Berlinale 2015 – The Female Issue

Fotos: Stills aus Je suis Annemarie Schwarzenbach / Paraiso Production

Direktor Dieter Kosslick hat es gleich am Anfang der Internationalen Frauenfestspiele Berlin verkündet: Es geht auch im Jahr 2015 einmal mehr um starke Filme – äh, Pardon: um starke Frauen natürlich.

Frauen sind traditionell ein Lieblingsthema an der Spree. Regelmäßig ist von der Berlinale als einem »Festival der Frauen« die Rede, so etwa 2015 im Deutschlandfunk, 2013 im Tagesspiegel, 2012 in der Zeit, 2009 in der Berliner Zeitung und passend zur eben erschienenen Schwerpunktausgabe jetzt endlich auch in SPEX. In der Tat ist es faszinierend, dass Frauen selbst im Kino eine Rolle spielen.

Isabel Coixet hat mit Nadie quiere la noche die 65. Berlinale eröffnet. Nach Margarethe von Trotta ist Coixet damit bereits als zweite Frau seit 1951 für den prestigeträchtigen Eröffnungsfilm des Festivals verantwortlich. Es geht um eine Geschichte »inspired by real characters«, wie es im Vorspann heißt. Im Mittelpunkt steht eine Frau in gut gestärkter Garderobe, nämlich die US-Amerikanerin Josephine Peary (Juliette Binoche), die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts von Schlittenhunden und Inuit fast bis zum Nordpol schleppen lässt, um dort beinahe zu erfrieren und, nicht ganz plangemäß, herauszufinden, dass ihr Mann, der Polarforscher Robert Peary, sie betrügt.

Antrieb für die lebensgefährliche Reise ist große Liebe und ein bisschen großbürgerliche Langeweile. Coixets Film ist ziemlich gut darin, all die Chancen aufzuzeigen, die er letztendlich verpasst: eine Dreiecksgeschichte mit abwesendem Dritten erzählen, über den Gegensatz von Zivilisation vs. Naturgewalten reflektieren, begreiflich machen, wie eine Frau nach einer solchen Nahtoderfahrung in ihrer angestammten Park-Avenue-Welt überleben kann. Stattdessen versinkt die starke Hauptdarstellerin Juliette Binoche komplett in Schnee und Kitsch.

Um die Festivalberichterstattung weiblicher wie männlicher Journalisten grundlegend zu vereinfachen, hat Werner Herzog den Film von Coixet einfach noch einmal gedreht. Seine Protagonistin heißt Gertrude Bell und hat ein historisches Vorbild im England zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie lässt sich von Kamelen durch Sandwüsten in Nahost schunkeln, angetrieben vom Schmerz nach dem Verlust ihres Liebsten und von ein bisschen aristokratischer Langeweile. Herzogs Film ist wie immer ziemlich gut darin, aus einer Extremsituation extrem viel herauszuholen: nämlich extremen Wüstenkitsch.

In der Pressekonferenz nach der Weltpremiere wies Herzog darauf hin, dass Queen Of The Desert sein erster Film mit einer Frau im Zentrum ist (neben Horden von Dromedaren, einem Geier, einem Reh, einer Nachtigall und einem geklauten Gaul übernahm in der Tat Nicole Kidman eine wichtige Rolle) und dass das für die kommenden Projekte des 72-Jährigen zur Regel werden soll (als nächster Sidekick neben diversen Tierperformern wurde soeben Veronica Ferres angekündigt). Herzogs erster Film Herakles – es geht darin um einen starken Mann – liegt auch erst 53 Jahre zurück.

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Schneller und entschlossener hat da der 1984 geborene Alex Ross Perry gehandelt. Mit Herzog teilt der US-Filmemacher fürs Erste nur den Klang der Filmtitel. Queen Of Earth ist Perrys vierter Spielfilm und zeigt, wie er sich die Freundschaft zwischen zwei Frauen vorstellt: als Psychohorror in lieblich-luxuriöser Naturlandschaft.

Nachdem ihr Künstlervater Selbstmord begangen hat, wird Catherine (Elisabeth Moss) von ihrem Freund verlassen. Um die aus dieser Notlage erwachsende Psychose richtig aufblühen zu lassen, verbringt sie eine Woche im Landhaus ihrer Freundin Viriginia (Katherine Waterston), die sich mit ihrem Misstrauen, ständigen Sticheleien, Spinatsalat, der Hilfe eines fiesen Nachbarn und einer Drogenparty liebevoll darum kümmert, ihrer besten Freundin das Leben zur Hölle zu machen.

Die Kamera zoomt immer wieder geradezu invasiv in die Gesichter von Moss und Waterston, als wäre auf deren weicher Haut die Antwort zu lesen, warum diese Geschöpfe so sind, wie Perry sie vorführt: als völlig Empathie-befreite Wesen, deren einziger Lebenszweck darin besteht, einander zu verletzen. Jeder Blick eine Herausforderung, jeder Satz ein Affront, alles ständig unterlegt mit laut »Hitchcock!« und »Bedrohung!« rufender Hintergrundmusik. Überraschender Erkenntnisgewinn: Wer Freundinnen hat, braucht keine Feinde.

Das muss man auf der Berlinale freilich niemandem erzählen. Angesichts der weiblichen Übermacht auch im Jahr 2015 (Regisseure im Wettbewerb: 16 von 19, männliche Mitglieder der internationalen Jury: vier von sieben, Autor dieses Textes: männlich) möchte man Dieter Kosslick anflehen, in seiner Abschlussrede am 15. Februar doch wenigstens auf den nicht besonders starken Mann einzugehen, der in einem Wettbewerbsbeitrag namens Body eine Hauptrolle spielt. Und auch darauf, dass die polnische Filmemacherin Małgorzata Szumowska diesem Schwachmann endlich mal zwei nicht besonders starke Frauen zur Seite stellt – vermutlich aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Als Inspiration für die »Festival der Frauen«-Eröffnungsrede 2016 hier noch folgende Schlagzeile: Regisseurin dreht Film mit Mann! So geschehen in Je suis Annemarie Schwarzenbach von Véronique Aubouy. Die Französin macht aus dem Casting für ein Filmporträt der Schwarzenbach selbst wiederum einen Film, und für dieses Casting castete sie unter anderem auch einen männlichen Darsteller. Wirklich: Es ist faszinierend.

3 KOMMENTARE

      • Ne. Wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Find den Artikel nicht schlecht, anflugsweise etwas hysterischer Ton. Dieser Trouble ist amüsant und mühsam zugleich. Die Frage war schon so gemeint, kommt hier wohl etwas patzig daher.

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