Bok Bok Your Charizmatic Self

Kelela Mizanekristos ist so etwas wie die kandierte Kirsche auf dem Sahnehäubchen des ohnehin Aufsehen erregenden Night-Slugs-Spielprogramms. Anfang 2010 von Alex Sushon alias Bok Bok und James Connelly a.k.a. L-Vis 1990 gegründet, sorgt das nachtschattige Londoner Label mit Dekonstruktionsanspruch für eine wahre Flut an verwegenen Genrehybriden, die in allen Nuancen des Grime schillern. Während sich Night Slugs dabei auf die Tanzflächen Europas konzentriert, mit London als Epizentrum, befeuert Fade To Mind, das 2011 angeschlossene und von Ezra Rubin (Kingdom) betreute Schwesternlabel, die transatlantische Clubkultur.

Mit Your Charizmatic Self veröffentlicht Labelvater Sushon nach mehrjähriger Pause endlich wieder eine Solo-EP und macht deutlich, dass er auch weiterhin der Querulant des unbedingt tanzbaren Hardcore Continuums ist. Sein lebhaftes Experimentieren mit den Traditionen des R’n’G (Rhythm’n’Grime) steht, eigenen Angaben zufolge, immer noch im Fokus der Kompositionen, Bok Boks signature sound entsteht jedoch gerade dort, wo es weder Rhythm noch Grime hingeschafft haben. Sushons Vorliebe für die ausgedehnte Leerstelle – als Störfaktor, aber auch als Kickstarter – formt sich zu einer nahezu perfekten Stop-and-go-Ästhetik.

Das Eröffnungsstück, »Melba’s Call«, führt nun auf direktem Wege zu besagter Kirsche auf dem Sahnehäubchen, denn die aus LA operierende Sängerin Kelela verleiht hier Sushons mit Stolperfallen bestückten Tonflächen einen samtig-fruchtigen Anstrich. Die Zusammenarbeit macht vor allem in Hinblick auf die Zukunft von Night Slugs Sinn: Bereits letztes Jahr sorgte Kelela mit ihrem Debütalbum Cut 4 Me für eine Art Gemeinschaftsprojekt der erweiterten Night-Slugs-Familie. So stand die Patchwork-Produktion vor allem für eine intensivere Rückkopplung und Transportation des Projektes Modern Grime in den Vokalbereich des R’n’B.

»Melba’s Call« dient hiermit auch als visuelle Projektionsfläche: Im Video zum Song konvergieren ganz sinnbildlich zwei Welten: Karge Betonwände, kühles Chrom und blinkende Maschinen dominieren die Szenerie eines High-Tech-Tonstudios. Im Zentrum aber steht, isoliert von gläsernen Wänden, ein organischer Mikrokosmos, ein satt-grünes Stückchen Dschungel. Das lebende Biotop wirkt als kreativer Katalysator im verchromten Tonstudio, die Parallele – Kelelas soulige Stimme, die sich als Repräsentation des Emotionalen gegen die strenge Modalität der Maschine richtet – ist schnell bemüht. Einmal mehr lautet die Devise: Erst die Synergie macht’s reizvoll.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here