Christiane Rösinger – Weil sie sich im Fallen gegenseitig halten

Christiane Rösinger in der Nähe ihrer Nicht-Eigentumswohnung in Berlin-Kreuzberg (Foto: Anna Rose)
Christiane Rösinger in der Nähe ihrer Nicht-Eigentumswohnung in Berlin-Kreuzberg (Foto: Anna Rose)

Best of 2017: Anja Rützels Hausbesuch bei der Grande Dame des deutschen Li-Lu-Lagerfeuersongs: Christiane Rösinger. Einer der SPEX-Artikel des Jahres.

Erst Liebe. Dann Leiden. Dann Lieder. Ohne Christiane Rösinger wäre die Klimax der drei großen Ls um viele Höhepunkte ärmer. Jetzt bricht die Grande Dame des deutschen Lagerfeuersongs mit der Jammerlogik und zeigt, wie man in all den Lebenswidersprüchen die Kraft findet fürs Trotzdem-weiter-so. Auf ihrem neuen Album singt sie zärtlich wie ein einstürzender Torbogen über Besitzansprüche und stumpfe Arbeit. Bei einem Hausbesuch erzählt sie Geschichten von Gartenhäuschen, Pegida-Menschen und Bob Dylan.

Die Privatheimsuchung der Christiane Rösinger hat einen Countdown, thematisch-emo-mäßig. Zwei Tage vor dem Besuch im Hause Rösinger gerät man auf der Berliner Ringbahn in eine Kindergartengruppe, deren kichernde „Hihi, die Frieda hat einen Fro-hoind“-Mädchen von der Erzieherin streng zurechtgewiesen werden, da gebe es gar nichts zu lachen: „Verliebt zu sein ist das Allerschönste auf der Welt! Noch schöner, als was von Lego geschenkt zu kriegen!“ Worauf man sich nur ganz knapp beherrschen kann, den arglosen Kleinen nicht die Wahrheit zu erzählen.

Am Tag vor dem Treffen erfährt man dann, dass Leonard Cohen gestorben ist, den Rösinger verehrt, seit sie nur ein paar Jahre älter war als die belogenen Mädchen in der Bahn. Auf dem Weg zum vertraulichen Gespräch in der Künstlerinnenwohnung nimmt man dann lieber kein Taxi, damit der Fahrer nicht womöglich noch altklug irgendwas aus dem Lassie-Singers-Frühwerk zitiert. Das glaubt einem dann ja wieder kein Mensch.

Christiane Rösinger wohnt in der Nähe des Kreuzberger Mariannenplatzes. Man kann ihre Bleibe im Video zu „Eigentumswohnung“ sehen, der ersten Single ihres neuen Albums Lieder ohne Leiden, wo der Gauloise-blau gestrichene Schlafzimmerboden, der braune Kachelofen, die erratische Klappe des Küchenherdes ausführlich von Interessenten besichtigt werden.

Auch den kleinen schwarzen Kater, der beim Besuch verhuscht ins Bild läuft, kennt man schon: Er posierte auf dem Schoß der Künstlerin für das Cover ihrer Platte Songs Of L. And Hate, einer akribischen Nachinszenierung des Covermotivs von Bob Dylans Bringing It All Back Home von 1965. Am leicht fledderigen Zustand der inzwischen etwas hinfälligen Rippchenkatze (22) kann man sehen, dass das schon eine Weile her ist. Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, Rösinger hat inzwischen zwei Bücher geschrieben, Liebe wird oft überbewertet und Berlin – Baku, und veranstaltet in Kreuzberg regelmäßig ihre Flittchenbar-Abende.

„Das ist das Gute an Berlin: Man findet immer was, wo es noch schlimmer ist.“

Ewig wohnt sie schon hier. Als sie 1985 vom badischen Erdbeer- und Spargelhof ihrer Eltern nach Berlin zog, quartierte sie sich nur kurz anderswo ein, seit 30 Jahren ist der zentralheizungslose Altbau ihr Heim. Zwei Bands hat die Wohnung überdauert: 1988 gründete Rösinger zusammen mit Almut Klotz und Funny van Dannen die Lassie Singers, die sich 1998 auflösten, im selben Jahr dann Britta zusammen mit Britta Neander und Julie Miess. Verlassen wollte sie das knarzige Domizil nie, auch nicht, als nach dem Mauerfall alle in den Osten der Stadt zogen.

„Das war die Zeit, wo ich auf der Straße fast niemanden mehr getroffen habe“, erzählt Rösinger. „Früher bin ich hier kaum vorwärts gekommen, weil ich so viele Leute kannte. Mit der Gentrifizierung wird es natürlich immer schlimmer. Aber das ist das Gute an Berlin: Man findet immer was, wo es noch schlimmer ist.“ Umziehen kommt jetzt sowieso längst nicht mehr in Frage, der immer noch günstigen Alteinsitzer-Miete wegen. „Nur so konnte ich mir das schöne Leben überhaupt leisten“, erklärt Rösinger und meint damit unter anderem Unternehmungen wie Flittchen Records, das Mini-Plattenlabel, das sie mit Almut Klotz gründete und vor rund zehn Jahren wieder einstellte.

Von der Angst, dass das nicht immer so bleiben kann, handelt „Eigentumswohnung“. Genauer gesagt von den Erbgewinnlern, mit denen man eben noch in pappigen Bars günstige Futschi-Kontingente wegtrank und die plötzlich über die Grenzlinie zu den Feinden rüberstolpern, denn sie kriegen jetzt „Von den Eltern zur Belohnung / Eine schöne Eigentumswohnung“.

„Wir lebten eigentlich selber prekär / Wenn das mit der Wohnung nicht wär“, heißt es in dem Song weiter, und: „Wir wollen ja keinen vertreiben / Aber wir müssen auch irgendwo bleiben.“ Für Rösinger ist das kein ironisches Unsittengemälde, sondern ein immer lauter werdendes Sägen am eigenen künstlerischen Wolkenkuckucksheim: Auch ihre Wohnung wurde verkauft, und sie weiß nicht, was der neue Besitzer vorhat und ob sie bleiben kann. „Das ist natürlich die große Angst: dass ich dann nie mehr eine Wohnung finde“, sagt sie, „auf jeden Fall nicht hier.“

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