Circuit Des Yeux „Reaching For Indigo“ / Review

Haley Fohr alias Circuit Des Yeux hat jahrelang in sich gekehrte Musik gemacht. Auf Reaching For Indigo traut sie sich auch größere Gesten.

Da ist sie wieder, diese tiefe Stimme, die ruhig, aber eindringlich vom Kampf der zu ihr gehörenden Frau mit ihren Dämonen erzählt. Haley Fohr alias Circuit Des Yeux gelang 2015 mit In Plain Speech ein schaurig-schönes Überalbum. Nachdem sie jahrelang in sich gekehrte Musik gemacht hatte, die Ponyfransen im Gesicht, die Zimmertür verschlossen, nahm sie all ihren Mut zusammen, sich zu öffnen, zumindest ein Stück weit. In Plain Speech hatte die richtige Dosis Dramatik, war atmosphärisch so dicht verwoben, dass man als Hörer in ihre einsame, traurige Welt hineingesogen wurde. Fohrs Öffnung wurde zur Offenbarung, ihr wurde zugehört, sie wurde gefeiert.

Auf Reaching For Indigo lässt sie diese große Geste in ihre intimere Circuit-Des-Yeux-Welt einfließen. Das funktioniert gut, und doch geht etwas verloren.

Nur geringfügig heiterer, dafür deutlich songorientierter geriet ihr Album unter dem moniker Jackie Lynn im Jahr danach. Die mysteriöse Kunstfigur bot den nötigen Schatten, in dem Fohr sich ausprobieren und einen eigenen Popentwurf gestalten konnte. Auf Reaching For Indigo lässt sie diese große Geste in ihre intimere Circuit-Des-Yeux-Welt einfließen. Das funktioniert gut, und doch geht etwas verloren. Ein zweites Überalbum ist Reaching For Indigo nicht. Während das weltabgewandte „Black Fly“ oder das grandiose Schlussstück „Falling Blonde“ für die wohlbekannten Schauder sorgen, wirkt das verspielt-verschwurbelte „Paper Bag“ für Fohrs Verhältnisse beinahe extrovertiert. Man meint hier eine neue Selbstsicherheit herauszuhören, der Kampf gegen die Dämonen scheint zumindest nicht mehr so existenziell zu sein. Haley Fohr wäre das zu wünschen. Auch wenn es die alte dumme Formel bestätigen würde, dass nur wahrer Schmerz künstlerische Großtaten hervorbringt.

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