Blade Runner 2049 – Ist die Zukunft am Ende?

Replikant aus Feisch und Blut: Ryan Gosling
Replikant aus Feisch und Blut: Ryan Gosling

Nach zwei Minuten wird das erste Loch in eine Wand geprügelt. Hindurchgepoltert kommt Ryan Gosling alias Officer K im Ringkampf mit einem veralteten Replikantenmodell. K behält die Oberhand, wird aber gleich ordentlich kaputtgehauen. Durch die restlichen 160 Minuten des Films zieht Gosling mit blutverschmierter Fresse, die außerdem bald von inneren Zweifeln angenagt wird. „Wie fühlt es sich an, Deinesgleichen zu töten?“, fragt ihn sein Gegenüber vor der Exekution.

In einem cleveren Dreh wird Officer K schon in dieser ersten Szene als Replikant ausgewiesen. So ist das grundlegende Movens von Blade Runner 2049 spiegelverkehrt zum Original: Wir begleiten K nicht wie einst Deckard dabei, wie er Replikanten jagt, deren Nicht-Menschlichkeit testet und sie erledigt – K muss herausfinden, was er selbst ist. Replikant? Oder doch Mensch? Etwas dazwischen? In seinen stahlblauen Augen manifestiert sich die Geschichte einer persönlichen Erschütterung – was wegen der Marmormimik und legendären Hundeblickqualitäten des Darstellers ziemlich gut kommt.

Noch besser ist die Drehbuchidee im Kern von Blade Runner 2049. Die Entdeckung der sterblichen Überreste eines weiblichen Nexus-7-Androiden (Schädel, Knochen, das ganze Drum und Dran) beweist, was nicht sein darf: Replikanten replizieren sich selbst. Die Frau war schwanger.

Die Idee ist schlüssig aus Dicks Roman und dem ersten Film abgeleitet, und sie ist ebenso simpel wie genial. Den sich daraus ergebenden Implikationen – Unterdrückung, Rassismus, Sklaverei, Rebellion der Beherrschten quer durch das besiedelte Universum, religiöse Dimension – weicht der Film allerdings aus. Die Handlung verlegt sich stattdessen auf die Fragen, wer Mutter, Vater und Kind waren oder sind und wie das LAPD (angeführt von Robin Wright), ein megalomaner Unternehmer (Jared Leto) und eine Gruppe Outlaws die Reste der Replikanten-Kleinfamilie / Heiligen Familie in ihre Fänge kriegen.

Gretchenfrage in Blade Runner: Wie hast du's mit der Menschlichkeit, kleiner Mann?
Gretchenfrage in Blade Runner: Wie hast du’s mit der Menschlichkeit, kleiner Mann?

Wie der Film seinen explosiven Gehalt im Wirrwarr der Handlungsebenen vollkommen verpuffen lässt, merkt man zunächst noch nicht mal, weil die Nostalgiewerte so virtuos ausgeschlachtet werden. Viele Kontinuitäten zu Scotts Film sind atemberaubend umgesetzt: der Look, die Langsamkeit, das düstere Leuchten der urbanen Designwüste. Geradezu zwiespältig perfekt wird das bei der Klangkulisse: Die Musik – der Hollywood-Soundtrack-Monopolist Hans Zimmer hat zusammen mit Benjamin Wallfisch erst im Juli 2017 anstelle des ursprünglich vorgesehenen Komponisten Jóhann Jóhannsson übernommen – ist eher Vangelis-Remix als eigenständige Arbeit.

Problematisch wird dieses – nennen wir es: Geschichtsbewusstsein da, wo der neue Film sich auch auf der Handlungsebene und bei den Charakteren um unmittelbare Anschlüsse bemüht. Harrison Ford wirkt in seiner Rolle von einst tatsächlich so, als wäre er in der falschen Zukunft gelandet. Sein Replikantenjäger Rick Deckard wird nach 30 Jahren Eremitendasein, das er mit Millionen Whiskyflaschen in einem geschmackvoll eingerichteten Hotelkasino in der Wüste verbrachte, in der hintersten Ecke eines unter einer Art Wasserfall gestrandeten Hovercars geparkt. Da hockt er nun, der Blade Runner, in einem Waterworld-Szenario und kriegt langsam keine Luft mehr.

Blade Runner 2049
USA 2017
Regie: Denis Villeneuve
Mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Robin Wright, Sylvia Hoeks, Carla Juri u. a.

In SPEX No. 376 schreibt der Schriftsteller Leif Randt über Philip K. Dicks Buchvorlage für die Blade-Runner-Filme und der Regisseur Burhan Qurbani über Ridley Scotts Film von 1982. Das Heft kann im SPEX-Shop versandkostenfrei online bestellt werden.

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