Christiane Rösinger – Weil sie sich im Fallen gegenseitig halten

Christiane Rösinger in ihrer Nicht-Eigentumswohnung in Berlin-Kreuzberg (Foto: Anna Rose)
Christiane Rösinger in ihrer Nicht-Eigentumswohnung in Berlin-Kreuzberg (Foto: Anna Rose)

Bislang war der Rösinger’sche Themenkomplex ziemlich ordentlich eingefriedet. Oft ging es um die vermaledeite Liebe und den gesellschaftlichen Verpaarungszwang, in ihrem Sachbuch Liebe wird oft überbewertet lässt sie die romantische Zweierbeziehung endgültig zum Kürzel schnurzeln: RZB. Das klingt endlich wie die emotionale Verwaltungseinheit, das gefühlsmäßige, geschmacklose Wandtattoo, das viele Beziehungen darstellen. Außerdem ging es gern um schlechte Laune und Melancholie, um die Knete-klamme Boheme. Lieder ohne Leiden stößt das Türchen nun in eine neue Richtung auf: In der Jugend prekarisiert es sich noch recht fidel, aber was passiert, wenn man älter wird?

Rösinger ist jetzt 55, und im Grunde gibt es in Deutschland keine Musikerinnen-Rolemodels, die zeigen, wie das geht: weitermachen, sich nicht gegen das Altern stemmen, es aber auch nicht als Generalamnestie begreifen. Wie macht man das in einer Zeit, in der man so lange jung sein darf wie nie zuvor? Wenn man sich aufrichtig wie 38 fühlt und eigentlich Mitte 50 ist?

Rösinger hat ein paar Vorschläge, zum Beispiel im Lied „Lob der stumpfen Arbeit“, einer freundlichen Absolution vom allumfassenden Kreativzwang. „Während vor zwei Jahrzehnten noch das Gespenst der entfremdeten Arbeit herumgeisterte – wie schlimm, den ganzen Tag im Büro sitzen! –, träumt der freiberufliche Bohemist heute hin und wieder von einer relativ stumpfen, vielleicht leicht ordnenden oder überwachenden Tätigkeit, als Erholung von der ständigen Zwangskreativität“, schrieb sie einmal in einer Kolumne. Und in Liedform heißt das dann: „Statt ’ne neue Platte / Pflanz ich Blumenrabatte.“

„Die Leute auf dem Dorf können ja Haschisch und Heroin nicht auseinander halten.“

Tatsächlich – biografische Zwangsverknüpfungsfexe dürfen sich schon wieder freuen – hat Rösinger seit kurzem ein Gartenstück gemietet, erworben über Ebay-Kleinanzeigen, „ausgerechnet in dem Gebiet, in dem die AfD in Deutschland den meisten Zulauf hat“. Die Arbeit mit den Pflanzen mache trotzdem Freude, am besten gediehen im Sommer die Tomaten. An der effizienten Vogelvergrämung arbeite sie noch, das Prinzip kennt sie vom Erdbeerhof, wo man von Zeit zu Zeit eine Krähe schießen musste, den anderen obsträuberischen Krähen zur Warnung. Heute gibt es dort im Hofladen eine kleine Ehrenwand hinter der Kasse, an die die Familie Artikel über sie pinnt.

Ulkig findet sie das, denn früher war sie in der Heimat nicht besonders gut gelitten: „Ich habe mit 13 angefangen, zu kiffen und lange, indische Gewänder zu tragen, und war natürlich total verpönt bei allen. Die Leute auf dem Dorf können ja auch Haschisch und Heroin nicht auseinander halten.“ Derzeit schaut Rösinger gerne die Serie The Crown auf Netflix, eine Karriere als Landadelige hätte sie sich gut vorstellen können. „Meine Version ist jetzt halt das kleine Gartenhäuschen im Hundeauslaufgebiet Blankenfelde“, sagt sie.

Dort hat sie eine weitere, leicht beunruhigende Alterslektion gelernt: Die Allianzen verschieben sich. Nicht nur, dass plötzlich antikapitalistische Freunde zu frischgebackenen Wohnungsbesitzern werden (im „Eigentumswohnung“-Video schön mit Kaufinteressenten angedeutet, die das Wohnobjekt im Lassie-Singers-Shirt inspizieren), nein: „Man merkt plötzlich, dass man mit grün angehauchten Rechtsanwälten und Ärzten doch viel besser klar kommt als mit den Pegida-Menschen im Kleingarten, obwohl die doch eher aus der eigenen Schicht stammen.“

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