Berlinale und Pop: Die Filmfestspiele in Berlin als musikhistorische Nabelschau

Fotos: Love & Mercy by François Duhamel

Die 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin beginnen mit einem Aufbruch ins Unbekannte. Auf Territorium, in das noch kein Mensch vorgedrungen ist – zumindest keiner aus dem hochzivilisierten Kulturkreis der Cineasten.

In Nadie quiere la noche, dem Eröffnungsfilm der Berlinale 2015 (englischer Titel: Nobody Wants The Night), macht sich Juliette Binoche als hoffnungslos verliebte Einzelkämpferin auf in Richtung Nordpol, ihrem Abenteurergatten hinterher, der den Pol als erster Mensch erreichen will. Die spanische Regisseurin Isabel Coixet erzählt von einer Reise, in der es im Grunde nur um Leben und Tod gehen kann, die aber doch einige andere Überraschungen bereithält. Und zu allem pfeift der eisige Polarwind sein erbarmungsloses Lied.

Etwas weniger frostig verspricht die Klangkulisse anderer Filme zu werden, die in Berlin bis zum 15. Februar zu sehen sind, vor allem die von Love & Mercy: Der Film erzählt das Leben von Beach Boy Brian Wilson. Bill Pohlad, bisher als Produzent von Filmen wie 12 Years A Slave, The Tree Of Life oder Brokeback Mountain bekannt, führte dafür erstmals Regie und konnte Paul Dano und John Cusack als Brian-Wilson-Darsteller gewinnen. Bei der Berlinale feiert der Film am 8. Februar seine Europapremiere, ab Juni wird er auch regulär in deutschen Kinos zu sehen sein.

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Love & Mercy ist nur einer aus einer Reihe von Filmen mit starkem Bezug zu Popmusik. So ist zum Beispiel Tunde Adebimpe, Sänger bei TV On The Radio und Teilzeitvideoregisseur, in seinem Nebenberuf als Schauspieler auf der Leinwand zu bewundern. Nasty Baby handelt von einem schwulen Paar in Brooklyn, das seinen Kunderwunsch mit der Hilfe einer guten Freundin erfüllen will. Als der chilenische Regisseur und Schauspieler Sebastián Silva ihm von der Idee erzählte, so Adebimpe, habe er sich davon derart abgestoßen gefühlt, dass er sofort zusagen musste, im Film die Rolle von Silvas boyfriend zu übernehmen.

In der Sektion Panorama Dokumente ist Cobain: Montage Of Heck von Brett Morgan zu sehen. Wie auf spex.de bereits berichtet, handelt es sich dabei um die erste Dokumentation über Kurt Cobain, die von seinen Hinterbliebenen nicht nur autorisiert, sondern tatkräftig unterstützt wurde. Morgan rekonstruiert die Lebensgeschichte des 1994 gestorbenen Nirvana-Sängers anhand einer Unmenge von Archivmaterial, darunter rund 4000 Seiten an Notizen, Skizzen und aus Cobains Songbüchern. Eine der ausführenden Produzentinnen war Frances Bean Cobain, die 1992 geborene Tochter von Courtney Love und Kurt Cobain.

Ein bisschen pophistorische Nabelschau darf bei einem Filmfest in Europas Nachtlebenmetropole natürlich nicht fehlen. Darum kümmern sich Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange mit ihrem ironisch betitelten B-Movie – Lust & Sound in West-Berlin, das einmal mehr die glorreichen Achtzigerjahre dokumentiert. Die Gästeliste ist dabei mindestens so lang wie wohklingend – Nick Cave, Einstürzende Neubauten, Gudrun Gut, Joy Division und New Order, Annette Humpe, Westbam, Nena … – was wollte man von einer Berlinale-Party auch anderes erwarten?

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