Carsten »Erobique« Meyer & Jacques Palminger

»Songs for joy heißt Liebe / Songs for joy heißt Spaß / Songs for joy heißt ganz bestimmt nicht / Peinlichkeit und Ha-hass«. Pardon, dass ich hier gleich so reinplatze mit einem Songtext, doch es gibt Gründe. Denn »Songs For Joy«, das ist die modernste Pop-Platte – ihre Macher bezeichnen den Stil lieber als Soul, damit haben sie genauso Recht – die modernste Pop-oder Soul-Platte also zur Zeit. Sie verbindet Karaoke mit dem Social Web-Gedanken. Was haben Carsten Meyer, auch bekannt als Erobique, Teil von International Pony, Chef von Salamander Meyer, und Jacques Palminger, Part von Studio Braun und Schlagzeuger bei Universal Gonzales, hier also denn so chefkonzipiert? Nun, sie haben eine alte Tradition aufgegriffen: die »Song Poem Music«. In den Sixties verteilten gewiefte Labels in den USA ihre Flyer und warben darauf mit der Vertonung aller Songtexte, die bei ihnen eingereicht würden. Darauf meldeten sich natürlich vor allem die Amateure ohne größere Hoffnung, und sie wurden entsprechend abgezockt.

    »Songs For Joy« dagegen ist tatsächlich eine Freude und das Gegenteil von zynisch. »Die Gäste nicht bewerten, sondern bewirten« lautete eine Maxime von Meyer und Palminger, die in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater Berlin ebenfalls nach Songtexten suchten und die Einreichungen schließlich live im Saal vertonten. Auf eine CD gebündelt, tanzen nun 21 Lieder plus dem von Songs For Joy in Berlin ausgestrahlten Radio-Jingle die Showtreppe des Blumenstrauß-Pop hinunter. Die Klasse 4D singt ihren Anti-Gewalt-Song, Rica Blunk das »Wohlfühllied« von Texter Jens Gebhardt, und das ganze anwesende Publikum schreit ein expressionistisches Gedicht einer Nina namens »Des Wolfes Zitzen«. Ach. Diese Platte wirkt so anti-befremdend, sie hebt das Schamgefühl auf, dass sich mitunter in Casting-Show-Momenten durch bloßes Zusehen einstellt. Doch um bloß an die höheren Humanismus-Instinkte zu apellieren, hätte ja ein Buch ausgereicht. »Songs For Joy« dagegen hat sie, die Lieblingssongs, die man nach zweimal hören nur noch vor sich hin singt und mit denen man alle Leute um sich gerne nervt. Meine sind: die Gewalt aus Eifersucht befürwortende Ballade »Jähzorn in meinem Herzen«, die Piano-Schnulze »Kathrin und Lars« (endlich spielt ein Song mal am Potsdamer Platz, wer wagt schon soviel Realismus), und Anika Baumanns psychedelischer Orgel-Disco-Knaller »Nett« (»Nett ist die kleine Schwester von scheiße)«. Zutiefst berührt.

LABEL: Nobistor

VERTRIEB: Hausmusik

VÖ: 23.08.2007

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