Bass: Cool out

King Midas SoundIch möchte dann anfangen, wenn es am schönsten ist. In diesen Wochen höre ich soviel unglaubwürdig Mordsmäßiges an Bassbeschwertem, dass ich mich frage, wo das Treibhaus steht, in dem sie diese Killerlines züchten. Jetzt also unbedingt über Bass schreiben. Denn bei all diesem beinah dekadentem Überfluss an Hymnen bin ich auch noch verliebt. Angefangen hat alles ganz harmlos. Kode 9 hat einen Mix auf die Seite des Sonar-Festivals gestellt und ihn »Dubstep 2007« genannt. Alle Richtungen, alle Farben, da drin. Nach nicht einmal 15 Minuten gab mein Magen schon den »Rewind«-Befehl: die letzten Gesänge von einem Stück hallten mit einer Macht in mein System rein, dass ich alles versuchte, jetzt!, sofort!, diesen Track da wieder zu kriegen. Der Sonar-Player zeigt keine Einzeltitel an. Eine lange Reise durch das Web begann, untermalt vom immer wieder kehrenden Beginn des »Dubstep 2007«-Mixes, den ich nach diesem, nach dem Einen Stück anhielt und… wieder von vorne.

Burial Erst später würde sich zeigen, dass auch weiter hinten im Mix was geht, Kode 9 etwa Burial-Dubplates ausgegraben hat. Für die Normalsterblichen ohne direkte Burial-Konnekte: der Anonyme aus Süd-London bereitet weiterhin viel Spaß und Neugier, denn sein wie geträumt Wirkendes »Ghost Hardware« (Hyperdub/ Cargo) ist eben so Verheißung für das auf den kommenden Herbst angekündigte Album wie die vertrackten Polyrhythmen von »Shutta« und das Bassfauchen von »Exit Wounds« auf der Rückeite. Mit weniger Magie, dafür aber mit umso mehr Humor operiert der noch ziemlich neue Name Marlow aus dem Nirgendwo Englands: sein erster Hotflush-Release »Machine« beginnt zwar mit einem ziemlich käsigen Chor, doch die Bassline springt im Dreieck, und jeder Rave wird ihr da folgen. Wo Marlow Dubstep für die Hallen produziert, stellt sich mit dem Tectonic-Produzent 2562 aus den Niederlanden ein weiterer Act selbstbewusst an den Rand – auf seiner neuen 12“ »Circulate« löst 2562 schon viele der Versprechungen ein, die Dubstep und Minimal Techno jüngst zu ihrer gemeinsamen Zukunft abgaben.

FreeForAll Bevor ich mich aber ganz im Space der Anthems verlor, machte ich mich wieder auf die Suche nach Spuren und Indizien. Höre / dir / das / ganz / genau / an. Und ich hörte und verglich mit der Tracklist. Was könnte das sein, diese in den langen Umlauf-Hall geschickte, zarte Tenorstimme? Dieser angeknackte Boom Bap-Beat? Ich beschloss, es mit der Arbeitsthese King Midas Sound zu versuchen. Unterwegs in Richtung Verifizierung stieß ich auf zwei Dub-Compilations. Einen Bogen machen war unmöglich. Denn auf »Studio One Dub Vol. 2« (Soul Jazz/ Indigo) gibt es ebensoviele Klassiker zu sampeln, schreddern, voicen wie auf dem endlich wieder veröffentlichten Bullwackies-Monster »Free For All«.

Deadbeat Endlich war ich nun geerdet genug, die Maschine auf die Suche nach King Midas Sound zu schicken, und während der Computer noch rechnete, fiel mir ein, dass sich Deadbeat mit seinem völlig zu Unrecht bisher kaum erwähnten Album »Journeyman's Annual« (~scape/ Indigo) nun selbst und nach drei bereits großen Alben Vorlauf in die tiefsten Tiefen der Basss-Forschung geschickt hat. Da! King Midas Sound erscheint auf dem Bildschirm. Ja, es gibt eine MySpace-Seite. Das dort automatisch startende Stück jedoch klingt nicht nach meiner neuen Liebe. Einen Moment – stammte es aus dieser Kooperation von Sänger Roger Robinson und Produzent The Bug, dann müsste es laut Kode 9-Tracklist ja »Cool Out« heißen. Ja. Da steht es im Player. Alle Rezeptoren an, auf »Cool Out« gedrückt, und: Glück. »We kill soundboys in our shaolin style« hebt Robinson in einer wahnsinnig machenden Schmeichel'n'Säuselstimme an, und der pappschwere Beat verkörpert Arroganz, so viel-zu-langsam haben sie ihn gebaut. Was für ein Stück. Wenn dann auch noch zu vernehmen ist, »Cool Out« sei ein ungemasterter Demo-Track für das im Herbst erscheinende Debüt des Duos…

Vexd Wilder Kontrollverlust! Und so singe ich dreizehnmal »Cool out, cool out, don't try to trigger my style!«, und um es mir danach voll zu geben, gönne ich mir die Sommeroffensive von Planet Mu: Furchtbares Magenrütteln durch subsonisches Powerplay von Ra aus Paris mit seiner EP »Ev. Panic Redone« und den Alben »Adapt« von Milanese und »Restaurant Of Assasins« von Neil Landstrumm. Zum Schluss, vor nochmaliger Hingabe an »Cool out, cool out, don't try to trigger my style!«, der darke Hit für die Raves:  »Fallen« von Distance im Remix von Vex'd.

Es liebt Dich und Deine Körperlichkeit, ein Ausgeflippter.

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