Bob Dylan „Trouble No More – The Bootleg Series Vol. 13“ / Review

1979 schien es so, als könnte Bob Dylan niemanden mehr überraschen – bis er zwei Jahre lang nur noch christlichen Gospel spielte und veröffentlichte. Trouble No More widmet sich dieser produktiven Phase in seinem Leben – und löst Kontroversen aus.

Der Ernstfall trat im August 1979 ein. Bob Dylan veröffentlichte mit Slow Train Coming das erste von drei christlich motivierten Gospelalben, auf denen er wie ein Hirte zu seinen Schafen sprach: „Jesus said, Be ready / For you know not the hour in which I come / He said, He who is not for me is against me / Just so you know where he’s coming from.“ Von seinen sekulären Fans erntete Dylan für diesen Perspektivwechsel Schulterzucken und Ablehnung, von den wiedergeborenen Christen aus dem Bible Belt bekam er scharenweise neuen Zuspruch. Vermutlich wegen ihnen ist Slow Train Coming eines der kommerziell erfolgreichsten Alben Dylans.

Wer sich allerdings als Gnostiker oder Atheist bei seinen Predigten der Jahre 1979 bis ’81 die Ohren zuhielt, verpasste eine musikalische Neuorientierung des Sängers, die selbst für Apologeten seines Werks ein Füllhorn an Überraschungen bereit hält. Das ist die Narration von Trouble No More, einer luxuriösen, kiloschweren Acht-CD+DVD-Box samt begleitender Liner Notes. Auf allein sechs CDs dokumentiert sie die Identitätsrettung Dylans als Performer. Viele Songs sind doppelt oder dreifach enthalten, der Titelsong „Slow Train Coming“ gar in sechs Versionen. Dass diese Wiederholungen nicht redundant, sondern bereichernd wirken, verdanken sie ihrer permanenten Bearbeitung auf der Bühne.

In den Jahren seiner religiösen Phase hatte Dylan eine grandiose Liveband inklusive eines mehrköpfigen Gospelchors um sich geschart, die zunächst ausschließlich das christliche Material spielte, um ab 1981 auch den klassischen Songkatalog Dylans sukzessive neu zu interpretieren. Wirklich Spektakuläres, Unerwartetes gibt es hier zu entdecken – ausufernde Versionen von „Pressing On“, „In the Garden“ oder „Gotta Serve Somebody“ etwa, und später ebenso herzerweichende wie rhythmisch pumpende Neueinspielungen von „Girl From The North Country“, „Ballad Of A Thin Man“ oder „Blowin’ In The Wind“.

Schlüssel zur intensiven Qualität dieser Liveaufnahmen ist einerseits Dylans wiedergefundene Stimme. Nasal und heiser presst der Sänger seine sektiererischen Texte in die Deutungsräume der Hallen, in denen er in diesen Jahren Konzerte mit Überlänge gab. „Aggression, Kraft und Entrückung“ (Richard Klein) sind im Gesang Dylans spürbar. Dadurch, dass er eine Vision hat und einen höheren Auftrag, gelingt es ihm, seinen Gesang in diesen Songs zu fokussieren. Man kann Dylan vorwerfen, dass er lediglich eine bereits existierende, ausgrenzende, religiöse Ideologie in eigene Worte transformierte, statt wie in den Songs der Jahre zuvor aus sich selbst zu schöpfen und als Performer ungreifbar, unberechenbar und somit interpretierbar zu bleiben. Seine Stimme aber konnte er in diesem Korsett neu fordern und sich selbst mit ihr neu erfinden.

Eine ebenso kraftraubende wie beglückende Reise in die Glaubenskrise, Erweckung und Erlösung des Sängers

Der zweite Zugang zu Dylans bis heute am kontroversesten diskutierter Schaffensphase ist die geschmeidige Virtuosität und Verspieltheit seiner mit legendären Studiocracks wie Jim Keltner, Fred Tackett, Tim Drummond oder Spooner Oldham besetzten Band. Selten war die Musik Dylans so reich an Nuancen, Dynamik und Flexibilität wie zwischen 1979 und ’81. Erst im Rahmen dieses engmaschigen musikalischen Netzes konnte er seine Stimme neu justieren. Wer genau hinhört, wird zudem bemerken, wie Dylan auf der Bühne durch seinen souveräner werdenden Vortrag die Songs zu einem Steinbruch umdefinierte, den er in verschiedene Richtungen interpretieren konnte.

Eine DVD, in der ein Evangelist zwischen den Songs zum Zuschauer predigt, sowie eine Doppel-CD mit zuvor unveröffentlichten Songs und Arbeitsversionen bekannter Stücke runden eine ebenso kraftraubende wie beglückende Reise in die Glaubenskrise, Erweckung und Erlösung des Sängers Dylan ab, der bis heute auf unergründlichen Wegen wandelt.

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