Björk „Utopia“ / Review

Björk hat die klaffende Herzwunde ihres letzten Albums Vulnicura erschöpfend geleckt und verbreitet nun Optimismus unter den geschundenen Seelen der Jetztzeit – trotzdem ist keineswegs alles „full of love“.

Ein Spalt hat sich geöffnet, wenn auch nur vorübergehend. Jederzeit könnte er sich wieder schließen, das sieht Björk vermutlich ähnlich. Denn so ein Spalt ist auch Arbeit, da muss man mehr tun, als ihn voyeuristisch zu begaffen. Siehe Björk: Die hat die klaffende Herzwunde ihres letzten Albums Vulnicura erschöpfend geleckt und verbreitet nun mit ihrer zehnten Platte Utopia Optimismus unter den geschundenen Seelen der Jetztzeit. „I trust the unknown“, singt sie, und wie in der utopischen Erzählung Peach Blossom Spring von Tao Qian aus dem fünften Jahrhundert, in der ein Fischer durch einen Bergspalt schlüpft, um auf einen paradiesischen Garten zu treffen, lässt auch Björks Co-Produzent Arca seine bestialische Beat-Fauna mit ihrer Flöten-Flora und einem Schwarm digital imitierter und gesampelter Tropenvögel zusammenwachsen. Die Moral der chinesischen Erzählung ist wie bei Björk eine bodenständige: „Utopia / It’s here.“

Transzendenter Sex, an dessen Ende das Matriarchat stehen wird.

Harmonische Kooperation zwischen den Arten und Geschlechtern ist die Grundlage von Björks Vision, denn nicht alles ist „full of love“ im Garten der Panin. Es ist der Narzissmus und Egoismus der Patriarchen, der unsere Welt in die totale Abgefucktheit gestürzt hat. Die Textzeile „For us women to rise and not just take it lying down“ ist deshalb die Order der Künstlerin an alle Meerjungfrauen. Schnallt euch die Dildos um! Fickt zurück! Björk zeigt sich wollüstig wie seit „Cocoon“ nicht mehr, verbiegt ihre Wirbelsäule im von Rabit (siehe SPEX 365) mitproduzierten „Loss“ und setzt auf transzendenten, befruchtenden Sex – miteinander, mit der Natur, mit unseren Technologien – als Liberalisierungsstrategie, an dessen Ende das Matriarchat stehen wird.

Die Bergöffnung aus Peach Blossom Spring hat der Fischer übrigens, einmal heimgekehrt, niemals wiederfinden können. Nur nach der nächsten freien Ritze zu suchen – das reicht eben nicht aus.

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