Bill Wells & Stefan Schneider

Im Sinne der hohen Güter Freiheit und Kontemplation reduzieren der umtriebige Multiinstrumentalist Bill Wells aus Glasgow und das Düsseldorfer To Rococo Rot-Drittel Stefan Schneider den Kern postromantischer Kammermusik aufs Wesentliche. Ihre »Pianotapes« erscheinen am Freitag, anders als im aktuellen Spex-Heft irrtümlich angegeben, bei Karaoke Kalk. Wells entlockt hier den schwarzweißen Tasten Melodien und einfache Patterns, Schneider nimmt auf. »Auf«, wie man einen Gesprächsfaden aufnimmt (um ihn weiter zu spinnen), aber dazu eben auch »auf« im technischen Sinne: mit zwei alten Tonbandgeräten.

    Er spielt diese Bänder in veränderter Geschwindigkeit wieder zurück, was Wells improvisierend stehen lässt, ergänzt oder verdichtet. Die übereinander geschobenen Ebenen unterscheiden sich meist deutlich. Was hier aber Aufzeichnung ersten Grades ist und was nicht – wer weiß? Auf den Spuren von John Cages präpariertem Piano wird das Klavier manipuliert, bewusst als »defekt« getarnt, zur Maschine, in der es quietscht, jault und widerhallt. Das geht im Ergebnis alles sehr geruhsam zu, das Handwerk macht Geräusche, es klingt bisweilen wie ein Haus aus Metall und Holz, das von lautlosen Stürmen zum Klingen gebracht wird.

    Im Stück »Cocteau«, dem einzigen mit einem Wort-Titel, alle anderen sind schlicht nach Ziffern benannt, scheint es zu spuken, kommen die Sounds aus einer anderen Zeit. In »WS 8« gibt irgendwas leise einen Takt vor – es könnte ein Besen auf der Snare sein, ist vielleicht das Ende eines Tonbandes, das sich mit jeder Spulenumdrehung weiter an einem vorspringenden Regler ausfranst. Gelegentliche Ausbrüche ins allzu Rhythmische, erst recht ins Repititive der Minimal Music, machen in »WS 5« schnell wieder impressionistischer Lautmalerei Platz.

    Hätte Brian Eno statt »Music for Airports« welche für Kunstgallerien gemacht, sie klänge genau so. Das ist wohl ihr Besonderes und durchaus auch ein Handicap: diese »Pianotapes« haben es etwas schwer mit sich allein. Sie funktionieren am besten im Bezug auf etwas anderes – und sei es eine ayurvedische Öl-Massage nach einem harten Tag als Security-Mann in der Einkaufspassage am Limbecker Platz in Essen – oder aber als musikhistorische Zwischenetappe, in einem Prozess, den Cage schon 1937 in »The Future Of Music« festschrieb: »Perkussionsmusik ist eine Übergangslösung der klavierbeeinflussten Musik bis zum Erreichen der finalen Musik der Zukunft.«

 


VIDEO: Bill Wells & Stefan Schneider – Pianotapes (Trailer)

LABEL: Karaoke Kalk | VERTRIEB: Indigo | : 05.11.2010

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