SPEX No. 377: Ben Frost – Apocalypse wow

SPEX No. 377, die November/Dezember-Ausgabe 2017 – inklusive der SPEX-CD 140 mit zwölf Titeln –, ist ab sofort im SPEX-Shop erhältlich und ab Donnerstag, dem 26. Oktober 2017, im Zeitschriftenhandel. Hier finden sich die aktuellen Abo-Prämien. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte folgen in Kürze auf www.spex.de.

TITEL

BEN FROST: Bedrängt vom Druck der Materie
Text – Arno Raffeiner
Fotografie – Andy Kania
Es gibt eine Verbindung zwischen Krankenkasse und Flugzeugträger: die Musik von Ben Frost. Seit 15 Jahren operiert der in Island lebende Australier mit Klavier und Krach, zwischen Pathos und harten Fakten, ohne Worte, aber mit unmissverständlicher Ansage. Während des Trump-vs.-Clinton-Wahlkampfs machte er sich auf den Weg zu Steve Albini nach Chicago. Der hatte schon Platten von PJ Harvey und Nirvana magnetischen Wumms verpasst und sollte nun noch mehr Brutzeln aus Frosts Kurzschlussklängen holen. Das tat er. Die heimliche Sehnsucht nach dem Totalkollaps klang lange nicht so dampfwalzig und hymnisch wie auf The Centre Cannot Hold.

MUSIK

KING KRULE: Kein Fön im Badewasser
Text – Jennifer Beck
Fotografie – Sebastian Mayer
Niemand klaut geiler als Archy Marshall. Als King Krule hat der Londoner in einem Septakkord und dem immer gleichen Binnenreim schon mit Anfang 20 die letzten 60 Jahre Musikgeschichte versampelt. Jetzt fragt er sich: Was soll denn da noch kommen? Die Antwort lautet: nichts. Sein zweites Album The Ooz croont zärtlich von Nihilismus und Sprachlosigkeit.

ZIÚR: Saufen müssen die Pferde selbst
Text – Sonja Matuszczyk
Fotografie – Thomas Hauser
Beats als Aufruf zum Aktivismus: Darum geht es der in Berlin lebenden Produzentin und Veranstalterin Ziúr mit dem aufrüttelnden Sound ihrer Tracks. Mit ihren Events will sie Orte für kollektive Ermächtigung schaffen. Als Gegenleistung fordert Ziúr Einsatz gegen die Diskriminierung von Minderheiten. Ihr Debütalbum U Feel Anything? kämpft nun gegen die Indoktrination mit Gefühlen an, zumindest mit den falschen.

GEWALT: Heitere Blumen des Bösen
Text – Holger in’t Veld
Illustration – Patrick Klose
Mit der Band Surrogat, den Labels Kitty-Yo und Louisville sowie notorisch großmäuligen Ansagen schrieb Patrick Wagner ein Stück deutsche Popgeschichte – und noch mehr rote Zahlen. Seit über einem Jahr reagiert er mit einer neuen Band auf den Bankrott unserer Gesellschaft: bloß kein Business, nieder mit Konventionen, stattdessen punktuelle, heftige Entladung von Gewalt.

DJ SPINN, DJ PAYPAL, DJ TAYE: Mach den Michael Jackson!
Text – Alexis Waltz
Fotografie – Miguel Brusch
Juke ist der Sound, zu dem die Footwork-Tänzer in Chicago seit Jahren ihre Beine verknoten. Mit DJ Rashad starb einer der einfallsreichsten Produzenten just in dem Moment, als Musik und Tanzstil weltweit für Furore sorgten. Bei einem Auftritt in Berlin erzählen DJ Spinn, DJ Paypal und DJ Taye, allesamt Mitglieder von Rashads Teklife-Crew, wie sie von den Rollschuhbahnen und den dance battles in Chicago den Sprung über den Atlantik schafften und wie sie den Tod ihres Mentors verarbeiten.

AUF DEN SPUREN DES PASSINHO IN RIO: Schritt für Schrittchen
Text – Viktor Coco
Fotografie – Kristin Bethge
Auch wenn die Weltöffentlichkeit sich von Brasilien nach der Fußball-WM, den Olympischen Spielen und einer tiefgreifenden politischen und wirtschaftliche Krise abgewandt hat: In der sozialen und kulturellen Peripherie brodelt es weiter. Passinho, der Straßentanz zum genuinen Funk-Sound in den Favelas von Rio de Janeiro, hat seinen ersten großen Hype überlebt und ist dabei, sich als Jugendkultur zu etablieren. Ein Besuch bei den Passinho-Kids und den Dançarinos Brabos, den wilden Tänzern.

BJÖRK: Die Insel, die niemals war
Text – Georg Seeßlen
Illustration – Richard Savini
Die eleganteste Art, dem Sog des Todes zu entgehen, ist es, immer wieder neu geboren zu werden. Mit Vulnicura, einem Album, das schonungslos von ihrer zerbrochenen Beziehung erzählte, schien Björk am Ende angekommen zu sein, am Ende der Liebe und der Illusionen. Dass die Welt sich trotzdem weiter dreht, klingt wie Bonustipp Nummer 16 der 15 Tipps gegen Trennungsschmerz, ist aber auch die Erkenntnis, die zu Björks neuem Album führte. Doch wie genau geht es weiter? Ist der Aufbruch ins Utopische die einzige Lösung?

Vorspiel für Slowdive: „Rachels Zorn zu spüren ist grausam“
Text & Musikauswahl – Michael Döringer
Fotografie – Volker Conradus
„Fragen Sie bloß nicht“, murmelt Rachel Goswell und nimmt sichtlich gestresst im Backstage-Bereich einer Berliner Konzerthalle Platz. Selbstverständlich sei es anstrengend, seit drei Jahren fast pausenlos auf Tour zu sein. Goswell und ihre 1989 in Reading gegründete Band Slowdive, Shoegaze-Ikonen der Neunzigerjahre, streichen seit der Reunion im Jahr 2014 endlich den Ruhm ein, der ihnen zusteht. Mit Britpop und Techno im Ohr erklärt Goswell, woran es damals scheiterte und wie es zur großen Renaissance von Slowdive kommen konnte.

FILM / KUNST / MODE / LITERATUR

ED ATKINS: Die Kakofonie des Analogen
Text – Alexis Waltz
Der britische Post-Internet-Künstler Ed Atkins erteilt Technikoptimisten eine entschiedene Absage. Der menschliche Körper und seine Abbildungen werden für immer Feinde sein, und durch die Vorherrschaft des Digitalen drohen die Bilder die Übermacht zu erringen. In seiner Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau verarbeitet Atkins unsere Medienwelten mit tränentriefenden Animationen und alten Opernkostümen zu einem morbiden, melancholischen Reflexionsraum.

STRANGER THINGS VS. MARK FISHER: Als sich das Unbekannte noch nicht googeln ließ
Text – Philipp Rhensius
Die Welt besteht aus Geheimnissen und Gespenstern. Das gilt für die Kleinstadt Hawkins, den Schauplatz der Netflix-Serie Stranger Things, genauso wie für die Bücher von Mark Fisher. In seinem letzten Essayband schrieb Fisher über Das Seltsame und das Gespenstische und zeigte Möglichkeiten auf, das vermeintlich Altbekannte mit immer neuer Faszination zu erleben. So wie es die Mystery-Serie jetzt in ihrer zweiten Staffel fortführt: Sie öffnet unsere Augen für das Etwas jenseits der Wirklichkeit.

CHRIS KRAUS: „Poesie hat reinigendes Potenzial“
Text – Melissa Canbaz
Fotografie – Christian Werner
Mit ihrem emanzipatorischen Briefroman I Love Dick legte Chris Kraus schon vor 20 Jahren den Finger in die Wunde des männlich dominierten Kunstbetriebs. Die neuseeländisch-amerikanische Autorin und Filmemacherin ebnete mit ihrem Ich-Erzählstil den Weg für spätere feministische Schriftstellerinnen und hat zuletzt eine Biografie über die Postpunk-Autorin After Kathy Acker veröffentlicht. SPEX sprach mit ihr über die Politik von Autofiktion, den weiblichen Blick und Kraus’ Tätigkeit als Verlegerin.

WILLIAM FAN: „Ich finde es wichtig, dass meine Wurzeln sichtbar sind“
Text – Annika Reith
Fotografie – Ansgar Sollmann
Er gilt als Berlins talentiertester Nachwuchsdesigner und als derjenige, der jede Saison die meisten Überraschungen bereithält. William Fan zelebriert seit seinem Modestudium in Arnheim und Berlin-Weißensee das gestreifte Hemd als Unisex-Basic. Aber bei aller Geradlinigkeit hat er sich seine Vorliebe für die Farbe Gold und eine gewisse Dramatik in seinen Entwürfen bewahrt. Mit seinen Kollektionen greift er autobiografische Details auf, etwa die Geschichte seiner Eltern, die von Hongkong nach Garbsen auswanderten, um ein Restaurant zu eröffnen, oder seine Jugend als bunter Vogel in der niedersächsischen Kleinstadt.

EINKLANG
Neues aus Musik, Film & Literatur

Mit: Claudia Rankine, Klein, Mauno, Jamila Woods, Gallagher vs. Gallagher, Detroit, Danger Incorporated, Andrra, Borg vs. McEnroe, Sommer vs. Gruber

KOLUMNEN

Wie wir leben wollen No. 16 – Bauanleitung für ein neues Morgen
Text – Andreas Spechtl
Kein Boden unter den Füßen. Das ist das Fundament, auf dem Andreas Spechtl arbeitet. Das ist es, was unsere Welt nötig hätte, um sich vom Spuk alter Dämonen zu befreien. Man kann den Halt verlieren ohne einstige Gewissheiten, aber nur so eröffnen sich neue Perspektiven. Alles-über-den-Haufen-Werfen ist das Leitmotiv für Spechtls jüngstes Werk: Thinking About Tomorrow, And How To Build It. Hier schreibt der Musiker über die Entstehung seines Albums im Iran, das Ausbrechen aus Routinen und die Chancen einer verdammten Zukunft.

Abgrund & Oberfläche
Diana Weis durchschaut die Styles der Styler
Fortschreitende Muschisierung
Illustration – Patrick Klose

Fatma Morgana
Fatma Aydemir folgt ihrer imaginären Freundin in die Parallelgesellschaften
Die Quoten-woman-of-color
Illustration – Patrick Klose

Taxi für Rützel
Aus den Speakern der Droschke offenbart sich Anja Rützel die Welt
Die letzten Taxis der Menschheit
Illustration – Patrick Klose

KRITIKEN

Album der Ausgabe: James Holden & The Animal Spirits The Animal Spirits

Außerdem Rezensionen zu Morrissey, St. Vincent, Courtney Barnett & Kurt Vile, Destroyer, F.S.K., Wanda, Julien Baker, Converge, Ace Tee, Dillon, Escape-ism, Ibeyi, Beck, John Maus, Throbbing Gristle, Andreas Spechtl, Maurice & Die Familie Summen, Circuit Des Yeux, Alex Lahey, Zugezogen Maskulin, Nadah El Shazly, Matias Aguayo & The Desdemonas, Hope, Kettcar

XXXVIII – von Diedrich Diederichsen
Jason Grier, Lee Gamble, Greg Fox, James Blood Ulmer, Gagarin, Francisco Meirino & Miguel A. Garcia, Dmitry Evgrafov

Present Shocks – Elektronische Musik zur Zeit mit Kristoffer Cornils
Yasuaki Shimizu, Suzanne Ciani, Easyjet

Gegenwartskunde – Popwelt mit Klaus Walter
Feeling Nice, Funkadelic

Punchzeilen – Rap mit Marcus Staiger
Celo & Abdi, BSMG, Trettmann

Odyshape – Selten gehörte Musik mit Joachim Ody
Luc Ferrari, Raymond Scott, Sollmann & Gürtler

Filmkritiken
Good Time, Streetscapes [Dialogue], 120 BPM

Buchkritiken
The Justified Ancients Of Mu Mu 2023: A Trilogy, Sasha Marianna Salzmann Außer Sich, Simon Reynolds Glam

PERSPEKTIVE

PORNOS ÜBER NAHOST: Emanzipation und Regression im arabischen Raum
Text – Robert Defcon
Fotocollagen – Liichi Inaba
Sex mit Hidschab auf Video: Der ägyptische Autor Youssef Rakha beschäftigt sich seit Jahren mit Pornografie in den arabischen Gesellschaften. Er versteht sie als Kristallisationspunkt von Intimität und Öffentlichkeit, Befreiung und Unterdrückung. In seinem Essay Arab Porn analysiert Rakha nun die neuen Wichsvorlagen im Breitband-Internet und spürt damit den sozialen Entwicklungen in der Folge des Arabischen Frühlings nach.

SPEX CD 140
Zusammenstellung – Daniel Gerhardt
Fotografie – Karoline Kaemling

1. Slowdive – „30th June“
2. Jamila Woods – „VRY BLK“ (feat. Noname)
3. Destroyer – „Tinseltown Swimming In Blood“
4. Andreas Spechtl – „Future Memories“
5. Courtney Barnett & Kurt Vile – „Continental Breakfast“
6. Ben Frost – „Ionia“
7. Alex Lahey – „Everyday’s The Weekend“
8. Mauno – „How Long“
9. Ziúr „Laughing And Crying Are The Same Things“
10. Matias Aguaya & The Desdemonas – „Supreme“
11. Hope – „Kingdom“
12. Throbbing Gristle – „Convincing People“

JAHRESPOLL 2017

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