Aqualung Memory Man

Wer bei Aqualung sofort an die sanften Gitarrenklänge von »Strange and Beautiful« denkt und schon mal eine Kanne grünen Tee aufgesetzt hat, um es sich mit der neuen Platte gemütlich zu machen, den wird es beim ersten Hören des neuen Albums aus seinem Sessel katapultieren. 13 Sekunden lang das gewohnte Bild vorsichtig platzierter Pianotupfer, dann kommt schon die Gitarrenriff-Druckwelle um die Ecke, die einen noch einmal zum Cover greifen lässt. Aqualung? Tatsächlich! Die Eröffnung des Albums mit »Cinderella« ist keine Ausnahme. Während der gesamten elf Tracks des Albums wartet man vergeblich auf ein »Strange and Beautiful II«. Whatever happened? Wohin der Lo-Fi? Warum der ganze Bombast?
    Eine entscheidende Rolle für den Sound-Relaunch spielt Matt Hales Zeit in den USA. 2005 brachte Columbia Records dort eine Compilation aus seinen ersten beiden Alben »Aqualung« und »Still Life« auf den Markt, die sich immerhin 250.000 Mal verkaufte. Auf der darauf folgenden ausgiebigen US-Tour probierte der Multiinstrumentalist verschiedene Musiker, Live-Locations und Effekte aus. Neben der elektrischen Gitarre entdeckte er so von Moogbass bis Vocoder allerlei elektronische Gadgets für sich. Und so wurde aus Lo-Fi Hi-Fi. Insbesondere ein Hall-Effekt namens »Memory Man« hatte es Hales angetan. Ein Albumtitel für das neue Album war also auch gefunden, das seinen eigenen Worten nach »Complex, widescreen and full of drama« sein sollte.
    Das glückt bei »Cinderella«, der ersten Single »Something to Believe In« oder »Outside«. Hier beweist Aqualung, der sich beim Songwriting immer noch von Frau und Bruder unter die Arme greifen lässt, dass er ein sicheres Gespür für große Pop-Melodien hat. Über weite Strecken büßt Aqualung durch den kompositorischen Umbau aber seine Eigenheit ein. »Black Hole« ähnelt bis zum Refrain stark U2s »Beautiful Day«, »Glimmer« könnte genauso gut die neue Single von James Blunt oder Damien Rice sein und »The Lake« gleicht Radioheads »Kid A«. Man könnte behaupten, mit seinem überambitionierten dritten Werk träfe Aqualung ziemlich genau den Geschmack des amerikanischen Publikums. So verwundert es nicht, dass viele der neuen Songs schon vorab ihre Auftritte in US-amerikanischen Fernsehserien hatten (»The Lake« in »Grey’s Anatomy – Season 3«, »Something to Believe In« in »CSI: Born to Kill« und »One Tree Hill – Season 4«). Auf alle Fälle kommt der frisch gebackene Vater (in Interviews spricht Hales momentan von fast nichts anderem) seinem Ziel, ›erwachsene Musik‹ zu machen, mit »Memory Man« sehr nahe.

LABEL: Red Ink

VERTRIEB: RTD

VÖ: 24.08.2007

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