Clarence Clarity No Now

R’n’B-Exorzismen inm ästhetisierten Audiochaos: Clarence Claritys No Now.

Der Mann ist Verwalter seines eigenen Mysteriums. Clarence Clarity inszeniert, weltverloren zwischen den heimischen vier Wänden, eine Ästhetik rasender Exaltiertheit und positioniert sie raffiniert zwischen Wahn und Dandytum. Als er im Sommer 2013 erstmals auf diversen Blogs mit gleichgewichtslosen, verdrehten Elektropopkapriolen auffällig wurde, war ehrfurchtsvolles Getuschel zu vernehmen: Ob sich hinter Clarence Clarity wohl Jai Paul verberge? Oder Burial? Gute anderthalb Jahre später weiß man immerhin, dass Clarence Clarity nicht von den Fidschi-Inseln, sondern aus London stammt, mit Burial und Paul trotzdem nichts am Hut hat und das Endziel seines kreativ-kruden Klangkosmos irgendwo zwischen universeller, messianischer Bekehrung und Selbstzerstörung liegt. Vom Guardian wurde er liebevoll als der Ariel Pink des elektronischen Funks bezeichnet, doch seine konsequente Vereinnahmung von Stasis und Kollaps erinnert eher an die frühen Werke von Oneohtrix Point Never.

Mit »Alive In The Septic Tank«, einem Stück, das bereits auf der ersten EP Save Thyself vertreten war, führt Clarence Clarity seine R’n’B-Exorzismen ins ästhetisierte Audiochaos: »We all fuck the same / We all die the same«, singt er. Diese Hook ist gleichsam der Schlüssel zur hyperaktiv blubbernden Psycho-Funk-Blase, die der Künstler zum Schillern bringt: Der Tod sowie eine groteske Sichtweise auf die Welt spielen auf No Now eine zentrale Rolle. Es walten Transgression und Ironisierung, ganz im Sinne Michail Bachtins. Das Pathos des Wechsels, der Erhöhung und Erniedrigung bestimmen das Album, kurz: Es geht um Ambivalenz. Mag sein, dass die Exzentrik nur um ihrer selbst Willen besteht, sie führt aber nichtsdestoweniger in eine umgestülpte Welt ohne Anfang, ohne Ende – und folglich mitten in einen musikalischen Karneval.

In einem eng geknüpften Referenzenteppich werden die fulminanten Funkmotive der Siebziger, die überspannten Synthies der Achtziger und die bouncy Boygroup-Chords der Neunzigerjahre gleichgeschaltet: In »Off My Grid« finden Prince, Michael Jackson, How To Dress Well und The Weeknd zueinander. Oszillierende Glockenspiele, warmes Leiern und fiebriges Croonen werden durch den polyrhythmischen Fleischwolf gedreht, entschleunigt, im Moment eingefangen und mit einem sanften Ruck wieder auf stotternden Kurs gebracht. In den Songs »Those Who Can’t, Cheat« und »Let’s Shoot Up« liefern sich NSYNC- und Backstreet-Boys-Versatzstücke einen schweißtreibenden Showdown, angefeuert von einem bis ins Blecherne runter-gepitchten Kommentator und flankiert von unheilvoll ratternden Cyber-Metal-Auswüchsen. »Bloodbarf« beginnt nahezu zärtlich, wird dann allerdings auf latente Weise verstörend: Schleichend und unaufhaltsam zerfräst weißes Rauschen den Zwei-Minuten-Song, als hätte sich die Magnetspur einer Audiokassette durch zu häufiges Spulen erschöpft.

Rasendes Genie oder sorgsam kuratiertes Enigma? Clarence Clarity macht eindeutige Antworten auf Entweder-oder-Fragen überflüssig. Auf No Now geht es vor allem um die Synergie von Klarheit und Chaos, nicht nur um das Warum, sondern auch um das Wie. Und das hat es in sich.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here