Bianca Casady & The C.I.A. »Oscar Hocks« / Review & Vorabstream

Die Emanzipation und zeitweilige Beurlaubung von CocoRosie, die seit Jahren in ihrem Spielzeugwunderland festhängen, fördert eine künstlerisch selbstbewusste Bianca Casady zutage.

Wer ist Oscar Hocks? Ein bisschen Internetrecherche bringt Aufklärung: Oscar Hocks bedeutet im US-Knastjargon schlicht Socken. Roses and reds steht für Bett, plates of meat für Füße. Wieder was gelernt. Die jüngere CocoRosie-Schwester Bianca Casady widmet sich mit ihrer Performancegruppe The C.I.A. also dem Zwielichtigen und Unaussprechlichen. Geheime Gesellschaften aus »cowboys and indians«, die den Teufel nicht fürchten, bevölkern die Songs des Albums Oscar Hocks, das nur kurz nach CocoRosies aktueller Platte Heartache City erscheint, sich aber vom Werk des Schwesternpaars deutlich abhebt.

Natürlich erkennt man Bianca Casadys Stimme sofort, und es gibt weitere Gemeinsamkeiten wie die Liebe zur Maskerade und bewusst schrägen Tönen. Die Grundidee hinter Bianca Casady & The C.I.A. ist jedoch viel älter als CocoRosie: Bereits 1994, also mit zwölf Jahren, begann Casady mit der Arbeit an ihrem Porno-Thietor-Projekt, das sie nach vielen Transformationen heute als Gesamtkunstwerk auf die Bühne bringt. Zu The C.I.A. gehören ein Tänzer, ein Videokünstler und drei Musikerinnen, die eine ebenso seltsame wie faszinierende Show darbieten. Das gruselige Video zu »Poor Deal«, das an Lynchs Lost Highway und an The Blair Witch Project gemahnt, unterstreicht, dass visuell dramatische Elemente bei The C.I.A. ebenso wichtig sind wie die Musik, weshalb die Veröffentlichung von Oscar Hocks als reines Musikalbum ein Wagnis ist – das aber gelingt.

»Mit Oscar Hocks lebt das Rätselhaft-Mysteriöse wieder auf, das es bei CocoRosie nicht mehr gibt.«

Die Emanzipation und zeitweilige Beurlaubung von CocoRosie, die seit Jahren in ihrem Spielzeugwunderland festhängen, fördert eine künstlerisch selbstbewusste Bianca Casady zutage, die sehr genau zu wissen scheint, was sie tut – auch wenn ihr das Publikum nicht immer folgen kann. Mit Oscar Hocks lebt das Rätselhaft-Mysteriöse wieder auf, das es bei CocoRosie nicht mehr gibt. Sie sei immer schon für die dunklen und unheimlichen Momente zuständig gewesen, sagt Casady. Das ist nicht nur in den Texten spürbar, sondern auch in der Musik: Ein verstimmtes Klavier, verhaltene Beats, Klarinette und Trompete fügen sich zu geisterhaften Country-Folk-, Blues- und Vaudeville-Skizzen, die näher an Tom Waits sind als an CocoRosie. In »Hobo« bricht sich Casadys HipHop-Affinität Bahn, straighter und direkter als man es gewohnt war; »Miracle Of A Rose« ist eine minimalistische Ballade, die von einem geheimnisvollen Erzähler unterbrochen wird. Das Outlaw-Thema und die Dinge, über die man eigentlich nicht reden darf, sind jederzeit präsent. Jetzt wäre interessant, ob Sierra Casady auch ein eigenes Projekt plant. Bianca Casady ohne ihre Schwester ist auf jeden Fall mehr als nur eine Hälfte des Duos.

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