​SPEX N°357, die November/Dezember-Ausgabe 2014, – inklusive der SPEX CD 121 mit zwölf Titeln – ist ab sofort im SPEX-Shop erhältlich und ab Donnerstag, dem 30. Oktober 2014, im Zeitschriftenhandel. Die aktuellen Abo-Prämien finden sich unter spex.de/abo/praemien. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte folgen in Kürze auf www.spex.de.

TITEL: MAUERKINDER
Wie der Osten die Republik verändert

Gibt es das überhaupt: eine ost- oder westdeutsche Mentalität? Wie sehr die Wende dieses Land verändert hat, ist eine Frage, die seit dem Mauerfall vor 25 Jahren immer wieder gestellt wird. Auf den ersten Blick ist die Republik zusammengerückt, hat der Osten den Westen ebenso geprägt wie andersrum. Die obersten Staatsämter sind mit ostsozialisierten Politikern besetzt, mit den Beatsteaks und Kraftklub kommen zwei der gesamtdeutsch erfolgreichsten Bands aus den sogenannten neuen Ländern. Leipzig und Dresden sind vitale Zentren, in Berlin merkt man immer weniger einen Unterschied zwischen den östlichen und westlichen Stadtteilen. Aber wie sieht die Republik heute tatsächlich aus? Wie viel DDR und wie viel alte BRD sind da noch? Und wie sehr prägt die DDR die jüngeren Generationen bis heute? Eine Spurensuche.

Von autonomen Atomen, Inslen, Westberlin: Die DDR und ich
TEXT: Wolfgang Müller
Die Republik ist eine andere geworden in den letzten 25 Jahren. Nicht nur wurde die vormalige DDR abgewickelt, auch die einstige BRD ist nicht mehr die alte Republik der Siebziger- und frühen Achtziger jahre. Neben allen offensichtlichen, durchaus positiven Veränderungen haben sich unter anderem auch verändert: die SPD, der Generationenvertrag, das Solidaritätsprinzip als Grundlage staatlichen Handelns. Mit den Überresten der Mauer wurden die sozialen Errungenschaften der Nachkriegszeit gleich mit entsorgt.

Wahlverwandschaften N° 6: ARNIM TEUTOBURG-WEIß VS. FELIX KUMMER: »Das war mir alles zu maskulin«
TEXT: Torsten Groß  FOTOS: Yves Borgwardt
In einer Zeit, in der Rockmusik in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle spielt, stehen sie zwei der größten jüngeren Rockbands der Republik vor: Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks und Felix Kummer von Kraftklub. Beide Musiker kommen aus den sogenannten neuen Bundesländern, sie kennen einander, seit Kraftklub vor einigen Jahren im Vorprogramm der Beatsteaks ihre erste große Tournee spielten, ein gemeinsames Interview gab es noch nie. Ein Gespräch über besondere Karrierewege, die Schatten der DDR, die Zeit nach der Wende sowie über die Frage, inwieweit die Generation der heute 20- bis 40-jährigen ostsozialisierten sich von ihren Altersgenossen aus Köln, München und Hamburg unterscheidet.

Norbert Bisky: Wie ein Lottogewinn
TEXT: Sonja Eismann
Norbert Bisky wird immer noch als der Post-DDR-Maler rezipiert, der als Ex-Schüler von Georg Baselitz diese knallig provozierenden Bilder im Stil des sozialrealistischen Körperkults pinselt, wo doch sein Vater, der Lothar … Dabei ist dem 1970 geborenen Künstler die DDR mittlerweile ziemlich schnurz. Die Rostocker Kunsthalle widmet seinem Werk nun unter dem Titel Zentrifuge die erste große Überblicksschau.

Fritz Kalkbrenner: Es gibt jetzt Eis am Stiel!
AUFZEICHNUNG: Thomas Venker
Der Berliner Produzent Fritz Kalkbrenner hat, 1981 geboren, die letzten Jahre der DDR noch als Kind miterlebt. Seine Eltern Clara und Jörn, beide Kulturjournalisten, vermittelten ihm Einblicke in die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen jener Tage. Nach der Wende wuchs er an der Seite seines Bruders Paul in die aufkeimende Technobewegung hinein, die vom Osten des Landes aus die gesamte Bundesrepublik prägen sollte. Für SPEX erinnert sich Fritz Kalkbrenner an die intensiven Jahre nach dem Mauerfall.

Songtextkritik: AG. GEIGE »Zeychen und Wunder«
TEXT: Cord Riechelmann

POPKULTUR

EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN: »Ich kenne nur Pazifisten«
TEXT: Ulrich Gutmair   FOTOS: Thomas Mayer
Irgendwo ist immer Krieg, gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Völkern sind das große Kontinuum menschlichen Daseins. Die Einstürzenden Neubauten haben nun die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts vertont, den Ersten Weltkrieg: Auf Lament donnert, grollt, seufzt und kracht es auf beklemmende Weise. Ein Gespräch mit Blixa Bargeld über Elektrohämmer, Wachswalzen, senegalesische Scharfschützen und die Auseinandersetzung mit Tod und Zerstörung.

RUN THE JEWELS: Kopf, Stein, Pflaster
TEXT: Dennis Pohl & Daniel Gerhardt   FOTOS: Joyce Kim
Die Rapper Killer Mike und El-P sind politisch denkende Bürger, unterschiedlich erfolgreiche Kleinunternehmer und für jeden dreckigen Witz zu haben. Als Run The Jewels lieferten sie letztes Jahr ein denkwürdiges Statement des trash talk ab. Seine Unverschämtheit wurde nur von seiner unverschämten Schlagfertigkeit überboten. Jetzt legen sie eine Platte für düstere Zeiten nach, die an den real talk ihrer Solokarrieren erinnert. Ohne die Kraft einer humorvollen Punchline zu vergessen. Eine Zusammenführung.

Vorspiel für THURSTON MOORE: »Ich wollte zur coolsten Gang der Stadt gehören«
TEXT & MUSIKAUSWAHL: Dennis Pohl   FOTOS: Jens Boldt
Über vierzig Mal tauchten Sonic Youth in SPEX auf, bis vor drei Jahren mit dem Ende der Ehe von Thurston Moore und Kim Gordon auch ihre wegweisende Band abgewickelt wurde. Nun veröffentlicht der 56-jährige Moore ein neues Album und wirkt wie ausgewechselt. Aus dem einsilbigen Querkopf ist ein zuvorkommender Gesprächspartner geworden, der sich zu Beginn der Unterhaltung nach einer SPEX-Ausgabe aus den frühen Neunzigern erkundigt, die in seiner Sammlung noch fehlt.

BOB DYLAN: The Basement Tapes
TEXT: Max Dax   FOTOS: Library Of Congress
Unfassbare 47 Jahre lang waren jene mythenumrankten Sessions, die Bob Dylan 1967 mit The Band bei Woodstock abhielt, eines der größten Geheimnisse des Pop. Mit The Basement Tapes Complete: The Bootleg Series Vol. 11 erscheint nun endlich eine komplette Sammlung aller erhaltenen Aufnahmen. Die Veröffentlichung der beeindruckenden Box ist ein historisches Ereignis. Sie dokumentiert die Erfindung der Americana, wie wir sie heute verstehen.

TV ON THE RADIO: Dieses Umz Umz Umz
TEXT: Daniel Gerhardt   FOTOS: John Dark
Den Traum von einer allseits offenen Künstlerszene in Brooklyn hatten TV On The Radio längst ausgeträumt, als ihr Bassist Gerard Smith vor dreieinhalb Jahren an Krebs starb. Mehr Teppiche wollte sich die ehemals wegweisende Band der tüfteligen US-Rockmusik nicht unter den Füßen wegziehen lassen. Ihr fünftes Album Seeds geht mit hochglänzender Popmusik und geradezu provokantem Optimismus auf seine Hörer los. Es ist das neue Manifest einer Laborkittelband, die im pinkfarbenen Anzug wiedergeboren wurde.

GROUPER: Büroleiter der Emotionen
TEXT: Thomas Vorreyer   FOTO: Dustin Askland
Liz Harris ist ein Verstärker. Da draußen blickt das Weltall auf uns herab und weint. Weint über so viel Selbstzerstörung, singt sein Klagelied. Allein, wir hören es nicht. Nur Harris scheint es wahrzunehmen und unter dem Namen Grouper in Musik zu bannen. Eine faszinierende, eigentümliche Musik, der am ehesten mit abstrakten Bildern beizukommen ist. Vor allem leise
ist sie, unglaublich leise. Wie der zarte Nachhall einer anderen Welt.

MOUSE ON MARS: »Alles ist Rauschen«
TEXT: Arno Raffeiner   FOTOS: Mark Pillai
Andi Toma kann den Mund nicht voll genug kriegen. Die Trauben, die im Monkeytown-Labelbüro in Berlin-Mitte angeboten werden, schmecken einfach zu gut. Außerdem stößt sein Partner Jan Werner, wegen einer schlimmen Bronchitis beim Arzt, erst später zum Gespräch dazu. Eine einmalige Gelegenheit für Toma, seine Sicht auf die Dinge darzulegen: 21 Jahre sind seit der Gründung von Mouse on Mars vergangen, das Jubiläum wird mit einer Compilation voll neuer Musik gefeiert. Schnell noch eine grüngelbe Frucht in den Mund gestopft und los! Ein Gespräch über japanischen Future Punk, wahnsinnig machende Musik und verliebte Delfine.

EINKLANG
Neues aus Musik, Theater und Comedy

Mit QT, Kurze Interviews mit fiesen Männer, Arca, Myrkur, Weyes Blood, Sarah Silverman

KOLUMNEN & SERIEN

WIE WIR LEBEN WOLLEN N° 4: Welterklärungsmuster für Denkfaule
TEXT: Patrick Gensing
Die Heftigkeit, mit der in diesen Tagen in Blogs, Kommentaren und auf der Straße antisemitische Ressentiments verbreitet werden, verbietet es fast, von einer Renaissance judenfeindlicher Positionen zu sprechen. Vielmehr schwappt jetzt an die Oberfläche, was sich in Mitteleuropa offenbar hartnäckiger hält als alle anderen Überzeugungen: das unsägliche, widerliche Klischee von der sogenannten jüdischen Weltverschwörung.

TAXI FÜR RÜTZEL: Ein leicht verhaltenes Ende
TEXT: Anja Rützel   ILLUSTRATION: Patrick Klose

GOOD MORNING AMERICA: Blitzkrieg auf Kunstrasen
TEXT: Steven Lee Beeber   ILLUSTRATION: Patrick Klose

POFALTE: Pizzaburger
TEXT: Holger in’t Veld  ILLUSTRATION: Patrick Klose

POPKULTUR

REALISMUS UND FILM Beschissene Welt in schönen Bildern
TEXT: Georg Seeßlen
In Zwei Tage, eine Nacht spielen die belgischen Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne ein perfides Szenario durch: Die Belegschaft eines Kleinunternehmens darf darüber abstimmen, ob eine junge Kollegin ihren Job behält oder der Boss allen eine Prämie auszahlt. Wie die Sache ausgeht, scheint von Anfang an klar. Entscheidender wird die Frage: Wie »echt« ist der von den Dardennes geprägte neue Realismus im Kino? Und: Wie kommt »die Wirklichkeit« überhaupt in den Film? Eine Bestandsaufnahme.

Bilder, die die Welt bewegten: TAXI NACH LEIPZIG
TEXT: Drehli Robnik

Filmkritiken
Zero Killed, Nightcrawler, Winterschlaf

GOMORRHA Höchste Zeit für keine Helden
TEXT: Gerhard Maier
Nach dem Buch-Bestseller und dem Spielfilm folgt nun die dritte Inkarnation von Roberto Savianos Mafia-Entzauberung. Die TV-Serie Gomorrha lebt von ihrem radikal neapolitanischen Look und Sound.Und vor allem davon, dass sie im Gegensatz zu US-amerikanischen Vorbildern mit dem Mythos vom Outlaw-Helden bricht. In Gomorrha gibt es keine ehrenwerte Gesellschaft.

Legalize It?
TEXT: Rainer Schmidt
Wer die aktuelle Drogenpolitik verteidigt, ist ein Ideologe. Wer behauptet, Gras sei absolut unschädlich, auch. Rainer Schmidt, Autor des Romans Die Cannabis GmbH, erklärt, warum die Legalisierung von Cannabis jenseits aller öden Kifferromantik trotzdem ein Gebot der Vernunft ist.

TINO SEHGAL: »Erfahrung – das ist die Materie, aus der Leben besteht«
TEXT: Arno Raffeiner FOTOS: Kristin Loschert
Tino Sehgal ist Tänzer, Choreograf und einer der prominentesten bildenden Künstler dieser Tage. Dabei produziert der 1976 in London geborene und in Deutschland aufgewachsene Sehgal im herkömmlichen Sinne – nichts. Mithilfe sogenannter Interpreten, die mal singen und tanzen, mal diskutieren oder küssen, schafft Sehgal »konstruierte Situationen«. Es gibt keinerlei Dokumentation dieser Werke, alles, selbst der Verkauf, spielt sich im Bereich des Immateriellen ab. SPEX gestattete er an einem strahlenden Septembertag in Berlin ausnahmsweise, eines seiner raren Interviews aufzuzeichnen.

Literaturkritiken
John Darnielle Wolf In The Van, Andi Schoon Sujet Imaginaire. Ein Figurenentwurf, n+1 ›Happiness‹:Ten Years Of n+1, Thomas Pynchon Bleeding Edge

Cultural Appropriation in Mode und Pop
TEXT: Sonja Eismann
Das Phänomen der kulturellen Aneignung ist seit jeher integraler Bestandteil von Mode und Popkultur: Geklaut wird alles, was nicht festgeschraubt ist. Erst in den letzten Jahren hat sich vor allem im Internet eine Debatte um die unscharfen Grenzen zwischen Ausbeutung und Tribut entwickelt. Wenn Wehrlose und Minderheiten betroffen sind, gilt Cultural Appropriation inzwischen als problematisch.

KRITIKEN

Album der Ausgabe: RICHARD DAWSON Nothing Important

Außerdem Rezensionen zu Dean Blunt, Thom Yorke, Barnt, Tinashe, Nazoranai, Scott Walker + Sunn O))), Oren Ambarchi, Ariel Pink, Deptford Goth, Dan Bodan, Stars, Objekt, Andy Stott, Cooly G, Biblo, Godflesh, Tujiko Noriko, Rodion G.A., Virginia Wing, Ensamble Polifonico Vallenato, Les Sins, Karies, Jason & Theodor, Clark, Paula Temple, Jon Hassell / Brian Eno, Holly Johnson

Werke XXI – Willkürlich und anlassfrei zusammengestellt von Diedrich Diederichsen
Julius Eastman, Jace Clayton, Howe Gelb / Radian, Günter Schickert, Roah Chromium

Odyshape – Selten gehörte Musik mit Joachim Ody
Nico Muhly, Steve Reich, Edition Musikfabrik, Jenny Hval & Susanna

Gegenwartskunde – Popwelt mit Klaus Walter
Esa Shields, Praezisa Ra-Pid 3000

Punchzeilen – Rap mit Marcus Staiger
Curse, Antilopen Gang, Disarstar

Direct Cuts – Clubmusik mit Holger Klein
Recondite, Slam, Steffi, Korrupt Data

SPEX CD 121
ZUSAMMENSTELLUNG: Daniel Gerhardt

1. Stars – »No One Is Lost«
2. Run The Jewels – »Oh My Darling Don’t Cry«
3. TV On The radio – »Happy Idiot«
4. Arca – »Thievery«
5. Cooly G – »Like A Woman Should«
6. Jon Hassell / Brian Eno – »Delta Rain Dream«
7. Weyes Blood – »Land Of Broken Dreams«
8. Deptford Goth – »Relics«
9. Agnes Obel – »Fuel To Fire« (David Lynch Remix)
10. Barnt – »22:25«
11. Dan Bodan – »Romeo«
12. Myrkur – »Nattens Barn«

Rückblende: KATE BUSH Zwischen Leben und Tod
TEXT: Thomas Venker   FOTO: Gavin Bush / REX

AUSKLANG
Exklusiv für SPEX von Kathrin Sonntag