SPEX N° 367: Blick nach drüben – David Bowie, Pop & der Tod

SPEX_No367_Cover_Umschlagbogen_KIOSK_v01_RZ.indd

SPEX N° 367, die März/April-Ausgabe 2016 – inklusive der SPEX CD 130 mit zwölf Titeln –, ist ab sofort im SPEX-Shop erhältlich und ab Donnerstag, dem 18. Februar 2016, im Zeitschriftenhandel. Die aktuellen Abo-Prämien finden sich hier. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte folgen in Kürze auf www.spex.de.

TITEL / SCHWERPUNKT

BIS ZUM LETZTEN ATEMZUG – David Bowie, Pop & der Tod
David Bowie mit Knopfaugen. Mit Augenbinde. Als Wiedergänger des biblischen Lazarus, der zwischen den Welten der Lebenden und der Toten schwebt. Ende des vergangenen Jahres flutete einer der einflussreichsten Popkünstler überhaupt die Medienwelt einmal mehr mit Bildern und Symbolen einer neuen Inkarnation. Der Tod stand der in stetem Wandel befindlichen Kunstfigur David Bowie so gut, dass vor dem 10. Januar 2016 niemand auf die Idee kam, es könnte sich um die letzte Rolle ihres Schöpfers handeln. Selbst danach wollten manche glauben, die Nachricht von Bowies Krebstod sei nur Teil einer großen Mise en Scène. Der glorifizierte, von Bowie selbst längst spielerisch gebrochene »Rock’n’Roll- Suicide« wird zunehmend vom prosaischen Löffel-Abgeben durch Alter und Krankheit abgelöst. Bowie hat in beinahe beängstigender Konsequenz vorgeführt, wie auch das Abnibbeln inszeniert werden kann. Sterben ist der privateste Moment im Leben eines Menschen. Bowie hat ihn ganz für sich behalten und machte seinen Abgang doch zu einem durchchoreografierten Ereignis im Licht der Weltöffentlichkeit, ikonisch und konsequent bis zum letzten Atemzug. Und weit darüber hinaus.

BOWIE UND DAS CHAOS: Henne und Ei in einem
TEXT: Zola Jesus

BOWIE UND DIE MELANCHOLIE: »There’s nothing I can do«
TEXT: Holger Hiller

WAHLVERWANDTSCHAFTEN N° 14 – SOAP & SKIN VS. DIETMAR DATH: »Er nimmt sich sein letztmögliches Kostüm«
TEXT: Klaus Walter FOTOS: Michael Dürr (Soap & Skin) Evelyn Dragan (Dietmar Dath)
Ob ich mit Soap & Skin und Dietmar Dath über den Tod reden möchte, fragt die Redaktion. Daths neuer Roman heißt Leider bin ich tot, und so heißt auch ein Song auf Nicht sterben. Aufpassen., dem Album von The Schwarzenbach, auf dem Dath singt. Im Repertoire der Musikerin Anja Plaschg alias Soap & Skin gibt es Stücke wie »Marche Funèbre«, »Deathmental« und den Song »Vater«, inspiriert vom Tod ihres Vaters. Wir leben weit voneinander entfernt, Soap & Skin möchte lieber schreiben als sprechen, also mailen wir uns. Dath antwortet schnell, Soap & Skin langsamer, Mails überschneiden sich. So ist der folgende Text auch das Dokument einer Zumutung und eines Scheiterns. Scheitern beim Versuch, die Balance zu finden zwischen Nähe und Distanz. Scheitern beim Versuch, die Künstler-Personae zu trennen von den Menschen, mit denen man sich zu unterhalten versucht – weil man sie gar nicht trennen kann, weil man aber, wenn man die Trennung nicht versucht, in die Falle des Biografistischen tappt. Von wegen »Kinder der Tod, ist gar nicht so schlimm«! Vergiss es, Palais Schaumburg!

TOTENTÄNZER: Die Kunst, das Sterben zu ertragen
TEXT: Fiona McGovern

EINKLANG
Neues aus Musik, Kunst und Literatur

Mit Chastity Belt, Eternauta, E.S. Mayorga, Adia Victoria, Lafawndah, Maurice Louca, Kiran Leonard, Vera Drebusch

POPKULTUR / GESELLSCHAFT

BIG UPS: Der Sturm vor der Ruhe
TEXT: Hendrik Otremba FOTOS: Katharina Poblotzki
Arbeit ist Hardcore. Hardcore ist Arbeit. So symmetrisch schön und naturgesetzlich schlicht liest sich das Credo von Big Ups. Die Musik der Band aus Brooklyn lebt vom ständigen Wechselspiel aus Explosion und Reflexion. Ihr zweites Album Before A Million Universes prescht voran wie eine Dampfwalze, unterwegs zwischen Existenzialismus, Broterwerb und dem Abgrund hinter der nächsten Klippe.

PUSHA T: Der Unverwundbare
TEXT: Daniel Gerhardt
Als Regelbrecher und Moralverweigerer gehörten Clipse aus Virginia lange zu den besten Ver­käufern im engen Feld des Coke­-Rap. Eigentlich handelt die Geschichte der MCs Malice und Pusha T aber von zwei Brüdern, die auseinanderdriften, weil der eine zu Jesus findet und der andere zu Yeezus. Pusha T ist der andere, ein Be­strafungskatalog von einem Rapper – und heute auch ein Geschäftsmann mit was­serdichter Steuererklärung. Man würde ihn gern lieben, aber die Sache ist kom­pliziert.

DRANGSAL: Vergib den geschwärzten Seelen!
TEXT: Thomas Vorreyer FOTOS: Fabian Schubert
Steve Albini hat recht, Ian Curtis ist ein drogensüchtiger Wichser, Hubert Kah bringt dich zum Heulen. So lauten die Heiligenlegenden des Max Gruber. Der junge Mann aus der Pfalz ist selbst ein musikverrückter Drinni, der mit seinem Debütalbum Klänge aus den Achtzigerjahren mindestens doppelt so gut ins Heute holen will wie alle anderen. Für den Dreh seines ersten Drangsal-­Videos verabredete Gruber sich mit Dschungelcamp-­Prominenz zum Engtanz in der Kirche. SPEX war dabei.

Wie wir leben wollen N° 10: Wir gegen die und für alle, die so sind wie wir
TEXT: Kerstin Grether ILLUSTRATION: Patrick Klose
18 Solokünstler und sieben Bands haben es auf die SPEX­-Bestenliste des vergan­genen Jahres geschafft. In anderen Maga­zinen war das Verhältnis oft noch weniger ausgewogen. Hat das Modell der Band, die sich zusammentut, zusammen rum­ spinnt und vielleicht sogar zusammen die Welt verändert, ausgedient? Unsere Autorin, selbst Teil einer Band, betreibt Ursachenforschung und beobachtet, wie sich neoliberales Gedankengut im einen oder anderen Bandgefüge einnistet.

SHORBANOOR: Das Trommelfell einer ganzen Stadt
TEXT: Farhad Mirza FOTO: Tabish Habib
Der pakistanische Musiker Shehzad Noor war Rockstar und Hoffnungsträger einer gebeutelten DIY-­Szene. Dann schmiss er hin, um sich ganz anderen Ärger einzuhandeln. Unter dem Namen Shorbanoor erkundet er heute gefährliches Terri­torium zwischen geistlicher und weltlicher Musik. Seine Debüt-­EP Sulphur Man stellt religiöse Dogmen infrage – ohne auf politische Dogmen hereinzufallen.

NEUE MEISTER: Alles außer Krisenrauschen
TEXT: Dennis Pohl FOTOS: Johanna Klein & Christoph Gabriel CGI: Manuel Birnbacher
Erleben wir einen Erneuerungsprozess altehrwürdiger Musik? Oder bloß ein neues Spießertum? Sogenannte »Neue Meister« wie Max Richter, Nils Frahm und Fede­rico Albanese sind jeder für sich genommen ein Fünftel Lady Gaga, zumindest was ihre Reichweite beim Musik­streaming betrifft. Sie werden gefeiert dafür, dass sie klassische Musik wieder näher an die Jetztzeit rücken möchten. Und diese Zeit schafft offensichtlich ein Bedürf­ nis nach beruhigenden, gutbürgerlichen Klanglandschaf­ten. Was ist neu an der »Neuen Klassik«?

Vorspiel für JOCHEN DISTELMEYER: »Bei Costello habe ich ein Scorsese-Problem«
TEXT UND MUSIKAUSWAHL: Aram Lintzel FOTOS: Yves Borgwardt
Auf der Lesereise zu seinem ersten Roman Otis trug Jochen Distelmeyer nicht nur aus dem Buch vor, sondern gab auch Lieb­lingslieder zum Besten: von Joni Mitchell, Britney Spears, Lana Del Rey und anderen. Seine Interpre­tationen sind nun auf Songs From The Bottom Vol. 1 zu hören. Im Büro seiner Berliner Plattenfirma wird Distelmeyer von SPEX mit einer Auswahl weiterer Coverver­sionen konfrontiert und sinniert dabei, ziemlich erkältet, über Ein­flüsse, das Gefühl von Auch-­haben­-Wollen und die Seelenverwandt­schaft der beiden Udos. Dabei lässt Distelmeyer es sich nicht nehmen, den Spieß umzudrehen und auch selbst Musik vorzuspielen.

Tanz mich nicht an!
TEXT: Mithu Sanyal
Es ist schon so weit, dass sie jedes Mal, wenn irgendwo »Poetryslam« steht, »Islam« liest. Mithu Sanyal ist feministische Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Für SPEX sucht sie nach einem dringend notwendigen Gegengift zu den gan­zen freudlosen Nachrichten und Kommentaren, die nicht erst mit der Silvesternacht in Köln begannen.

BASED ON A TRUE STORY: Elend bleibt Elend
TEXT: Alexis Waltz
Mit eigenständigen Stoffen tut sich das Kino derzeit schwer. Literaturverfilmungen, Sequels und Biopics überwiegen die Zahl der Originalgeschichten bei weitem. Immer wieder setzen Filmproduzenten auf ein Format, das man als produktionstechnisch und mit Starpower aufgepimptes Dokudrama charakterisieren könnte: Filme wie Spotlight, The Big Short oder auch American Hustle und Serien wie Show Me A Hero dramatisieren historische Sachverhalte. Warum sind »echte« Ereignisse spannender als erfundene Geschichten?

Bob Odenkirk: »Ich habe gelernt, dass man überlebt«
TEXT: Patrick Heidmann
Im Showgeschäft in Lohn und Brot stehen und trotzdem unbekannt bleiben – damit kennt Bob Odenkirk sich aus. Er begann seine Karriere als Sketch-Schreiber, war Komiker und spielte winzige Rollen in Serien wie Seinfeld und Arrested Development. Doch seit er in Breaking Bad die Rolle des schmierigen Anwalts Saul Goodman übernahm, die eigentlich nur für ein paar Folgen vorgesehen war, ist in seinem Leben kaum noch etwas wie zuvor. Nun startet die zweite Staffel des Breaking-Bad-Spin-offs Better Call Saul mit Odenkirk in der Hauptrolle. Kein Wunder, dass der 53-Jährige beim Gespräch blendend gelaunt ist.

Bernhard Willhelm: »Eine Banane macht wahrscheinlich glücklich«
TEXT: Agata Waleczek FOTOS: Elizabeth Weinberg
Er gilt als Paradiesvogel unter den Modemachern. Seine exzentrischen Kreationen präsentiert Bernhard Willhelm inzwischen in Museen statt auf Laufstegen, zuletzt im Museum Of Contemporary Art in Los Angeles, wo er nach einer anstrengenden Zeit in Paris neue Kräfte sammelt. Nach dem Studium an der Royal Academy Of Fine Arts in Antwerpen gründete er 1999 mit Jutta Kraus sein eigenes Label. In Zukunft würde er gern etwas für ein Ballett entwerfen. Tanzen mag er ohnehin.

20 JAHRE UNENDLICHER SPASS: Mehr Buch geht nicht
TEXT: Gerald Lind ILLUSTRATION: Patrick Klose
Bei Erscheinen im Februar 1996 wurde Infinite Jest als »American Grunge Novel« und popkulturelles Ereignis gehypt. 20 Jahre später lässt sich sagen: David Foster Wallaces zeit- und zukunftsdiagnostischer Überroman hat mehr zu bieten als literarische Coolness. Was aber wurde aus den düsteren Aussichten des Schriftstellers, der vor acht Jahren Selbstmord beging?

PERSPEKTIVE: »Es gibt nur dich und mich« – Fetisch ohne Körper
TEXT: Kristoffer Cornils & Sonja Matuszczyk ILLUSTRATIONEN: Moonassi
Hologramme von toten oder komplett virtuellen Stars geistern über Festivalbühnen, Smartphones säuseln ihren Nutzern intime Botschaften zu, Pop streift seine Körperlichkeit zusehends ab und geht in digitalen Bildwelten auf. Kurzum: Das eben noch Handfeste verflüssigt sich, alles wird immer flüchtiger. Was erwartet uns also jenseits der Körper? Können wir die uns entgleitende Welt überhaupt noch festhalten?

KOLUMNEN

Der Rote Planet
Robert Misik analysiert den Status Quo der modernen Linken
Religionskritik
ILLUSTRATION: Patrick Klose

Pofalte
Holger In’t Veld schreibt über die Abgründe des täglichen Ernährungswahnsinns
Sauerkraut statt Angst
ILLUSTRATION: Patrick Klose

Taxi für Rützel
Aus den Speakern der Droschke offenbart sich Anja Rützel die Welt
Der kleine Pauli
ILLUSTRATION: Patrick Klose

Bilder, die die Welt bewegten
Le Trou / Das Loch (Jaques Becker, 1960)
TEXT: Drehli Robnik
Fünf Häftlinge wollen aus einer Gefängniszelle ausbrechen. Zwei schieben einen Stapel Kartons zur Seite, einer hebt einige Parkettbretter aus ihrer Fassung. Mit einer Stahlstange bearbeitet er die Stelle am Boden, während die anderen besorgt zusehen. Erste vorsichtige Schläge kratzen nur am Estrich. Kurze Debatte: Man muss stärker hämmern, das wird auch lauter. Der Zellengenosse, der durch ein improvisiertes Periskop die Wachen im Korridor beobachtet, kann es kaum glauben: Das Hämmern ist so laut, dass es offenbar unverdächtig erscheint. Es folgen dreieinhalb Minuten Nahaufnahme, unterbrochen nur durch Schwenks auf die Weitergabe der Stange, in denen sich der Boden unter brutalen Schlägen in Estrichsplitter, Ziegeltrümmer und Schutt auflöst. Es entsteht ein Loch.

KRITIKEN

Album der Ausgabe: IGGY POP Post Pop Depression

Außerdem Rezensionen zu Moodymann, Fatima Al Qadiri, So Pitted, Matmos, Sarah Neufeld, Isolation Berlin, Diiv, Mary Ocher + Your Government, Moderat, School Of Seven Bells, Poliça, Irmin Schmidt, Ennio Morricone, The Field, Prince Rama, Money, Underworld, Your Friend, Damien Jurado, Daniel Haaksman, Choir Of Young Believers, Thao & The Get Down Stay Down, Post Industrial Boys, Liima, Primal Scream

Odyshape – Selten gehörte Musik mit Joachim Ody
Zeitkratzer, Reinhold Friedl, Frank Zappa

Gegenwartskunde – Popwelt mit Klaus Walter
Daniel Haaksman, Gqom Oh! The Sound Of Durban, African Head Charge

Punchzeilen – Rap mit Marcus Staiger
Ssio, Tami, Yung Hurn

Direct Cuts – Clubmusik mit Holger Klein
Nico Motte, Lance Neptune, Rising Sun

Filmkritiken
Sexarbeiterin, Trumbo, Anhedonia

Buchkritiken
Patti Smith – M Train. Erinnerungen, Nick Cave – The Sick Bag Song. Das Spucktütenlied, Jörg Heiser – Doppelleben. Kunst und Popmusik

SPEX CD 130
ZUSAMMENSTELLUNG: Daniel Gerhardt

1. Animal Collective – »Floridada«
2. Iggy Pop – »Gardenia«
3. Poliça – »Wedding«
4. Thao & The Get Down Stay Down – »Nobody Dies«
5. Kiran Leonard – »Secret Police«
6. Fatima Al Qadiri – »Battery«
7. Diiv – »Mire (Grant’s Song)«
8. Sarah Neufeld – »We’ve Got A Lot«
9. Mary Ocher & Your Gouvernment – »In Drag«
10. School Of Seven Bells – »Ablaze«
11. Money – »I’m Not Here«
12. Post Industrial Boys – »It’s Me«