat.
    Die kurze Diskussions- und die abschließende Fragerunde ließen gegen Ende nur die Frage offen, ob die einzelnen Teilnehmer nicht besser kleinere Vorträge oder ergebnisorientierte Workshops gehalten hätten. Nun denn.

Battles Zum Kerngeschäft des Festivals: Das Gloria Theater nahe des Neumarkts war in diesem Jahr ebenfalls zentraler Veranstaltungsort: Hier spielten Mittwochs Apparat feat. Raz Ohara und die New Yorker Band Battles vor vollem Haus. Während des stimmungsvollen Apparat-Live-Sets merkte man allerdings die große Wiedersehensfreude der c/o pop-Besucher. Bei mäßigem Sound kam es im Publikum nie wirklich zu Konzertstimmung. Gerade zwischen den Stücken fiel die teils lautstarke Unterhaltungsfreude doch negativ auf. Das Set der Battles hingegen ließ Kommunikation nur schwer zu: Mit laut aufgedrehter, dabei stellenweise deutlich unsauberer Akustik verloren sich die vier Musiker immer tiefer im Rhythmus, stets den Spannungsbogen haltend, immer mit genügend Muckertum, um beiläufige Hörer des Albums vor den Kopf zu stoßen. Ein gebührender Auftakt einer Band, die ihre Grenzen noch längst nicht ausgelotet hat.

    Den Donnerstag nahm die Amerikanerin Uffie samt DJ Feadz für sich ein. Nahezu jeder schien im restlos überfüllten Gloria anwesend gewesen zu sein. Das Set der noch-Kölner Band Mit (zwei von dreien sind kürzlich nach Berlin verzogen) ging in der späteren kollektiven Nachberichterstattung ebenso unter wie der Auftritt der Mediengruppe Telekommander. Man sprach über zwanzig Minuten Uffie, 10 Minuten Bühnenokkupation seitens des Publikums, einen entnervten Abgang der Musikerin und das anschließende DJ-Set von Feadz. So erscheint es auch mehr als logisch, dass der interessant ausgewählte Island/Polen-Abend in der Festivalzentrale mit rund hundert Anwesenden als durchaus schlecht besucht bezeichnet werden kann. Die siebenköpfige Band Seabear sorgten für beschwingt euphorischen Indiepop, während die Stimmung bei der doch eher tumben Rock-Band Reykjavík und den darauf folgenden Ultra Mega Technobandið Stefan ins absurd-entgleisende glitt. Bei beiden letztgenannten hat zwar Jóhann Jóhannson bzw. sein Label 12 Tónar die Finger im Spiel, wirklich ›typisch isländisch‹ war die Auslegung dieser Rockmusiken allerdings nicht. Die anschließende Innervisions-Party im Bogen 2 der Hohenzollernbrücke muss man hingegen als vollen Erfolg werten. Bis in den frühen Morgen tanzten mehrere hundert Besucher zu den spannungsgeladenen DJ-Sets von Dixon, Âme und Marcus Worgull.

Foyer    Auch Freitags war ins Gloria ab 21 Uhr kein Reinkommen mehr: M.I.A. war in der Stadt, halb Köln schien sie sehen zu wollen – ihr neues Album »Kala« bestätigt diesen Andruck absolut. Auch hier kam es zu tumultartigen Szenen, als rund dreißig Menschen die Bühne enterten. Ein Ausweichen auf den Dubstep-Abend im Stadtgarten mit Pinch, Digital Mysticz, Stg. Pokes und Plastician brachte auch keinen weiteren Erkenntnisgewinn in Sachen Abendgestaltung: Vor 24 Uhr war statt Dubstep nur Totentanz angesagt. Stattdessen platzte zu dieser Zeit das Expo XXI bereits aus allen Nähten: Kompakt Total 8 wurde gefeiert, die erwartenden Highlights wie Jörg Burger / Wolfgang Voigt bestätigten sich mit einem furiosen Minimal-Live-Comeback, DJ-Sets von SuperMayer, Tobias Thomas und Reinhard Voigt schnürten schnell die überbliebene Luft ab.

    Das Geschehen am Samstag und Sonntag hingegen kann der Autor an dieser Stelle nicht wiedergeben. Ein ausgeprägter Kater bzw. die ausgesprochen lange Rückreise Köln-Berlin verhinderten den Besuch des Publikumstages der ›affair c/o pop‹ (laut Veranstalterseite mit rund 3.000 Besuchern ein enormer Erfolg) ebenso wie die Teilhabe an Sven Väths Auftritt im Kölner Jugendpark c/o Poller Wiesen bzw. der ›IndieCityNight‹ mit u.a. Navel, Geschmeido, Locas In Love und Urlaub in Polen.

    Rund 30.000 Besucher sollen an fünf Tagen c/o pop teilgenommen haben. Angesichts dieser Zahlen kommt man nicht umhin, die vierte Ausgabe des ›Festivals für elektronische Musik, Indie, Pop- und Clubkultur‹ als deutlichen Erfolg zu verbuchen. Die c/o pop wächst und schickt sich an, als inhaltlicher Meinungsführer ernst genommen zu werden. Aus dem ›Long Tail‹ der Musikmessen ist die c/o pop also auch raus. Nun geht es darum, genau diesen Nischenmarkt in den nächsten Jahren wiederzugeben. Gerne wieder auf der Bühne. Und dann vielleicht auch wieder mit den ›Monsters of Spex‹.

Die c-o-pop Festivalcompilation 2007 mit vielen Künstlern und insgesamt 15 Stücken der vergangenen c/o pop ist bereits erschienen (c/o pop / Kompakt / RTD)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here