Von Viren und Kristallen

bjoerk_crystalline    Seit BJÖRK Anfang Mai auf ihrer Webseite ihr neues Album Biophilia ankündigte, sind nur häppchenweise neue Informationen über das Projekt bekannt geworden. Biophilia (in etwa: »die Liebe zu allem Lebenden«) sei eine Erkundung der Beziehungen zwischen Musik, Natur und Technologie, hieß es zunächst etwas schwammig in einem offiziellen Statement. Einige Tage darauf wurden die Informationen konkreter: Es handele sich bei Biophilia nicht um ein klassisches Album, berichtete der Guardian, sondern um ein Multimediaprojekt, das als Serie von iPad-Apps noch vor dem Erscheinungstermin als CD im September veröffentlicht werde. Die vom Medien-Künstler Scott Snibbe gestalteten Apps sollen neben den Songs auch Musikvideos, interaktive Animationen und Spiele enthalten. Im Guardian beschrieb Snibbe am Beispiel des Songs Virus, wie man sich diese Programme vorzustellen hat:

    For one song, Virus, the app will feature a close-up study of cells being attacked by a virus to represent what Snibbe calls: »A kind of a love story between a virus and a cell. And of course the virus loves the cell so much that it destroys it.« The interactive game challenges the user to halt the attack of the virus, although the result is that the song will stop if you succeed. In order to hear the rest of the song, you have to let the virus take its course. Using some artistic license, the cells will also mouth along to the chorus.

    Kurz vor der Veröffentlichung der ersten App und einer Serie von Konzerten beim Manchester International Festival, bei der Björk das Album mit einer aufwändigen Performance vorstellen wird, ist nun mit Crystalline der erste Song von Biophilia im Internet aufgetaucht. Auf der Textebene beschäftigt sich die isländische Sängerin erwartungsgemäß sehr metaphorisch und von einem gewissen esoterischem Touch geprägt mit dem Wachstum von Kristallen. Die eigentliche Überraschung ist die Musik: Nach einem leisen Beginn mit Glockenspielklängen gesellen sich langsam ein schwerer Dubstep-Rhythmus und eine tiefe Bassmelodie hinzu, bis nach etwa vier Minuten der gesamte Song unter Kaskaden von brachialen Breakbeats kollabiert. Erstaunlich, dass Björk für die akustische Gestaltung des als technologische Revolution konzipierten »ersten App-Albums« ausgerechnet auf Motive aus der Vergangenheit zurückgreift. In den Neunziger Jahren wurde die anarchische Beat-Dekonstruktion, wie sie am Ende von Crystalline zelebriert wird, als absolut futuristischer Entwurf gehandelt – etwa im IDM- und Breakcore-Sound von Aphex Twin und Konsorten. Aus heutiger Sicht wirkt diese Art von Futurismus dagegen fast schon nostalgisch. Dass Björk den syrischen Musiker und Sänger Omar Suleyman mit einem Remix für Crystalline beauftragt hat, lässt vermuten, dass Biophilia noch weitere musikalische Überraschungen parat halten wird.

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STREAM: BJÖRK – Crystalline


VIDEO: BJÖRK – Crystalline (Omar Souleyman Remix)

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