Bass: Evangeline

In der Kolumne »Bass« thematisiert Christoph Braun einmal im Monat die Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit des Dub. Diesmal mit Mary Anne Hobbs, Ø, The Bug, Geiom, Ragga Twins, Basic Channel und der Compilation »Dubstep Allstars Vol.6«.

EvangelineBass-Meditationen fransen an den elektronischen Rändern aus und formen Klippen, Untiefen, Gezeiten. Ja, Mary Anne Hobbs ist eine Konsens-Gestalt in einem DJ- und Produzenten-Zirkus, der kontinuierlich wächst. Als Host ihrer Show bei Radio 1, die der Einfachheit halber nach ihr selbst benannt ist, hat sie einen 1A-Ausgangspunkt für exklusive Mix-Sessions, spektakuläre Sonar-Partys und dergleichen mehr.

    »Evangeline«, die zweite May Anne Hobbs-Compilation nach den »Warrior Dubz« aus dem Jahr 2006, zeigt vor allem ihr Gespür für den Track: alle der 16 Titel hört man exklusiv bei Mary Anne Hobbs. Neuere Namen wie z.B. Dakimh arbeiten bei der Manipulation der Frequenzen ebenso souverän wie die gut bekannten Hobbs-Buddies Shackleton, Wiley und Ben Frost. So deckt »Evangeline« das Spektrum der Mary Anne Hobbs-Show ab und arrangiert Elektronika-Flächen, Grime-Bollereien, Dub-Dekonstruktionen und Hiphop-Experimente. Die Bassline-Permutationen von Unitz' »The Drop« und Ben Frosts »Theory Of Machines« erweisen sich als Knaller.

Mary Anne Hobbs – Evangeline
Label: Planet Mu | Vertrieb: Neuton/ NTT | VÖ: bereits erschienen

OlevaHinter Ø verbirgt sich Mika Vainio, eine Hälfte des Experimental Dub-Duos Pan Sonic. Auf »Oleva« lässt Vainio aus sehr tiefen Bässen, Industrial-Sounds und Drones eine schwer auszuhaltende Spannung entstehen. Eine diffuse Unruhe durchzieht diese Tracks, die an der Oberfläche manchmal richtig friedfertig klingen. »Set The Controls For The Heart Of The Sun« wird gecovert und abstrus reduziert. Grundlagenforschung.

Ø – Oleva
Label: Sähkö | Vertrieb: Hardwax | VÖ: Juli 2008

The BugEs beginnt mit einem Socca-Track, und drüber toastet Tippa Irie: Scharade! Denn danach beginnt das monumentale Feppern und Piepsen jener Langsamkeit, die dem Produzenten Kevin Martin aka The Bug so eigen ist und die der Londoner mit Hilfe von unter anderem Ricky Ranking, Spaceape, Warrior Queen und Flow Dan verbreitet. Mit »Jah War«, »Skeng« und »Poison Dart« hatte The Bug schon in den vergangenen Monaten für Moment um Moment der Soundsystems gesorgt: paranoid knisternde Bass-Landschaften, auf die sich sowohl die gesetzte Dub- wie auch die flamboyante Dubstep-Jugend einigen kann. Mit Clonk-Bässen und zahlreichen Variationen gesampelter Stadion-Hupen lässt Martin auf »London Zoo« ein Dystopia der Gegenwart entstehen. Fühlt sich beschissen an, klingt super.

The Bug – London Zoo
Label: Ninja Tune | Vertrieb:Rough Trade | VÖ: bereits erschienen

Reminissin'Reminissin’! Reminissin’! Sommerhit. Dabei war bisher »Boxes That Go Beep« das Signaturstück des Nottinghamer Produzenten Geiom, der sich selbst mit seinen impressionistischen Veröffentlichungen auf Berkane Sol schnell zum Namen machen konnte. Jetzt will er’s wissen: In bester »I’m Lovin’«-Manier lässt er einen fröhlichen Beat und die Soul-Stimme Maritas los und multipliziert alles. Soeben erschienen sind die Mixe von Skream und Shackleton, im Juli folgt die 12-Inch mit dem Kode 9-Mix. Reminissin'! Reminissin'!

Geiom – Reminissin'
Label: Berkane Sol | Vertrieb: Import | VÖ: bereits erschienen (Skream- / Shackleton-Remixes) und Juli 2008 (Kode 9-Remix)

Fortsetzung mit Dubstep Allstars Vol. 6, Ragga Twins und Basic Channel auf Seite 2 (vor)

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Dubstep Allstars Vol. 6Reminissin'. Im Appleblim-Mix sorgt der Hit für das Ende auf der sechsten Ausgabe der Dubstep-Allstars, jener Compilation-Serie, mit denen Tempa sich auf dem neuesten Stand halten. Co-Betreiber und Dubstep Techno-Produzent Appleblim ist denn auch diesmal an der Reihe: seine Selektion operiert eben genau in jenen Grenzregionen, wo Dub sich wie Detroit anfühlt und Wissenschaft, Fiktion und Zukunft die Parameter setzen. Großer Auftritt für den Peverelist, für Pinch, natürlich Martyn und 2562 sowie TRG. Eine Reminiszenz an künftige elektronische Musiken.

V.A. – Dubstep Allstars Vol. 6 mixed by Appleblim
Label: Tempa | Vertrieb: Rough Trade | VÖ: bereits erschienen

Ragga Twins Step OutJetzt wirds rough, jetzt kommen die Ragga Twins. Dass sich aus einer Ursuppe, in der Techno, Trance und Breakbeat noch gemeinsam köchelten, zu Beginn der neunziger Jahre überhaupt Jungle als Sound wie wir ihn heute kennen entwickeln konnte, das verdankt sich insbesondere dem Label Shut Up And Dance. Und eben Deman Rockers und Flinty Badman, den Gebrüdern, die als David und Trevor Destouche im Norden Londons aufgewachsen und dort mit dem Unity Reggae Sound System groß geworden sind. Als Ragga Twins wurden die beiden MCs von Shut Up And Dance produziert, und gemeinsam formte man diesen ungeheuren Drive aus Dancehall, Ragga und Rave, der von Rockers und Badman mit Texten über Drogen, Obdachlosigkeit und Margaret Thatcher versorgt wurde. Diese Soul Jazz-Compilation versammelt die Stücke aus den Jahren 1990 bis 1992 und ist ein Feuer.

Ragga Twins – Ragga Twins Step Out
Label: Soul Jazz | Vertrieb: Indigo | VÖ: bereits erschienen

Basic Channel 2Moritz von Oswald und Mark Ernestus machen einfach weiter. Ab und zu kommt eine Welle vorbei und trägt sie ein bisschen in die Öffentlichkeit, dann schwappt es wieder runter … Dubstep ist Medienthema, und damit auch die Geschichte bassbasierter Club-Musiken im Allgemeinen. Der technoide Strang dieser Geschichte kommt ohne die Verweise auf Basic Channel nicht aus, und in der aktuellen Spex erweist sich von Oswald als Gesprächspartner, mit dem zu reden sich lohnt. Mit »BC2« blicken von Oswald und Ernestus weit in die eigene Geschichte zurück: Stücke wie der »Phylyps Track« müssen 1993 doch geklungen haben wie das Ding aus einer anderen Welt in ihrer Hall-, Echo- und Speed-Verschachtelung. Ich möchte nicht unverzichtbar sagen, aber …

Basic Channel – BC 2
Label: Basic Channel | Vertrieb: Indigo | VÖ:  Juli 2008

Alle in dieser Kolumne erschienenen Texte finden sich hier.

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