Co La »No No« / Review

Zwischen Audiophilie, Club und Realismus stellt Co La Fragen nach Abbild oder Autonomie.

Baltimore ist eine der postindustriellen Ruinenstädte der USA, in denen man das Ende der Wirtschaftsform, wie wir sie gerade noch kennen, begutachten kann. Die geneigte Leserschaft mag sich an die Fernsehserie The Wire erinnern, die dort spielt. Deren präziser Claim in den Worten von Serienschöpfer David Simon: Why cities don’t work. Hauptdarsteller war die Stadt, in der die Schüsse der Drogenkriege das Hämmern von Stahl zu übertönen begannen. Man hatte schon im Fall der Motor City Detroit versucht, die Ästhetik der Musik an die verklungenen Maschinen zu koppeln. Techno sei die Vertonung vom Ende der Autofabriken, hieß es. Und man liest auch heute wieder Texte, welche die Wechselwirkung von europäischem Avantgardepop und afroamerikanischer Innenstadtmusik zugunsten einer sauberen Ursprungserzählung aufgeben. Wer es sehr genau, dafür weitgehend unideologisch haben möchte, lese The Underground Is Massive – How Electronic Dance Music Conquered America von Michaelangelo Matos.

Interessant wird es, wenn Fragen nach Abbild oder Autonomie zu schillern beginnen. Bei Co La kommt sogar dunkle Comedy ins Spiel. Co La ist Matt Papich aus Baltimore, ein weißer Produzent von Sample-intensiver elektronischer Avantgarde, die die Verbindung zum Club nicht aufgeben will, aber auch die Rauheit postindustrieller Ödnis nicht verneint. Co La seziert Herkunft schon in seinem Alias, denn tatsächlich steht in Baltimore eine historische Brausefabrik, wo das Zuckergetränk hergestellt wurde, das sich in westlichen Ländern immer schlechter verkauft. Und genauso spielt er auch, zieht auseinander, trennt und versucht, die Grammatik kenntlich zu machen.

Schon im ersten Track von No No hören wir das Alphabet stottern, mit französischem Akzent. Es ist ein programmatischer Auftakt, denn hier werden Klänge untersucht wie in der Sprachwissenschaft Wörter, um dann rekontextualisiert zu werden – in eine Vorahnung von Dance Music. Die Ästhetik des Sampling ist Geschichte. Aber die hörbaren Schweißnähte von Co Las Klangschienen fordern ein doppeltes Horchen: eins zu den originalen Quellen und eins zu den künstlichen Bächlein, die daraus rinnen. Nach dem ersten, fast neutönerischen Teil des Albums werden auch Flüsse daraus, wie in »Crank«, wenn Stimmen den Groove breiter machen, oder in »Tragedy«, wenn böses Zischen und Gelächter das neuromantische Piano nicht mehr gemütlich, sondern bedroht im Strom der Großstadt klingen lassen.

Dass man sich bei solchen Grenzgängen zwischen Audiophilie, Club und Realismus auch in die Nähe der Esoterik begibt, weiß Co La. Der Pressetext zu No No wirkt wie eine Parodie auf das Genre, das Album sei eine »reflection of Papich’s interest in the never ending psycho-drama that is the American news cycle«, heißt es da. Dass Co La das Innerlichkeitspathos fürchtet, das jede Frickelmusik parieren muss, zeigt sich nicht nur an den Versuchen, die Verfeinerungen im Beat zu brechen, sondern auch an seinen Konzerten, die an Performances erinnern. Vielleicht weil Innenstädte weniger mit Partys als mit Kunst verändert werden?